Projekte

Seebär an Land

Ein Piranesi-inspirierter Dachgeschossumbau von Dodi Moss in Genua

In der Altstadt von Genua hat das Architekturbüro Dodi Moss zwei Dachgeschosse aus dem 17. Jahrhundert zusammengelegt: zu einer 110-Quadratmeter-Wohnung mit exponiertem Gebälk, Piranesi-artigen Raumwindungen und spektakulären Terrassen mit Blick über die Stadt.

von Norman Kietzmann, 10.03.2021

Ligurien ist die Region der Treppen. Ganz gleich, ob im Cinque Terre, in Portofino oder in der Lokalhauptstadt Genua: Die Küstenorte sind an steilen Hängen gebaut, was den Bewohnern ein natürliches Dauertraining ihrer Wadenmuskulatur abverlangt. Straßen und Wege führen steil hinauf oder sind durch Stufen miteinander verbunden. Auch die alten Häuser sind in die Vertikale statt in die Horizontale ausgerichtet, weshalb selbst kleine Fischerdörfer aus der Ferne wie dicht gedrängte Hochhaus-Ensembles erscheinen.

Das System der Höhenstaffelung wurde auch bei einem Wohnungsumbau in der Altstadt von Genua zum Prinzip erklärt. Der Eigentümer arbeitet in einem für die Stadt überaus typischen Sektor: Als Ingenieur im Schiffsbau verbringt er jedes Jahr mehrere Monate auf hoher See und muss in dieser Zeit mit kompakten Kajüten Vorlieb nehmen. Für seine Wohnung in Genua wünschte er sich das genaue Gegenteil: Die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbauten Räume sollten in einen Ort der Weite und des Lichts verwandelt werden, wofür das lokal ansässige Architekturbüro Dodi Moss das passende Gespür bewies.

Alternierende Enge und Weite
„Das Haus ist eine Hymne auf das Fehlen von Grenzen. Es gibt keine weiteren Türen als die zu den Badezimmern. Der Raum ist fluide, auf verschiedenen Höhenstufen miteinander verbunden“, sagt Matteo Rocca, Projektplaner bei Dodi Moss. Das Büro ist 1999 vom Architekten Graham H. Moss (1942-2008) aus London und Enrico Dodi aus Mailand gegründet worden. Nach dem Ausscheiden von Moss kam es 2004 zur Neugründung mit den Architekten Alessandro Baldassari, Egizia Gasparini und Mauro Traverso. Heute unterhält das Studio 20 Mitarbeiter an den Standorten Genua und Pisa, darunter neben Architekten und Landschaftsplanern auch Archäologen, Geologen und Agrarwissenschaftler.

Nautische Transfers
Der Wohnraum verteilt sich über verschiedene Höhenebenen. Der Zugang erfolgt über eine 300 Jahre alte Tür auf der fünften und obersten Etage eines Mehrfamilienhauses. Aufgrund der fehlenden Decke fallen die Blicke direkt in das Gebälk des Dachstuhls. „Die Holzstruktur stammt aus der Entstehungszeit des Hauses. In ihr zeigen sich alte Verarbeitungstechniken aus der Republik von Genua, als viele Bauarbeiter sowohl an der Konstruktion von Häusern als auch von Schiffen beteiligt waren. Sie haben nautische Techniken an Land eingesetzt und auch Hölzer wiederverwertet, die beim Auseinandernehmen von Schiffen, vor allem ihrer Masten, gewonnen wurden“, erklärt Jacopo Battistini, der zusammen mit Matteo Rocca den Umbau geplant hat.

Verschachteltes Raumgefüge
Die Architekten nutzten die Höhe des offenen Dachstuhls, um das Bett auf einer neu hinzugefügten Ebene zu platzieren. Diese erstreckt sich oberhalb des Badezimmers, das als freistehendes Volumen den Raum in eine Bibliothek, eine Ankleide sowie eine Sofaecke gliedert. Die dekorativen Fliesen im Badezimmer stammen aus dem 18. Jahrhundert und sind während der Umbauarbeiten an anderer Stelle freigelegt worden. Eine schmale Treppe verbindet die beiden Ebenen. Ihre untersten Stufen sind aus Massivholz gearbeitet, die darüber liegenden wurden gemauert und mit dunkelgrauem Lavastein bekleidet. Die Treppe wird in Richtung Bibliothek von einer weiß verputzten Wand eingefasst, die auf bündiger Höhe mit dem Bücherregal abschließt.

