Knick mit Seeblick
Eine Fensterfront im Zickzack von Atelier ST
Ein Haus am See muss nicht immer genau am Wasser stehen. Es muss keinen Bootsanleger haben, keine stattliche Autoauffahrt, keinen frisch gemähten Rasen, und auch sonst darf es sich der langen Liste üblicher Klischees erwehren. Das beweist der flache Bau, den das Leipziger Architekturbüro Atelier ST für eine Familie in Potsdam an der Grenze zu Berlin realisiert hat.
Dass es kein angepasster Bau werden würde, war der Bauherrin durchaus bewusst, als sie die Pläne ihres neuen Eigenheimes gemeinsam mit dem Architektenduo Atelier ST entwickelte. Eine kleine Straßenkurve und ein steiler Hang trennen das Haus vom Bootssteg des ortsansässigen Anglervereins. Der flache Bau ragt beinahe exzentrisch über der Südspitze des Groß Glienicker Sees empor. Ringsherum wiegen sich uralte Kiefern im Wind und geben dazwischen den Blick frei aufs Wasser, durch dessen Mitte die brandenburgische Grenze – genauer gesagt die des Potsdamer Ortsteils Groß Glienicke zu Berlin – verläuft. Nun ist das Ungewöhnliche weniger die eingeschossige, bungalowartige Gestalt oder das auskragende Flachdach, derentwegen sich das Haus schon mit einem Sandwich vergleichen lassen musste. Vielmehr zieht die rundum transparente Fassade die Aufmerksamkeit auf sich – durchbrochen nur von einer Fensterfront, die sich im ausgestreckten Zickzack der Seeseite zuwendet.
Gläserne Fassade
Die opake Hülle der drei rückseitig liegenden Fassaden besteht aus grünlichen Profilbaugläsern mit transluzenter Wärmedämmung. Das mag auf den ersten Blick etwas kühl wirken – auch Regale, Bilder oder Leuchten werden sich an diesen Wänden kaum befestigen lassen. Dafür schenken sie den Zimmern viel Tageslicht, was die kleinen Räume optisch großzügig erscheinen lässt. Zudem gibt es sonst keinen vergleichbar außergewöhnlichen Effekt, bei dem sich im Tagesverlauf die Wandfarbe verändert. Bei Nacht glüht das Haus nach außen sanft, solange, bis die letzte Person zu Bett gegangen ist. Da verrät das Haus viel. Vor neugierigen Blicken hingegen muss man sich trotz lichtdurchlässiger Wände nicht fürchten.
Sichtbeton und Seekiefer
Gebaut wurde das Haus auf einer trapezförmigen Grundfläche von einhundert Quadratmetern. Eine dicke Betonplatte bildet die Basis, nur teilweise ist der Bau unterkellert. Auf tragende Außenwände und Stützen konnten die Architekten Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut damit komplett verzichten und lagerten die Deckenkonstruktion auf zwei innere, tragende Wände – längs und quer – und drei Stützen. Decke, Boden und tragende Bauteile wurden in Sichtbeton gegossen und fast überall im Haus so belassen. Nur die Bäder bekamen einen dunkelblau schillernden Mosaikfliesenspiegel, und sämtliche Möbeleinbauten wie Garderobe und Bibliothek wurden aus Seekiefer gefertigt – was der kühlen Härte von Beton und Glas etwas Weiches entgegensetzt.
Variable Zimmerzahl
Eine kleine Herausforderung war noch die benötigte Zimmerzahl: Die Töchter der Bauherrin sind im Alter, um bald – aber doch nur bald – das Elternhaus zu verlassen. Ein größeres Haus sollte und konnte trotzdem nicht gebaut werden. Also wurde dem Wohnzimmer ein Drittel seiner Fläche per Holzwand abgetrennt. Das ergibt zwei reguläre Schlafzimmer plus eines, das bei Auszug eines Kindes kurzerhand rückgebaut werden kann.
Dachgarten
Doch was wäre ein Haus ohne Garten? Die Hanglage gestaltet sich etwas schwierig, um dort Tischgruppe, Liegestühle oder Grill unterzubringen. Also steigt man ganz einfach ein paar Stufen nach oben. Zum Dach führt ein geheimer Aufgang hinter einer verborgenen Tür. Was man vom Hang aus kaum sieht, ist das schlanke Geländer, das die Terrasse umschließt. Zwei runde Luken durchbrechen die Fläche – sie spenden der Küche und dem hinteren Badezimmer zusätzliches Licht. Generell bildet die großzügige Terrasse den Gegensatz zum kompakten Wohnbereich. Hier oben lässt sich der Ausblick genießen, die Weite und die besondere Seelage im grünen Berliner Umland.
FOTOGRAFIE Bertram Bölkow
Bertram Bölkow
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