Hommage an das Hofhaus
CPLUS baut ein Familiendomizil in einem Vorort von Peking
Ohne eine genaue Vorgabe wandte sich der Bauherr eines Einfamilienhauses in einem ländlichen Vorort von Peking an das Architekturbüro CPLUS. Es sollte einfach gut werden. Das ließ den leitenden Architekt*innen Cheng Yanchun und Li Nan freie Hand. Sie entwarfen ein Zuhause, das sie der eigenen Mutter schenken könnten, in dem sich aber auch eine junge Familie wohlfühlen würde. So entstand Mother’s House – ein Mehrgenerationenhaus, das lokale Bautraditionen in moderne Wohnbedürfnisse übersetzt und in dem die optimale Nutzung von natürlichem Tageslicht eine zentrale Rolle spielt.
Mother’s House befindet sich im Xiying Village, unterhalb des beliebten Pofengling Scenic Spot. Dieses Naherholungsgebiet liegt in den Hügeln südwestlich der chinesischen Hauptstadt. Bei der Entwicklung des Entwurfs für das Eigenheim orientierte sich das Planungsteam an den Qualitäten traditioneller chinesischer Hofhäuser. Die sogenannten „Siheyuan“ sind besonders in der Region in und um Peking verbreitet. „Hutong“ nennen sich die historisch gewachsenen Wohnviertel inmitten der Metropole, in denen sich ein Siheyuan an das nächste reiht. Aufgrund der exorbitant gestiegenen Bodenpreise und einer radikalen Baupolitik werden Exemplare mit unbebautem Hinterhof jedoch immer seltener. Viele der bauhistorisch bedeutsamen Hutongs mussten bereits neuen Hochhaussiedlungen weichen. Zunehmend erkennen junge Familien die hohe Lebensqualität der traditionellen Hofhäuser und entscheiden sich darum, in ländlichere Regionen zu ziehen.
Wenn die U-Form mit der M-Form …
Der zweigeschossige Baukörper von Mother’s House hat einen U-förmigen Grundriss und öffnet sich mit einem Innenhof zu einem ummauerten Garten. Das markante Trogdach verleiht dem Gebäude seinen charakteristischen M-förmigen Querschnitt – eine subtile Anspielung auf den Projekttitel. Ortstypische Naturmaterialien in erdigen Farbtönen, wie Backstein, Holz und Stein, sorgen dafür, dass sich das Gebäude harmonisch in die ländliche Umgebung einfügt. Besonders auffällig sind die großformatigen Fenster mit ihren tiefen hölzernen Rahmungen zur südlichen Gartenseite sowie unterhalb der Traufen im Osten und Westen. Der Zugang erfolgt über eine Tür in der östlichen Gartenmauer. Vom Hof aus betritt man das Haus durch die Terrassentür.
Funktionsteilung mit Sichtverbindung
Das Gebäude hat eine Gesamtfläche von 144 Quadratmetern, der Garten hat etwa die gleiche Größe. Das Haus ist in drei Abschnitte gegliedert, die von Ost nach West verlaufen. Im Osttrakt befinden sich die Nutzräume: Küche und Esszimmer im Erdgeschoss sowie das Büro im Obergeschoss. Das Zentrum des Hauses ist als großzügiger Wohnbereich gestaltet, dessen Luftraum bis unter das Dach reicht. Diese vertikale Verbindung zwischen den Geschossen schafft Sichtverbindungen und soll die Kommunikation innerhalb der Familie fördern. Die Schlafzimmer im Westflügel sind kompakter gehalten und jeweils mit En-Suite-Bad übereinander angeordnet. Das erhöht die Ruhe und schafft Privatsphäre. Die Verbindung zwischen den Geschossen erfolgt über eine platzsparende, schmale Treppe. Die Korridore zwischen den Räumen im Obergeschoss öffnen sich als Galerie zum zentralen Atrium. Und auch das Büro hat dank einer großen internen Glasscheibe Sichtverbindung zum Wohnbereich.
Tageslichtnutzung und Gebäudeausrichtung
Die Hauptfenster des Hauses sind alle nach Süden und in Richtung des Gartens ausgerichtet. Ihre tiefen Fensterkästen aus Holz rahmen die Ausblicke effektvoll und dienen zugleich als Verschattungselemente, um zu verhindern, dass sich der Innenraum durch direkten Sonneneintrag zu stark erhitzt. Zudem eignen sich die Holzkästen – ausgestattet mit ein paar Kissen und einem guten Buch – wunderbar als gemütliche Rückzugsorte. Das V-förmige Dach und die strategisch platzierten Fenster unter den östlichen und westlichen Dachkanten sorgen für eine optimale Tageslichtnutzung auch in den Morgen- und Abendstunden. Sonnenlicht wandert über den Tag hinweg die hölzernen Dachschrägen entlang und füllt den Wohnbereich mit natürlichem Licht, während die Außenwände auf Sichthöhe fensterlos bleiben und als Stellfläche genutzt werden können. Damit sich das Licht bis in die Tiefe des Raums verteilen kann, schließen einige Wände im Obergeschoss nicht direkt an die Decke an, sondern enden in verglasten Streifen. Zusätzliches Licht dringt durch eine Glassteinwand im Osten ein und erhellt das Treppenhaus.
Barrierefreies Inside-Outside-Living
Durch die zwei Seitenflügel entsteht direkt angegliedert an den Wohntrakt ein Innenhof. Als permanent überdachter Außenraum ist dieser als witterungsgeschützter Zugangsbereich wirksam, dient aber auch als ganzjährige Erweiterung des Wohnraums. Dieser nahtlose Übergang zwischen Innen- und Außenbereich wird durch den vollständigen Verzicht auf Bodenschwellen noch verstärkt. Da Mother’s House als Mehrgenerationenhaus geplant wurde, ist das Erdgeschoss mitsamt dem durch Holzstege erschlossenen Garten barrierearm gestaltet.
Holz, wohin das Auge reicht
Die Innenräume strahlen durch die Verwendung natürlicher Materialien wie Holz, Stein, Leder und Textilien eine warme, einladende Atmosphäre aus. Die Wände sind sorgfältig handverputzt, wodurch sie eine interessante Oberflächenstruktur und Haptik erhalten. Der Boden im Erdgeschoss ist mit robusten Natursteinplatten belegt. Besonders ins Auge fällt der großzügige Einsatz von massivem Kirschbaumholz, das dem minimalistischen Interieur einen Hauch von skandinavischem Midcentury-Chic verleiht. Es findet sich in den Absturzsicherungen, der Deckenschalung, den eingebauten Regalen, dem Bodenbelag von Treppe und Obergeschoss sowie in den Fensterrahmen wieder. Blickfang im überdachten Innenhof ist eine aus einem ganzen Baumstamm gearbeitete Sitzbank. Auch das Mobiliar im Inneren, vom Esstisch über die Stühle und den Couchtisch bis hin zu den Tisch- und Hängeleuchten, besteht fast ausschließlich aus dem lebendigen Material.
Dass sich CPLUS bei der Gestaltung von eigenen Vorlieben hat leiten lassen, ist Mother’s House anzusehen. Die Kombination aus minimalistischem Design und vernakulärer Baukultur schafft eine harmonische Balance zwischen Tradition und Moderne. Gleichzeitig sorgen praktische und bauphysikalisch nachhaltige Lösungen dafür, dass das Gebäude im Einklang mit der Natur und den Bedürfnissen seiner Bewohner*innen steht.
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