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Best-of Küchen 2021

Die Küche als Über-Raum

Während die Möbelindustrie kämpft, boomt das Küchengeschäft. Wegen der Pandemie stehen wir wieder mehr am Herd und dürsten nach einer Einrichtung, die behaglich ist und funktional. Wie das Küchen-Cocooning funktioniert? Mit Holz- und Natursteinvariationen, Elektrogeräten als Designerware, ungewöhnlichen Mustern und Mut zur Farbe.

von Claudia Simone Hoff, 07.04.2021

Spätestens seit Otl Aicher in den Achtzigerjahren die Küche zur Werkstatt erklärte, steht sie im Mittelpunkt des Wohnens. Längst ist sie nicht mehr in einem gesonderten Raum untergebracht, sondern steht fast immer mitten im Wohnzimmer – in Sichtweite von Esstisch und Sofa. Weil gestalterisch alles eins und möglichst vorzeigbar sein soll, ist die Otl-Aicher-Werkstattküche mit offen gezeigten Töpfen, Kellen und sonstigen Gerätschaften überhaupt nicht mehr angesagt. Stattdessen herrscht gähnende Leere. Will heißen: Oberschränke sind in designaffinen Haushalten ein absolutes No-Go, gleich hinter der Raufasertapete. Da es ziemlich unpraktisch ist, Dinge des täglichen Gebrauchs wie Gläser, Teller und Gewürze in Unterschränken unterzubringen, gibt es designaffine Ausweichlösungen: Hochschränke mit Kassetten- und Wendetüren oder Raum-in-Raum-Elemente, die an Kammern und Haushaltsräume erinnern, gestalterisch aber eins werden mit den Küchenmöbeln.


Die Materialverheißung
Weil die Küche in den Wohnraum wandert, ist sie gestalterisch ein ebenso komplexes wie kostspieliges Unterfangen. Nicht mehr nur klassische Küchenhersteller werden als Planer engagiert. Gerade im oberen Preissegment geht der Trend zur Maßanfertigung mit individueller Beratung, wie Tischlereien und Manufakturen zeigen. Doch egal ob Masse oder Maß – die gestalterischen und technischen Trends sind segmentübergreifend. Generell gilt: Bei Möbeln und Elektrogeräten wird geklotzt statt gekleckert. Es sind vor allem Naturmaterialien, die gerade gefragt sind und hier insbesondere Natursteine wie Granit und Marmor sowie Hölzer wie Eiche, Esche und Tanne. Die Corona-Pandemie hat befördert, was sich schon lange vorher abzeichnete: In Zeiten kühler, abstrakter Technisierung sind wir auf der Suche nach dem Natürlichen, dem Authentischen, dem Haptischen. Wie das gestalterisch auf hohem Niveau umgesetzt wird, zeigt die Tischlerei Sommer aus Breitscheid, die schlichte Küchen aus ungewöhnlichen Hölzern wie Apfel und Kirsche plant, entwirft und maßfertigt. Während helle Farbnuancen ästhetisch zurückhaltend wirken und vor allem in Mittel- und Nordeuropa gefragt sind, schöpfen italienische Hersteller traditionell gern aus dem Vollen – immer in Kombination mit handwerklicher Kompetenz. Dabei treffen wie bei Cesar und Dada zentimeterdicke, oft sehr expressive Natursteinplatten auf edle Hölzer und werden kombiniert mit extravaganten Details wie Griffen aus Messing. Dieser Luxus kann noch gesteigert werden, indem beispielsweise Spülbecken und Fronten ebenfalls aus Naturstein gefertigt werden.

Schwarzseher und rosarote (Küchen-)Brillen
Neben Holz und Materialien wie Linoleum, Edelstahl, Lack- und Schichtstoffoberflächen sind Farben und Muster ein wichtiges Gestaltungsmittel. Eher selten allerdings sind Ausreißer wie die L’Ottocento-Küche, die mit einem aufregenden Muster von Alpi versehen ist, das Ettore Sottsass entworfen hat. Denn weil die Küche neben dem Badezimmer der teuerste Raum des Hauses ist, sollte sie gestalterisch nicht zu ausgefallen sein. Deshalb bewegen sich die Farben – vereinfacht gesagt – zwischen zwei diskreten Polen: dunklen Nuancen wie Anthrazit und Schwarz, die sehr architektonisch wirken, sowie Pastelltöne wie Rosa, Hellgelb und Graublau, die Leichtigkeit und einen Hauch Skandinavien ins Kücheninterior bringen. Schwarz ist auch die Farbe, die sich bei Spülen- und Armaturenherstellern gerade großer Beliebtheit erfreut, insbesondere in der matten Version. So hat beispielsweise Blanco sein Sortiment von Armaturen, Seifenspendern und Zugknöpfen in mattem Schwarz um die Spülenmodelle Etagon 6 und Subline 500-U sowie um eine Ablauf- und Überlaufgarnitur in derselben Farbe erweitert, sodass nun alles aus einem Guss erscheint. Auch Elektrogeräte kommen zunehmend in dem kühlen Dunkel daher und zwar hersteller- und segmentübergreifend.

Der Lockdown als Designtreiber
Auch bei der Gestaltung von Elektrogeräten greifen die Unternehmen verstärkt auf gestalterisches Know-how zu, das von außerhalb der eigenen Branche kommt. Das macht durchaus Sinn, wenn die Küche zum integralen Teil des Wohnraums wird und auch selbst immer wohnlicher. So setzt Samsung nicht nur auf technische Features wie Farbdisplays mit Touch-Steuerung, sondern beauftragte das Münchner Designstudio Relvãokellermann mit dem Entwurf eines Backofens. Dual Cook Steam aus der Produktlinie Infinite kommt in mattem Anthrazit mit einer Antifingerprint-Beschichtung daher und setzt sich mit einem hochformatigen Blickfenster in Szene. Die Idee, dass gutes Design auch bei sogenannter weißer Ware verkaufsfördernd sein kann, bestätigt die Studie „Decentralized Living – from lockdown habits to a new way of living“ von Samsung. Die Corona-Pandemie habe dazu beigetragen, dass mehr Geld in die Ausstattung des eigenen Zuhauses und in Home Entertainment als in Designerkleidung und -accessoires investiert würde, sagt Diana Diefenbach, Head of Retail and Communicaion beim koreanischen Hersteller.

Cocooning in Pandemie-Zeiten
Zwar hatten die eigenen vier Wände als Rückzugsort schon immer eine große Bedeutung. Doch wohl noch nie in den letzten Jahrzehnten haben wir ihnen so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie heute. Und es ist die Küche, in der kulminiert, was ein echtes Zuhause ausmacht – fernab aller technischen, gestalterischen und finanziellen Möglichkeiten: Sie ist Kommunikationsnukleus, Raum für Kreativität und Genuss, Ort des Geborgenseins.

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