Stehaufhäuschen
Zerstörung als Teil der Geschichte: Ein Einfamilienhaus in Chile setzt sein besonderes Erbe mit architektonischen Mitteln fort.
Es ist die Geschichte eines Gebäudes, das unzählige Male wieder auferstanden und so Teil eines fast schon natürlichen Kreislaufs geworden ist: Bereits während seines Entstehens wurde das Haus durch eine Naturkatastrophe zerstört, danach wie ein Puzzle aus neuen und noch bestehenden Elementen wieder zusammengesetzt. Im Laufe der Jahre erfolgten mehrere Aus- und Umbauten durch wechselnde Besitzer, um nun in neuer und gleichzeitig alter Gestalt ein weiteres Kapitel dieses Prozesses aufzuschlagen.
Die kleine Küstenstadt Valdivia in der geografischen Mitte Chiles war am 22. Mai 1960 zentraler Schauplatz des schwersten Erdbebens des 20. Jahrhunderts. Neben den Erschütterungen sorgte ein Tsunami für unermessliche Zerstörung, die bis heute im Stadtbild zu sehen sind. Auch die Casa Barrios Bajos wurde an jenem Tag fast vollständig zertrümmert – daran erinnert der heutige Umbau mit seiner speziellen Materialwahl.
Altes Haus
Der Bau des Hauses war gerade beim Dachstuhl angekommen, da machte das starke Erdbeben die noch frischen Anstrengungen zunichte. Der Komplex bestand aus zwei sich gegenüberstehenden Gebäuden, die sich einen Hof, außen liegende Waschstellen und kleine Schuppen teilten und mehrere Familien hätten beherbergen sollen. Schon damals wurden als Baumaterial Überreste und Elemente frisch abgerissener Häuser verwendet: Ziegelsteine, Tür- und Fensterrahmen sowie Holzbalken aus abgebrannten Gebäuden wurden collageartig zu einer Art Urhütte zusammengefügt. Nach dem raschen Wiederaufbau veränderte sich bald die Nutzung und damit auch das architektonische Erscheinungsbild: Eine einzelne Familie besetzte das Haus und baute es sich ganz nach ihren Vorstellungen um. Ein Treppenhaus wurde entfernt und dafür kamen Fenster an der Nordseite hinzu. Selbstverständlich stammte auch die dafür benötigte Rahmenkonstruktion aus einem Abrissgebäude.
Neues Haus
Der junge chilenische Architekt Pablo Ojeda, der für das aktuelle Umbaukapitel der Casa Barrios Bajos verantwortlich ist, vergleicht das Haus mit einem Palimpsest, einem Manuskript, das immer wieder neu überschrieben wird, wobei die Spuren der Vergangenheit stets sichtbar bleiben. Jeder der vorherigen Eigentümer hatte etwas an der Struktur des Hauses geändert, und Ojeda wollte das sichtbar lassen. Die Grundregeln des Projektes bestanden darin, das Format und Profil des Gebäudes zu erhalten und die Logik in der Verwendung von Materialien fortzuführen. Und tatsächlich fallen die Neuerungen am Haus kaum auf, da sie wie ein natürlicher Fortsatz wirken. Die Fassade besteht aus recycelten Wellblechpaneelen, die wie die Schuppen eines Fisches die robuste Haut der Casa bilden. Den nördlichen Fensterausschnitt, der zum Hof zeigt, vergrößerte der Architekt auf Raumhöhe, sodass Außen- und Innenraum ineinander übergehen. Dieser Eindruck wird durch die enorme Gebäudetiefe verstärkt, die Ojeda durch das Zusammenlegen von zwei Zimmern im Erdgeschoss erzeugte.
Die Hauptrolle spielt bei dem Bau das Material Holz: in Form von recycelten Balken als Konstruktion, Wandverkleidung und Bodenbelag. Eine Referenz an die traditionelle Bauweise der armen Region. Die Idee, das Erbe eines Hauses zu bewahren und mit architektonischen Mitteln fortzuführen, schuf im Falle der Casa Barrios Bajos ein zwar unauffälliges, aber dennoch beeindruckendes Beispiel mit einer gehörigen Portion Poesie. Jede Änderung kam durch den Wunsch eines Bewohners zustande, das Gebäude zu jeweils seiner neuen Heimat werden zu lassen. Und genau diese Geschichten erzählt das Haus nun mit konsequenter Haltung fort.
FOTOGRAFIE Felipe Fontecilla
Felipe Fontecilla
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