Erweiterte Kochzone
„Der Raum ist geradezu minimal und enthält nur wenige Dinge. Ein beinahe asketischer Ort über den Dächern der Stadt“, erklärt Matteo Rocca. Die Aufgeräumtheit sorgt keineswegs nur für Klarheit. Sie unterstützt vor allem den Eindruck von Weite. Von der Leseecke mit Sessel (Vintage aus den Fünfzigern, gefunden beim Genueser Antiquariat ÂGÉ), Bücherregal (Maßanfertigung) und Bogenleuchte (Modell Arco von Achille und Pier Giacomo Castiglioni für Flos) führt eine weitere Treppe nach oben. Sie wirkt wie eine Spiegelung der Schlafzimmertreppe und teilt mit ihr die Materialität der Lavastein-bedeckten Stufen. Über sie gelangt man in das oberste Stockwerk des Nachbargebäudes, wo eine großzügige Kochzone eingerichtet wurde. Die Einbauküche von Pasquinelli Cucine mit Fenix-Oberflächen und einer Arbeitsplatte aus Basalt-Lavastein greift die Farbigkeit der Treppenstufen auf. Um den Esstisch gruppieren sich Vintage-Thonet-Stühle. Auch sie wurden im Antiquariat ÂGÉ erworben.

Mehrstufige Terrassen
Drei weitere Treppenstufen geben Zugang zur ersten Terrasse, die sich seitlich an die Küche anschließt und 21 Quadratmeter misst. Von dort geht es über eine um 180 Grad gedrehte Metalltreppe hinauf zur zweiten Terrasse, die direkt oberhalb der Küche liegt und  eine Fläche von 33 Quadratmetern bespielt. „Hier öffnet sich der Blick auf eine Reihe von kontrastierenden Elementen: Dächer, Türme, Glockentürme und affacciatoi, wie die Dachterrassen hier in Genua genannt werden. Für den Besitzer des Hauses, ist es fast ein wenig so, als wäre er zurück auf See, als würde er zum Deck des Schiffes aufsteigen“, erzählt Matteo Rocca. Auch wenn das Meer von den holzbeplankten Außenräumen nicht direkt zu sehen, sondern lediglich in der Luft zu spüren ist: Zwischen den Gebäuden zeichnen sich die Masten und Schornsteine der großen Schiffe ab, die im Hafen vor Anker liegen. Die See ist für den Hausherren zum Greifen nah. Ob in der weiten Welt oder daheim.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Projektinfos
Projekt Casa per un lupo di mare
Typologie Wohnhaus / Umbau
Ort Genua, Italien
Größe Wohnraum 110 Quadratmeter
Größe untere Terrasse 21 Quadratmeter
Größe obere Terrasse 33 Quadratmeter
Entwurf Dodi Moss Architekten 
Projektteam Matteo Rocca, Jacopo Battistini
Bogenleuchte Arco von Flos
Fliesen Vintage 18. Jahrhundert von C.Cogna Napoli
Küche Pasquinelli Cucine
Links

