Vietnamesisches Fenster-Puzzle
Eine Fassade aus alten Holzfenstern macht dieses Hotel in Ho-Chi-Minh-Stadt unverwechselbar.
Recyceln kann so schön sein! In Ho-Chi-Minh-Stadt ist ein unscheinbares Apartmentgebäude in ein Gästehaus mit veganem Restaurant verwandelt worden. Duc Hoa Dang von Block Architects überzog Fassade und Dachterrasse mit einer vorgelagerten Schicht aus wiederverwerteten Fenstern – und definierte so durchlässige, wandelbare und atmosphärische Zwischenräume.
Der Bauboom Asiens hat längst nicht nur die chinesischen Metropolen erfasst. Auch in Ho-Chi-Minh-Stadt schießen immer neue Türme in die Höhe. Dass dieser Wandel keineswegs nur mit Bulldozern passiert, zeigt ein kleines Hotel mit angeschlossenem Restaurant im dritten Bezirk. Das Mitte der sechziger Jahre errichtete Gebäude war vom Bauherren zunächst als privates Wohnhaus gemietet worden. Nachdem er die Immobilie schließlich erworben hatte, entschied er sich für eine touristische Nutzung – und verordnete dem unscheinbaren Betonbau eine radikale Überholung.
Ode an das Fenster
Den Umbau übernahm Duc Hoa Dang vom Büro Block Architects aus Ho-Chi-Minh-Stadt. Um dem Gebäude eine möglichst markante Erscheinung zu geben, griff er auf eine Ressource zurück, die im gegenwärtigen Abrisswahn der Metropole ausreichend zur Verfügung steht: alte, hölzerne Klappfenster aus der französischen Kolonialzeit. Duc Hoa Dang setzte viele verschiedenfarbige Exemplare zu einer zweiten Fassde zusammen, die er der ursprünglichen Fassade vorlagerte. Der Clou dieses Konzeptes: Das zusammengewürfelte Fensterpuzzle ermöglicht den fließenden Übergang zwischen innen und außen.
Der Grund dafür liegt in der Bauweise der Fenster. Statt geschlossener Glasflächen sorgen offene Holzlamellen für eine natürliche Durchlüftung. Durch die Neigung der Lamellen entsteht eine uneinsehbare, für Licht und Luft jedoch passierbare Pufferzone: Während diffus gebrochenes Sonnenlicht am Tag nach innen dringt, kehrt sich die Wirkung in den Abendstunden um. Das Gebäude leuchtet dann wie ein riesiger, farbenfroher Lampion, der deutlich aus der geschlossenen Häuserzeile heraussticht.
Luftiger Zwischenraum
Ihre atmosphärische Wirkung versprühen die Vintage-Fenster nicht nur an der Fassade, sondern ebenso als Verkleidung der Dachterrasse. Schutz vor Regen bietet dieser Eingriff zwar nur bedingt. Doch dafür wird die Terrasse in einen schattenspendenden Patio verwandelt, der als natürlich belüfteter Zwischenraum hohe Aufenthaltsqualität garantiert. Für einen charmanten Auftritt sorgen zahlreiche Pflanzen, die in Betongefäße am Boden eingepflanzt sind und zum Teil durch die geöffneten Fenster der neuen Dachebene ins Freie hinauswachsen. „Das ist ein traditionelles Symbol für Wachstum, Zukunftsglauben und Tugend“, erklärt Duc Hoa Dang sein Konzept.
Um die Terrasse als Hotelzimmer nutzen zu können, ist ungefähr ein Drittel des Fenster-Dachs mit einer zusätzlichen Blechschicht verstärkt worden. Sie schützt das darunter liegende Schlafzimmer vor Regen und wurde genau wie die metallene Tragestruktur des Dachaufbaus aus recycelten Materialien angefertigt. Der Abstand zwischen beiden Dachebenen sorgt zudem für einen natürlichen Abkühlungseffekt. Einen atmosphärischen Wandel vollzieht Duc Hoa Dang hingegen im hinteren Drittel des Dachgeschosses, wo transparente Glasscheiben die Vintage-Holzfenster ersetzen. Auf diese Weise wird nicht nur das Badezimmer mit reichlich Tageslicht geflutet, sondern auch das zentrale Atrium, in dem sich der Treppenaufgang nach oben windet.
Offene Showküche
Die Vintage-Fenster finden auch in den Innenräumen als Trennwände oder als Ummantelung des Treppenhauses Verwendung. Im Zuge des Umbaus sind die Grundrisse neu geordnet worden. Das Obergeschoss dient nun als großzügiges Hotelzimmer mit vier Betten und Sitzecke. Im Erdgeschoss entstand ein veganes Restaurant mit offener Showküche. Deren aus Beton gefertigte Arbeitsplatte vollzieht vier seitliche Schlenker und geht anschließend in ein Geschirrregal sowie einen zentralen Esstisch über, die ebenfalls aus Beton gegossen wurden. Die Blicke zieht an diesem Ort ein drei Meter hoher Baum auf sich, der direkt neben dem Esstisch aus einer ebenerdig eingelassenen Pflanzenschale ins helle Atrium emporwächst.
Gekittetes Sammelsurium
Es sind Details wie diese, die dem Gebäude Charakter verleihen und gänzlich vergessen lassen, dass hier nur mit minimalem Budget gearbeitet wurde. Um kein Geld für neue Möbel auszugeben, bat der Bauherr seine Freunde um überflüssige Stühle, Sessel und Leuchten. Dass sie dennoch zusammenpassen, ist kein Zufall. Schließlich werden Epochen, Stile, Farben und Materialien von einer bunt gewürfelten Fenster-Hülle wie von einem atmosphärischen Klebstoff zusammengehalten.
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FOTOGRAFIE Quang Tran
Quang Tran
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