Projekte

Imperfekte Schönheit

Eine wohnliche Verwandlung im Amsterdamer Grachtenviertel 

Im historischen Grachtenviertel von Amsterdam haben Framework Studio ein altes Lagergebäude in ein wohnliches Stadthaus transformiert. Die Innenräume wurden von den Hausherren als ein begehbares Gemälde konzipiert. 

von Norman Kietzmann, 27.05.2020

Architekten sind keineswegs nur für andere aktiv. Von Zeit zu Zeit planen sie auch für sich selbst. So erging es den beiden Gründern des Amsterdamer Framework Studios, Thomas Geerlings und seiner Frau Danielle. 2017 haben sie ein Stadthaus an der Prinsengracht erworben – in einer ruhigen Gegend, unweit des Amstelveld Platzes. Dass sich der Bau im heruntergekommenen Zustand präsentierte, störte sie nicht. „Wenn man eigene Projekte realisiert, sind die ersten Entscheidungen immer emotional getrieben“, ist Thomas Geerlings überzeugt.

Keine fünf Minuten nach der Besichtigungstour hatte das Paar beschlossen, das Haus zu kaufen. Dass sie zunächst ihrem Bauchgefühl vertrauten, sollte zu einigen Überraschungen führen. „Wir gingen davon aus, dass wir die Balken behalten können. Doch sie waren komplett verrottet – wie vieles in diesem fünfgeschossigen Bau“, erklärt der Architekt. Die Vorbesitzerin hat das Haus nicht nur schlecht in Schuss gehalten, sondern Wände und Türen einfügen lassen und damit den ursprünglichen Charakter stark verändert. „Also mussten wir wieder zurück zu den Anfängen“, bringt Thomas Geerlings die Direktive auf den Punkt.


Texturen und Strukturen 
An dieser Stelle kam ihnen die Sorgfalt der Behörden zu Hilfe: Im Stadtarchiv von Amsterdam werden die originalen Baupläne von fast allen denkmalgeschützten Gebäuden aufbewahrt – darunter auch von jenem Haus an der Prinsengracht. Als es 1896 erbaut wurde, diente es als Lagerhaus, das sich auf einem schmalen, langgezogenen Grundstück von rund 50 Quadratmetern erhebt. Dem Architektenpaar war es wichtig, den Räumen einen wohnlichen Charakter zu geben, anstatt das Raue und Industrielle zu akzentuieren. „Schöne Imperfektion“ benennen Thomas und Danielle Geerlings das Leitthema, dem sie den gesamten Umbauprozess unterworfen haben. Die Räume sollten nie glatt und steril wirken. Sie sollten durch haptische Oberflächen und Texturen mit Sinnlichkeit aufgeladen werden. 

Eine wichtige Rolle entfalten hierbei die materiellen Brüche: Stoffbezüge aus Bouclé und Samt harmonieren mit roh verputzten Zementwänden – vereint durch ihre unregelmäßigen und leicht dreidimensionalen Strukturen. Die Farbpalette der Möbel und Wände changiert zwischen pudrigen Grün-, Rosa- und Grautönen – selbst die Nichtfarbe Weiß kommt in elf verschiedenen Nuancen zum Einsatz. Eichenholzdielen verstärken die warme Atmosphäre in sämtlichen Wohnräumen. Doch auch bei ihnen gibt sich die Farbigkeit reduziert, indem das Holz geseift wurde und einen markanten hellgrauen Schleier trägt. In den Bädern sowie im Eingangsbereich des Stadthauses bewirken großformatige Marmorplatten eine edle Variation des Boden-Themas. „Für mich ist die Innenraumgestaltung wie die Komposition eines Gemäldes. Alle Elemente müssen miteinander sprechen“, erklärt Thomas Geerlings. 

Dinieren auf dem Sofa
Das Souterrain ist der öffentliche Teil des Hauses. Nachdem die Bewohner und Gäste eine kleine Treppe hinab gestiegen sind, werden sie im Eingangsbereich von einem hölzernen Schaukelpferd empfangen, das von der Manufaktur Stephenson’s Brothers in Kent angefertigt wurde. Von dort geht es am Treppenaufgang vorbei in die Küche, über der sich ein Glasdach erhebt. Thomas und Danielle Geerlings haben hier einen Teil des Innenhofs in das Gebäude integriert und so einen hellen wie großzügigen Raum geschaffen. 

Als Blickfang dient ein großes, offenes Vintage-Holzregal von Pierre Chapo, in dem sich Trinkgläser neben Vasen, Bilderrahmen und kompakte Skulpturen reihen. Eine Besonderheit ist die Typologie der Sitzmöbel. Der lange Esstisch aus Massivholz wird nicht von Stühlen umringt, sondern von vier kompakten Zweisitzern. Die von Thomas Geerlings entworfenen Polstermöbel sind mit einem grünen Samtstoff bezogen und wirken einladend und gemütlich. Mit ihren abgerundeten Konturen setzen sie einen atmosphärischen Gegenpol zum kantigen Esstisch sowie der mit hellgrauem Naturstein verkleideten Küche, die früher einmal in einer Amsterdamer Galerie stand.

