Raum aus dem Nichts
Vertikal gestapeltes Mikroapartment von Proctor & Shaw Architects in London
Größe oder Lage? Bei der Wohnungssuche spielt für viele Menschen die Lage die entscheidende Rolle, oft auf Kosten der Fläche. Bei der Renovierung eines Londoner Mikroapartments verwandelten Proctor & Shaw Architects 29 Quadratmeter in eine elegante Einraumwohnung mit innovativem Schlafkokon.
Rund 48 Quadratmeter Wohnfläche beanspruchen die Deutschen durchschnittlich pro Kopf – Tendenz steigend. In England sind 37 Quadratmeter als Mindeststandard pro Person vorgesehen. Die Zahl der Menschen, die allein oder zu zweit leben, nimmt stetig zu, ebenso wie das Bevölkerungswachstum und die Überalterung in den Großstädten. Dass attraktiver Wohnraum – insbesondere in Metropolen – deshalb immer teurer wird, ist nichts Neues. Proctor & Shaw Architects aus London sehen die Größe eines Zuhauses als die Variable an, die der Wohnungskrise in unseren Städten entgegenwirken könnte.
Ruhe, Entspannung und Wärme
Auf 29 Quadratmetern gestalteten die Architekt*innen das Shoji Apartment als Prototyp für das Wohnen auf kleiner Fläche im Londoner Stadtteil Belsize Park. „Der Bewohner wollte das beengte Einzimmerapartment im ersten Stock in ein offenes, lichtdurchflutetes Arrangement verwandeln lassen, das von Ruhe, Entspannung und materieller Wärme gekennzeichnet ist“, erklären die Architekt*innen. Darüber hinaus war eine Vergrößerung des Stauraums gewünscht. „Wir waren sofort von den ungenutzten 3,4 Meter hohen Decken angetan und entwickelten eine Strategie, den Wohnraum vertikal zu stapeln, um die Großzügigkeit des Grundrisses zu maximieren“, so die Planer*innen.
Japanischer Würfel
Zunächst entfernten Proctor & Shaw alle nicht tragenden Wände, um die Wohnung von Grund auf neu zu strukturieren. Zuvor stand das Bett am Straßenfenster und der Wohn- und Küchenbereich befand sich im wenig beleuchteten Teil der Wohnung. „Wir haben das Ganze umgekehrt, indem wir das Kingsize-Bett in der dunkelsten Ecke platzierten. Es steht auf einem Sockel mit platzsparender Sperrholztreppe, darunter befindet sich der neue begehbare Kleiderschrank“, erzählen die Architekt*innen. Japanische „Shoji“-Raumteiler inspirierten sie zum gemütlichen Schlafkokon, den ein lichtdurchlässiger, verschließbarer Paravent umhüllt. „Indem wir die vertikale Dimension ausnutzen, schaffen wir gewissermaßen Raum aus dem Nichts“, sagen die Architekt*innen. Der transparente Würfel ist beleuchtet und es lässt sich von ihm aus sogar der Blick aus dem Fenster genießen.
Hell, geradlinig und reduziert
Aus dem gleichen Birkensperrholz wie die raffinierte, kleine Treppe, die zum Schlafbereich führt, sind auch die Oberflächen der schnörkellosen Küche gefertigt. Kühlschrank, Geschirrspüler, Waschmaschine, Trockner und großzügiger Stauraum verstecken sich hinter Schranktüren, die die Höhe des Raumes betonen. Hell und einheitlich wirkt der offene Bereich, in dem auch der Esstisch mit bis zu sechs Stühlen Platz findet. Das Holz bildet einen Kontrast zur nüchternen, industriellen Polycarbonat-Verkleidung und zum Aluminiumrahmen der Schlafkabine. Wände und Decken sind mit Lehmputz versehen, der dem Raum eine subtile Wärme verleiht. Zwischen Geradlinigkeit und Reduktion, aber auch Gemütlichkeit und Inspiration changiert der großzügige, multifunktionale Wohnraum. Der helle Linoleumboden und die Decke sind schallgedämmt und die Fenster doppelt verglast, um die Wohnung vor Lärm und Kälte zu schützen.
Luxus und Qualität
Neben der Küche befindet sich das Badezimmer, in dem Boden, Wände und Decke mit Mikrozement verkleidet sind. Eine neu eingezogene Decke bietet hier zusätzlichen Stauraum. Ob die Menschen in Zukunft bereit sein werden, auf Wohnfläche zu verzichten, bleibt abzuwarten. Das Shoji Apartment zeigt, wie ein Mikrowohnen im Bestand aussehen kann, das Ästhetik auf begrenztem Raum zelebriert. Proctor & Shaw Architects fassen zusammen: „Die Wohnung vermittelt auf nur 29 Quadratmetern ein echtes Gefühl von Luxus und Designqualität. Sie liegt unter den aktuell vorgegebenen 37 Quadratmetern des Wohnstandards und stellt damit die Größe der Fläche als Maßstab für Qualität infrage.“
FOTOGRAFIE Ståle Eriksen
Ståle Eriksen
| Projektname | Shoji Apartment |
| Entwurf | Proctor & Shaw Architects, London |
| Nutzung | Mikrowohnen |
| Standort | London, England |
| Fläche | 29 Quadratmeter |
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