Nachhaltig bis in die Baumkrone
Auch wenn dieses Einfamilienhaus in Québec gar nicht wie ein Effizienzhaus aussieht: es ist in der Lage sich selbst zu versorgen.
Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Übertragen auf dieses Projekt dürfte das Echo ein freundliches sein. Denn auf dem abgelegenen Grundstück im kanadischen Wentworth legten die Bauherrn großen Wert auf nachhaltige Eigenschaften. Auch ohne monotone Passivbauweise wird Architekt Alain Carle dabei hohen Ansprüchen der Energieeffizienz gerecht.
Ein Grundstück am See zu finden, ist in Wentworth-Nord in der kanadischen Provinz Québec kein Problem. Die Region ist übersät von kleineren und größeren Gewässern inmitten endloser Wälder. La Héronnière, Französisch für „die Reiherkolonie“, heißt das Projekt, das Alain Carle aus Montréal an einem dieser Seen für eine vierköpfige Familie realisiert hat. Neben stolzen Vögeln und dem Neubau zählt das Ufer gerade einmal drei weitere Nachbarn. Man kennt sich, bald kennt man jeden Baum, jeden Stein. Größter Wunsch der Bauherrn war es deshalb, die Umwelt mit ihrem Neubau so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.
Eine Familie mit Idealen
„Ihre Idee ist mittlerweile verbreitet“, so der Architekt. „Eine junge Familie mit zwei Kindern wollte ein Haus bauen, das ihre Werte repräsentiert: Ihr Bedürfnis, ein natürliches Umfeld harmonisch und symbiotisch zu besetzen und das Grundstück als ihren ‚Gastgeber‘ zu begreifen.“ Die ökologischen Anforderungen seien unverhandelbar gewesen: kein magnetisches Feld innerhalb des bewohnten Bereiches, keine kabellosen Netzwerke, eigenständige Versorgung des Energiebedarfs, Materialien frei von flüchtigen organischen Verbindungen, Wiederverwertung von Reststoffen, Ladestation für das elektrische Auto, um nur einige der Vorstellungen zu nennen. Der Liste fügte Alain Carle einen wichtigen Punkt hinzu, der bei all den guten Absichten Vorrang haben sollte: den Wert des Ortes und seiner natürlichen Qualitäten auch gestalterisch zu berücksichtigen.
Für den architektonischen Entwurf ergibt sich daraus, neben der Leistung, auch verstärkt auf Konzept und Wahrnehmung des Gebäudes zu achten – was bei Niedrigenergieprojekten keineswegs immer der Fall ist. Schließlich sollte der Neubau nicht Fremdkörper, sondern weitgehend Teil der Natur werden.
Zwischen drei Findlingen
Das Grundstück befindet sich am Hang, den Blick zum See geben wenige Lücken zwischen Laub- und Nadelbäumen frei. Das Erdgeschoss wurde in Form zweier Volumen aus Beton zwischen drei sich verblüffend ähnlich sehenden Findlingen in den Hang hineingebaut. Im kleineren Teil befindet sich die Garage, im größeren der Wohnbereich und die offene Küche. Darüber erstreckt sich eine horizontale Ebene, auf die – fast wie ein separater Bau – die obere Etage gesetzt wurde. Deren Seeseite ist markant geschwungen, ein Fensterband öffnet das Panorama ins Grüne. Die Fassade ist im Gegensatz zum Erdgeschoss mit schwarz gebeiztem Zedernholz verkleidet. Während die untere Etage der sozialere Bereich ist, sind oben die Schlaf- und Badezimmer untergebracht. Kein Raum steht im rechten Winkel zum nächsten. Nur im Zentrum nimmt die dunkle Eisentreppe und ihre Balustrade die verschiedenen Längslinien auf.
Was dem Bau in Sachen Energieeffizienz behilflich ist, lässt sich am besten unten betrachten. Im Sommer schützt die leicht überragende Terrassenebene nicht nur vor Regen, sondern auch vor direkter Sonneneinstrahlung und sorgt so für angenehmes Klima im Wohnbereich. Im Winter kann dieser durch eine Schiebewand – die aus recyceltem Holz alter Garagentüren besteht – vom Eingangsbereich abgetrennt werden, während ein langsam brennender Kamin Wärme erzeugt. Die Beschaffenheit und Ausrichtung der Wände sorgt zudem ganzjährig für gute Wärmespeicher- und -übertragungseigenschaften.
Selbst versorgt
Der Hauptanteil des Energiebedarfs wird durch eine Biomasseanlage gedeckt. Zusätzlich wird eine Photovoltaikanlage betrieben und – in einem recht komplexen System – hydroelektrische Energie gewonnen. Bei gutem Sommerwetter kann sogar überschüssige elektrische Energie in das regionale Netz eingespeist werden. Im Winter steht dann die gleiche Menge bei Bedarf als Guthaben zur Verfügung.
Da zur Selbstversorgung letztlich aber auch die Versorgung mit Lebensmitteln gehört, hat Alain Carle direkt neben der Küche ein kleines Gewächshaus eingerichtet. Der Boden im Garten eignet sich hervorragend für den Anbau von Gemüse. Damit für die Errichtung der 465 Quadratmeter großen Wohnfläche allenfalls Material an-, aber nicht abtransportiert werden musste, fand der Architekt auch für die herausgesprengten Felsbrocken Verwendung: als Aufschüttung des Hangs, womit der Garten mehr Aufenthaltsqualität erhält. So funktioniert ganzheitliches Bauen, das sowohl die Natur als auch die Bedürfnisse des Menschen respektiert.
FOTOGRAFIE Adrien Williams
Adrien Williams
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