Projektarchitekten

Dodi Moss

www.dodimoss.eu

Mehr Projekte

Gerettete Ruine

Vorbildliches Restaurierungsprojekt in Lissabon von rar.studio

Vorbildliches Restaurierungsprojekt in Lissabon von rar.studio

Vielfalt ohne Fenster

Flexible Wohnung in Paris von Ubalt Architectes

Flexible Wohnung in Paris von Ubalt Architectes

Alpine Betonkassetten

Ein Einfamilienhaus von Baumschlager Eberle Architekten in Vaduz

Ein Einfamilienhaus von Baumschlager Eberle Architekten in Vaduz

Opulenter Umbau

Einfamilienhaus in Sydney von YSG Studio

Einfamilienhaus in Sydney von YSG Studio

Reif für die Insel

Pariser Refugium von Clément Lesnoff-Rocard

Pariser Refugium von Clément Lesnoff-Rocard

Wohnen als Performance

Spektakulärer Umbau von Jean Verville in Montreal

Spektakulärer Umbau von Jean Verville in Montreal

Treppe ins Grüne

Atelier-Umbau von De Nieuwe Context in den Niederlanden

Atelier-Umbau von De Nieuwe Context in den Niederlanden

Smartes Landleben

Modernes Cottage von AMPS Arquitectura & Diseño in englischer Hügellandschaft

Modernes Cottage von AMPS Arquitectura & Diseño in englischer Hügellandschaft

Wohnen nach Farben

Studentenresidenz von Masquespacio in Bilbao

Studentenresidenz von Masquespacio in Bilbao

Frankensteins Apartment

Umbau von Adrià Escolano und David Steegmann in Barcelona

Umbau von Adrià Escolano und David Steegmann in Barcelona

Leporello-Loft

Verwinkelte Mansardenwohnung in Barcelona von AMOO

Verwinkelte Mansardenwohnung in Barcelona von AMOO

Schattenhaus im Busch

Umbau von MRTN Architects im australischen Daylesford

Umbau von MRTN Architects im australischen Daylesford

Freiheit in vier Farben

Umbau eines Einfamilienhauses in Madrid von Beatriz Alés

Umbau eines Einfamilienhauses in Madrid von Beatriz Alés

Höhle mit Kino

Ein Gästehaus im belgischen Berlare von Atelier Vens Vanbelle

Ein Gästehaus im belgischen Berlare von Atelier Vens Vanbelle

Scharfer Keil

Eine in den Fels geschlagene Villa von Mold Architects

Eine in den Fels geschlagene Villa von Mold Architects

Tetris-Interior am Kreml

Hybridwohnung von Vietzke & Borstelmann und Ulrike Brandi

Hybridwohnung von Vietzke & Borstelmann und Ulrike Brandi

Ruhepol auf Rezept

Harmonisches Interieur von Agnieszka Owsiany in Posen

Harmonisches Interieur von Agnieszka Owsiany in Posen

Patina mit Twist

Luxussanierung einer Jugendstilvilla von Jan Leithäuser in Frankfurt

Luxussanierung einer Jugendstilvilla von Jan Leithäuser in Frankfurt

Melbourner Moderne

Modernisierung eines von Anatol Kagan geplanten Wohnhauses durch Kennedy Nolan

Modernisierung eines von Anatol Kagan geplanten Wohnhauses durch Kennedy Nolan

Architekten im Wunderland

Das Londoner White Rabbit House von Gundry + Ducker

Das Londoner White Rabbit House von Gundry + Ducker

Betonunikat im Hochhaus

Umbau von Christopher Sitzler in Berlin-Mitte

Umbau von Christopher Sitzler in Berlin-Mitte

Subtile Symbiose

Umbau von Bonell+Dòriga in Ricardo Bofills Walden 7

Umbau von Bonell+Dòriga in Ricardo Bofills Walden 7

Pyramiden im Nebel

Feriendomizil von Wiki World und Advanced Architecture Lab in China

Feriendomizil von Wiki World und Advanced Architecture Lab in China

Rote Tür zur Black Box

Chilenische Hütte von Estudio Diagonal

Chilenische Hütte von Estudio Diagonal

Vertikales Gewächshaus

Triplex in Montreal von Jean Verville

Triplex in Montreal von Jean Verville

Kristalle im Vorgarten

Erweiterung eines Londoner Wohnhauses von Bureau de Change

Erweiterung eines Londoner Wohnhauses von Bureau de Change

Mosaik im Big Apple

Apartment von Home Studios in New York

Apartment von Home Studios in New York

Hütte auf Stelzen

Refugium der Architekten Mork-Ulnes in Norwegen

Refugium der Architekten Mork-Ulnes in Norwegen

Mut zum Muster

Modernisierung eines Mehrfamilienhauses in Barcelona

Modernisierung eines Mehrfamilienhauses in Barcelona

Nest in den Dünen

Wochenenddomizil in Belgien von Thomas Geldof und Carmine Van der Linden

Wochenenddomizil in Belgien von Thomas Geldof und Carmine Van der Linden