Unbestimmte Bestimmtheit 
Im Obergeschoss folgt der private Wohnbereich der vierköpfigen Familie. Mit zwei großen Fenster öffnet sich das Kaminfenster zur Gracht. Hölzerne Bücherregale sind in die Wände eingelassen, ein hellgrünes Sofa mit grobem Kordbezug lädt zum Entspannen ein. Im hinteren Teil des Stockwerks spannt sich ein langer, schmaler Spieltisch an der Wand entlang und wird nur einseitig von einer gepolsterten Bank flankiert. Auf der anderen Seite des Raumes wird ein kürzerer Tisch von einem U-förmigen Sofa umringt. Es sind Orte des Zusammenseins, die durch ihre Unbestimmtheit und Offenheit überzeugen und eine Vielzahl menschlicher Interaktionen zulassen. 

In der zweiten Etage liegt das Elternschlafzimmer, im dritten und vierten Stockwerk die Kinder- und Gästeschlafzimmer. Die Farbigkeit wechselt hier zu gebrochenen Rosatönen. Hingucker ist eine Bank in Form der Comicfigur Pluto aus einer Achtzigerjahre-Walt-Disney-Möbelkollektion. Sie ist ein Geschenk des niederländischen Vintage-Händlers Morentz, bei dem Thomas Geerlings zahlreiche Möbel erworben hat. Auch die Kunst spielt eine wichtige Rolle. Über dem grünen Sofa im Kaminzimmer hängt ein Gemälde des römischen Künstlers Lamberto Teotino, der die Werke flämischer Meister aufgreift und ihnen durch verwischte Gesichter in Francis-Bacon-Manier einen unsteten, dynamischen Eindruck verleiht. Eine passende Metapher für ein Haus, wo das Schöne nicht erdrücken, sondern immer auch ein wenig unfertig und mitten im Prozess erscheinen soll.  

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Projektinfos
Entwurf Framework Studio
Standort Amsterdam, Niederlande
Art Umbau

Innenausbau

Böden Eichenholzdielen
Wände Zement, roh verputzt
Links

Projektarchitekten

Framework Studio

www.framework.eu

Mehr Projekte

Räume ohne Raster

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Wohnen in der Beletage

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Grauzone mit Aussicht

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Generationswechsel im Siedlungshaus

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

Transluzenter Blockbau

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Skulpturaler Unterschlupf

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Helix aus Stahl

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Glutroter Kokon

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Beton und Behaglichkeit

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

Urbaner Lückenfüller

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Fifty Shades of Marble

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Haus der Gegensätze

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Holz in Bewegung

Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett

Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett

Brücke zum Meer

Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada

Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada

Ziegel im Zentrum

Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten

Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten

Zwischen Erhalt und Erneuerung

Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés

Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés

Licht im Laub

Wohnhaus mit Anbau von ConForm in London

Wohnhaus mit Anbau von ConForm in London

Renaissance auf Mallorca

Umbau eines historischen Stadtpalais von Nøra Studio

Umbau eines historischen Stadtpalais von Nøra Studio

Zeitlos in Valencia

Balzar Arquitectos gestalten eine Altbauwohnung mit Wabi-Sabi-Ästhetik

Balzar Arquitectos gestalten eine Altbauwohnung mit Wabi-Sabi-Ästhetik

Präziser Eingriff im Bestand

Umbau eines Einfamilienhauses im St. Galler Rheintal von Studio Micha Gamper

Umbau eines Einfamilienhauses im St. Galler Rheintal von Studio Micha Gamper

Neue Freiheit

Umbau eines Madrider Wohnhauses von Extrarradio

Umbau eines Madrider Wohnhauses von Extrarradio

Wohnen zwischen den Klimazonen

Apartments für Studierende von EMI Architekt*innen in Regensdorf

Apartments für Studierende von EMI Architekt*innen in Regensdorf

Blaues Herz

Umbau eines Weinguts in Portugal von Arquitectura-G

Umbau eines Weinguts in Portugal von Arquitectura-G

Der Sonne entgegen

Nachhaltiges Einfamilienhaus in Holzrahmenbauweise an der Costa Brava von Clara Crous Arquitectura

Nachhaltiges Einfamilienhaus in Holzrahmenbauweise an der Costa Brava von Clara Crous Arquitectura

Glashaus mit vielen Gesichtern

Kresta Garden House von Lucas y Hernández-Gil bei Madrid

Kresta Garden House von Lucas y Hernández-Gil bei Madrid

Gekonnt gegliedert

Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia

Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia

Platte mit Weitblick

Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler

Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler

Bewegung im Rohbau

Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin

Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin

Athener Essenz

Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local

Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local

Domestic Dancefloor

Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard

Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard