Villa Kunterbunt im Grünen
Masquespacios neuer Lebens- und Arbeitsmittelpunkt bei Valencia
Das Gründungsduo hinter dem spanischen Designstudio Masquespacio ist aus der Stadt aufs Land gezogen. Die 450 Quadratmeter große Villa dient aber nicht nur als Wohnraum, auch Büro- und Atelierräume wurden kurzerhand mitgenommen. In dem hundert Jahre alten Gebäude treffen jetzt alte Fliesen und dekorative Details auf ein expressives Farbkonzept und beweisen, dass ästhetische Gegensätze und formale Spannungen durchaus harmonisch wirken können.
Als Ana Milena Hernández Palacios und Christophe Penasse vor drei Jahren beschlossen, sich Eigentum zuzulegen, da sollte es erst eine großzügige Wohnung im Zentrum ihrer Heimatstadt Valencia werden. Doch dann schauten sich die Gründer*innen des Studios Masquespacio aktiv nach Immobilien um und es wurde offensichtlich, dass ihre Herzen eigentlich für eine andere Idee schlugen. Der Charme der für die Region typischen alten Häuser, die vor allem auf dem Land zu finden sind, hatte es ihnen angetan. Ein Kompromiss war schnell gefunden: Ana und Christophe wollten ein historisches Gebäude finden, das infrastrukturell gut an die Stadt angebunden und schnell zu erreichen ist. Außerdem planten sie, ihr in Valencia ansässiges Studio einfach mit ins Grüne zu nehmen. Über ein halbes Jahr suchten sie nach einem geeigneten Objekt, scheiterten aber immer wieder an Auflagen, Umständen oder Papierkram. Dann fanden sie ihre heutige Residenz. „Als wir eintraten, verliebten wir uns sofort. Das Haus hatte einfach alles: eine gute Größe, viel Licht und eine schöne Umgebung. Wir sagten dem Besitzer sofort, dass wir es kaufen wollten“, erzählen Ana und Christophe von ihrer ersten Begegnung mit ihrem heutigen Zuhause.
Ziegel und Zylinder
1925 erbaut, verfügt es über die typischen Merkmale, die Ana und Christophe schätzen: die alte Eingangstür aus Holz etwa, die ornamentalen Gitter vor den Fenstern, die handwerklich aufwendigen Zementfliesen im Erdgeschoss oder die dekorativen Ziegelstrukturen im Innenhof. „Unsere Absicht war immer, die Essenz des historischen Charakters und die Schönheit seiner Vergangenheit zu erhalten“, erklären die beiden. Allerdings basiert das internationale Renommee des Designduos vor allem auf kühnen Farbkonzepten und einem extravaganten Formenvokabular. Vom kleinsten Detail über das Mobiliar bis zum übergreifenden Konzept entwerfen sie konsequente Universen. Und so war zu erwarten, dass auch ihr eigenes Wohnhaus cum Studio keine brave Bestandsmodernisierung werden würde. Sie erhielten zwar all die schönen Details, ließen ihr Design aber wie einen explodierten Farbtopf in dem hundert Jahre alten Steingemäuer landen.
Diskurs der Epochen
Auch wenn die lauten Farben und großformatigen Geometrien ein klares Statement setzen, ist das Interieur ein Echo auf die historische Architektur. Die Tische des im Erdgeschoss untergebrachten Studios zitieren die Fassadenstruktur und die rosafarbenen, pistaziengrünen oder himmelblauen Wände passen zum jeweiligen Fliesen- beziehungsweise Mikrozementboden. Die Arbeitsräume des Teams haben direkten Anschluss an den Innenhof, dessen Außenwände konsequent in einem pastelligen Flieder gestrichen wurden. Die organisch geformten und tropisch bepflanzten Beete werden von einem sandfarbenen Estrich eingefasst. „Hier können wir zu Mittag essen, Sport treiben oder ein Fotoshooting machen“, erzählen Ana und Christophe. Vom Patio aus ist auch der Blick auf das erste Geschoss frei, in dem Ana und Christophe ihre privaten Räume untergebracht haben. Eine überdimensionale grüne Kugel und ein knallroter, abgeschrägter Zylinder geben aber auch schon einen Hinweis darauf, dass dort die Geometrie dekliniert wird.
Möbel-Hommage an den Bauklotz
„Der Schwerpunkt liegt auf dem Spiel von Quadrat-, Dreieck-, Kreis- und Halbkreisformen, die uns an unsere Vergangenheit erinnern, als wir noch Grafikdesign machten“, erläutern Ana und Christophe. Kugel und Zylinder sind Sichtschutz, Statement und Skulptur in einem. In der zum Wohnraum offenen Halbkugel liegt das Bett, der Zylinder fasst einen Sofa-Alkoven ein. Die knallbunte Radikalität und formale Massivität erinnern an Memphis. „Wir kombinieren unsere Ästhetik mit einer Spur Brutalismus und erfinden ihn mit kontrastierenden Farben, Texturen, Formen und handwerklichen Materialien neu“, so die Gestalter*innen. Marmor, Aluminium, Fliesen und Mikrozement wirken mit ihren kalten Flächen streng und strikt, die Möbel ihrerseits landen darin wie exzentrische Aliens.
New Memphis im alten Valencia
Die gesamte Ausstattung wurde von Masquespacio entworfen. Einiges gehört zum Portfolio ihrer eigenen Designmarke Mas Creations, wie die Keramikkollektion Cono mit ihren auf Kugeltürmen sitzenden Kegeln oder auf Zylindern ruhenden Kugeln. Hergestellt werden die Vasen, Tische und Gefäße direkt im Studio in Valencia von einem 3-D-Tondrucker, bevor sie ein handwerkliches Finish bekommen. Im Wohnbereich des Paars finden sich Cono-Exemplare als Beistelltische und Pflanztöpfe, die mit ihren farbigen Lasuren mal Kontraste setzen, mal in der farblichen Harmonie des Raums aufgehen. In der Küchen- und Sofazone dominieren kühle Blautöne und ein saftiges Hellgrün, das im Essbereich von einem dunklen Tannengrün weiterdekliniert wird. Die neue Residenz des Duos ist mehr als ein Zuhause und ein Arbeitsort, sie ist gleichzeitig eine Visitenkarte und ein Showroom – das sagt auch Masquespacio selbst: „Das Projekt repräsentiert unsere Karriere und unseren künstlerischen Stil, von den grafischen Anfängen über New Memphis bis zu futuristischen Anklängen.“
FOTOGRAFIE Luis Beltran
Luis Beltran
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