Haus-Höhle im Hügel
Architektur als amphibisches Wesen: eine gut versteckte Ferienresidenz in der indischen Bergregion Westghats.
Da hockt es, versteckt unter Erde und Grasbüscheln und scheint den naheliegenden Fluss zu observieren. Wie ein amphibisches Wesen hat sich dieses Feriendomizil in die Spitze eines Hügels gegraben, um eins zu werden mit der Landschaft. Und wo könnte das auf dramatischere Art und Weise passieren als in der indischen Bergregion Westghats, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Wer hier wohnt, muss mit der Natur einen Pakt schließen: Die Geschichte einer wunderbaren Symbiose.
Das Projekt war der erste Auftrag des Architekturbüros BRIO und hatte seinen Anfang im Jahr 2007. Trotz einiger Planungsunterbrechungen und Entwurfsvarianten blieb die Grundidee, ein Haus zu entwerfen, das sich in der Landschaft auflöst, über die Jahre erhalten. 2015 wurde das Riparian House eröffnet.
Federborstengrasdeckel
„Wir haben uns das Haus als lebenden Organismus am Rande des Flusses vorgestellt,“ erklärt der verantwortliche Architekt Robert Verrijt. „Ein getarnter Uferbewohner, der sich unter Schlamm, Gras und Steinen verkrochen hat.“ Und tatsächlich ist das Haus, von der Straße kommend, kaum auszumachen: Das bewachsene Dach liegt bündig im Erdreich und gibt nichts von seinem Unterbau preis. Der grüne Deckel hat aber nicht nur mit dem Understatement der Bewohner zu tun, sondern auch mit der ökologischen Bewirtschaftung des Gebäudes. Die Konstruktion isoliert und kühlt mit ihrer dicken Masse den Wohnbereich und sorgt dadurch für einen geringeren Klimatisierungsbedarf. Als Bepflanzung wählte BRIO Federborstengras, das äußerst widerstandsfähig ist und damit die ideale Voraussetzung für eine Region mitbringt, in der sich Monsun und Dürre die Klinke in die Hand geben.
Spektakel Natur
Die Haus-Höhle treppt sich entlang des Hügelverlaufs hinab und bietet seinen Bewohnern verschiedene kleine Terrassen mit Liegeflächen, einen Pool und grandiose Ausblicke nach Süden, Westen und Norden. Nach Osten, und damit auf das Dach, führen Stufen, die in den Fels hineingeschnitten wurden und ihren Anfang in einem kleinen Innenhof finden. Bis auf die tragenden Wände aus gestapeltem Felsstein öffnet sich das Gebäude über großformatige Fenster vollständig zum Außenraum und bietet den Bewohnern ein ganzjähriges Spektakel: Während der Monsunzeit, wenn der Flusspegel um bis zu zwei Meter ansteigt und sich die Landschaft zu einem temporären Tropenwald wandelt, erreicht die Konfrontation zwischen Mensch und Natur ihren Höhepunkt. Als einziger Schutz, vor allem vor ungewollten Einblicken, dienen Bambusstäbe, die in unregelmäßigen Clustern den äußersten Layer der Fassade bilden.
Jules-Verne-Charakter
Im Inneren bildet die Küche das Zentrum des Geschehens: Der Esstisch grenzt unmittelbar an die Fensterfront zum Innenhof und wird morgens mit ausreichend Sonnenlicht versorgt. Ebenfalls an der Ostseite des Hauses liegen die zwei Schlafräume, die damit weit von der Hauptfassade abrücken und im kühlen Erdreich stecken. Jeder der Räume verfügt über ein eigenes Bad, das sich über opake Klappfenster nach außen öffnen lässt. Die klassischen und hochwertigen Oberflächen und Einrichtungsobjekte runden den Jules-Verne-Charakter des Hauses ab. Doch die Architekten sehen ihr Projekt nicht nur positiv: „Häuser wie dieses sind die Vorläufer der Urbanisation. Dennoch könnte das Gebäude ein Vorbild dafür sein, wie die Landschaft während solcher Prozesse ihren Wert behalten und das Ökosystem aufrechterhalten bleiben könnte. Und zur gleichen Zeit Menschen die Vorzüge der Natur genießen können.“ Eine schöne Vision, die hoffentlich von vielen gehört und gesehen wird.
FOTOGRAFIE Ariel Huber
Ariel Huber
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