Projekte

Sinuskurve mit Weitblick

von Norman Kietzmann, 08.02.2011


Sie überqueren nicht nur Flüsse, Straßen oder Schienen: Brücken sind Nadelöhre, die ihre Passanten automatisch ins Schweben versetzen – ein Umstand, der auf Fußgängerbrücken, wo keine Verkehrsgeräusche die Sinneseindrücke verfremden, umso mehr gesteigert wird. Dass die Verbindung zweier Punkte nicht nur räumliche Qualitäten entfalten kann, zeigt die Fußgängerbrücke über den Fluss Carpinteira, die der Lissaboner Architekt João Luis Carrilho da Graça in der portugiesischen Kleinstadt Covilhã realisierte. Diese verbindet eine kraftvolle, skulpturale Gestalt mit einer Eigenschaft, die auf Brücken bislang selten zu finden war: Wohnlichkeit.


Es ist ein Umweg, der sich auszahlt: Anstatt die Fußgängerbrücke über den Fluss Carpinteira als effiziente Gerade zu formen, gab ihr der Architekt João Luis Carrilho da Graça den Schwung einer gestreckten Sinuskurve. In 52 Metern Höhe über dem Flusslauf vollzieht die Brücke an den beiden mittleren ihrer insgesamt vier Pylone eine Biegung zur rechten und anschließend zu linken Seite – unabhängig von der Richtung, von der aus das 220 Meter lange Bauwerk betreten wird. Auch wenn die Passanten aufgrund dieser Bauweise rund 30 Meter zusätzlichen Wegs zurücklegen müssen, ist die gefühlte Distanz erheblich geringer. Denn beim Betreten der Brücke blicken diese nicht in einen endlosen Schacht hinein, sondern können den Weg in drei überschaubaren Teilstücken von jeweils 70 Metern Länge passieren.

Visuelle Orientierung

Für Abwechslung während des Übergangs sorgt nicht nur die doppelte Biegung des Brückenverlaufs, sondern ebenso dessen Ausrichtung zur Umgebung. Das Bauwerk, das Ende 2009 nach sechs Jahren Bau- und Planungszeit fertiggestellt wurde, verbindet erstmals die beiden zuvor getrennten Teile der 53.000 Einwohner zählenden Stadt Covilhã, die nun auch ohne Auto in wenigen Gehminuten voneinander erreichbar sind. João Luis Carrilho da Graça inszenierte die Passage wie ein Schauspiel in drei Akten. Ist das mittlere Teilstück, das die beiden zentralen Pylone verbindet, orthogonal zum Lauf des Flusses Carpinteira ausgerichtet, fungieren die beiden seitlichen Teilstücke je nach Laufrichtung als Prolog oder Epilog und verweisen in ihrer Ausrichtung auf die jeweils gegenüberliegenden Enden.

Die Passanten erblicken auf diese Weise schon beim Betreten der Brücke ihr späteres Ziel, während die beiden seitlichen „Schlenker“, die ihnen quasi als „Hindernis“ auf den Weg gegeben werden, die topografische Besonderheit von Covilhã eindrucksvoll in Szene zu setzen: Erhebt sich auf der Westseite der Brücke der hügelige Naturpark Serra da Estrela, öffnet sich nach Osten die weite Ebene der Region Cova da Beira. Als eindrucksvolles Panorama reicht der Blick bis weit in die Landschaft hinein, ohne dass störende Gebäude oder Fahrzeuge die Wirkung des Naturschauspiels beeinträchtigen würden.

Illusion von Schatten

Sinn für Qualität bewies João Luis Carrilho da Graça nicht nur bei den feinen Proportionen seiner aus Beton errichteten Brücke. Deren Unterseite sowie die Seitenflächen der beiden mittleren Pylone wurden nicht wie das übrige Bauwerk in Weiß, sondern in schwarzem Putz ausgeführt. Die Brücke erhält durch diese Illusion von Schatten eine eindrucksvolle grafische Gestalt, die sich als schmales Band über das Flusstal hinweg spannt. Folgen die mittleren Pylone in ihrer Breite und Tiefe den Dimensionen der Brücke, brechen die beiden äußeren Pylone die orthogonale Strenge des Bauwerks durch ihre zylindrische, säulenartige Ausformung. Eine Wendeltreppe, die sich an der Außenseite des südlichsten Pylons emporschraubt, verleiht der Brücke eine beinahe surrealistische Anmutung.

Raffiniert zeigen sich ebenso die „inneren Werte“ der Brücke: Indem diese vollständig mit Paneelen aus Holz verkleidet wurde, erhält sie einen warmen, beinahe wohnlichen Charakter. Statt abweisende Kälte dominiert ein angenehmer, haptischer Sinneseindruck, dessen Wirkung in der Nacht noch gesteigert wird. Entlang der Brüstungen kommt dann eine indirekte Beleuchtung zum Einsatz, die sich in Bodennähe als durchgehendes Band über die gesamte Länge der Brücke zieht und die Aufmerksamkeit förmlich auf das Bauwerk lenkt. Durch das Ausleuchten dunkler Ecken bleibt die Brücke auch nach dem Einsetzen der Dämmerung sicher passierbar, während Vandalismus nicht mit erhobenem Zeigefinger oder durch Androhung von Strafen entgegengewirkt wird, sondern schlichtweg durch die Aufenthaltsqualität des Orts. Ein Beispiel, das auch in anderen Kommunen schnellstens Schule machen sollte.



Ein Eindruck von den räumlichen Qualitäten der Fußgängerbrücke von Covilhã vermittelt ein Film, den der Lissaboner Fotograf und Dokumentarfilmer Vitor Gabriel im Herbst 2010 realisierte. Weiter zum Film
Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

João Luís Carrilho da Graça

www.jlcg.pt

Vitor Gabriel

www.vitorgabriel.com

BauNetz Meldungen

João Luís Carrilho da Graça

www.baunetz.de

Mehr Projekte

Eine eigene Welt

Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly

Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly

Ungleiche Zwillinge

Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London

Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London

Glamping in Japan

Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects

Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects

Radikale Wunderkammer

Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin

Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin

Geheilter Bestand

Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus

Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus

Im Rhythmus des Alltags

Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana

Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana

Neubau mit Seele

Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern

Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern

Spuren im Bestand

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Mehr Raum als Quadratmeter

Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid

Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid

Salbeigrün in Florenz

Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin

Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin

Hierarchie in Blockfarben

Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti

Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti

Das Erbe des Freibeuters

Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez

Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez

Klangfarben des Wohnens

Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov

Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov

Alles in Butter

Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb

Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb

Wohnen im Werden

Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky

Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky

Sensibel, aber kompromisslos

Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach

Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach

Hinter die Fassade geschaut

Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne

Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne

Fort im Forst

Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo

Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo

Räume ohne Raster

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Wohnen in der Beletage

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Grauzone mit Aussicht

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Generationswechsel im Siedlungshaus

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

Transluzenter Blockbau

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Skulpturaler Unterschlupf

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Helix aus Stahl

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Glutroter Kokon

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Beton und Behaglichkeit

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

Urbaner Lückenfüller

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Fifty Shades of Marble

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Haus der Gegensätze

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald