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Stockholm Furniture Fair 2014: Souveräne Klassiker

Hoher Norden souverän: Die Neuheiten der Stockholmer Möbelmesse 2014.

von Norman Kietzmann, 12.02.2014

Die Stockholmer Möbelmesse (4. bis 8. Februar 2014) und die sie begleitende Lichtschau Northern Light besannen sich auch in diesem Jahr auf ihre Wurzeln und zeigten skandinavische Designtugenden mit Überraschungseffekt: Während manche Aussteller der Messen in Köln und Paris erst nach Klassikern Ausschau halten mussten, zauberte man diese im hohen Norden umso souveräner aus dem Hut. 

Ein wenig Esoterik gehört beim Wohnen längst dazu. „Wir ziehen unsere Mäntel aus und entspannen. Die Natur und das Meer lassen wir direkt in unser Zuhause kommen – in der Regel gut gepflegt, vorzugsweise barfuß. Modern“, gab der schwedische Designer Jan Rundgren mit seinem Trendbericht für die Stockholmer Möbelmesse die Richtung vor. Dass sich die Schau in den vergangenen Jahren von einer Nischenveranstaltung zum Pflichttermin gemausert hat, hat zwei entscheidende Gründe: Zum einen steht das skandinavische Design mit seinem Fokus auf natürlichen Materialien zurzeit so hoch im Kurs wie zuletzt vor 50 Jahren. Auch lenkt die gegenwärtige Jagd auf Klassiker den Blick in den hohen Norden, wo bekanntermaßen viele Ikonen der fünfziger und sechziger Jahren ihren Ursprung haben. 

Dialoge mit der Vergangenheit
Die Aussteller in Stockholm griffen diesen Umstand dankbar auf. Gleich auf einen doppelten Promi-Faktor setzte beispielsweise das dänische Möbellabel Fredericia mit Børge Mogensens Spanischem Stuhl (1958). Ein erklärter Anhänger (und Besitzer) des Möbels ist Alfredo Häberli: „Wenn ich zu Hause bin, nutze ich fast nur den Spanischen Stuhl... Fast kommt es mir so vor, als würde der Stuhl zu mir sprechen. Er erzeugt Bilder, Geschichten und auch Ideen in mir“, erklärt der Schweizer Designer. Anlässlich des 100. Geburtstages von Børge Mogensen verwandelte er den mit Sattelleder bespannten Klassiker in einen Loveseat, eine Sitzbank, einen Schaukelstuhl oder in einen mit Leuchte ausgestatteten Lesesessel. Frei nach dem Motto: Das Möbel ist so wandelbar, das es eine ganze Kollektion in sich vereint. 

Einen Neuzugang an der Klassikerfront markiert auch das Sofa Mingle von Mogens und Flemming Lassen aus dem Jahr 1935, das vom dänische Möbelhersteller by Lassen aufgelegt wurde. Angeregt durch Reisen nach Frankreich und Italien, hatten die beiden Kopenhagener Architekten ein Sitzmöbel für ausgiebige Konversationen im Sinn. Statt parallel nebeneinander Platz zu nehmen, wurde die gängige Sitzordnung kurzerhand zur Seite verdreht: In den sich gegenüber liegenden, halbkreisförmigen Sofaenden können sich zwei Personen beim Reden ohne Halsverrenkungen direkt in die Augen schauen.

Brücke zwischen Gestern und Heute
Eine Retrospektive ihrer früheren Produkte zeigten die beiden schwedischen Möbelhersteller Norell und Bruno Mathsson. Erinnerte man sich bei Norell an die Firmengründung vor 60 Jahren, dreht sich bei Bruno Mathsson alles um den Lounge Chair Perilla aus dem Jahr 1944. Das Möbel mit seinen gespannten Sattelgurten ist ursprünglich für den Wartebereich eines Krankenhauses entworfen worden und meisterte später in einer mit Schafsfell bezogenen Ausführung den Sprung ins Wohnzimmer. Auch bei dieser Präsentation liegt der Fokus nicht allein auf der geschichtlichen Evolution des Klassikers. Es ist vor allem die Vielseitigkeit der Anwendung, die den Messebesuchern vor Augen geführt wurde. 


Das auch weniger bekannte Namen Aufmerksamkeit gebührt, unterstrich der norwegische Möbelhersteller Fjordfiesta. Das 2001 gegründete Unternehmen präsentierte die Wiederauflage der Sitzbank Krobo von Torbjørn Afdal aus dem Jahr 1960, die einst als flexibler Alleskönner in zahlreiche norwegische Wohnungen zu finden war. Indem die Osloer Designer Torbjørn Anderssen & Espen Voll die puristische Bank um passende Aufbewahrungsboxen, Schubladenelemente und Kissen ergänzt haben, wurde nicht nur eine Brücke zwischen Gestern und Heute geschlagen. Das wirkte deutlich weniger museal und angestaubt als bei vielen anderen Reeditionen derzeit. 

Verschmelzen der Disziplinen
Die tatsächlichen Neuheiten dieser Messe flirteten unterdessen mit anderen Disziplinen. Um stärker im boomenden Hotelier- und Gastronomiegeschäft Fuß zu fassen, ging der schwedische Möbelhersteller Offecct eine Liaison mit der Mode ein. Für ihren Stuhl Tailor ließ sich die junge Stockholmer Designerin Louise Hederström von den Knöpfen am Mantel ihrer Großmutter inspirieren und verwandelte diese in dekorative Elemente für die Lehnen. Die Botschaft ist klar: Möbel sollen nicht nur als funktionale, langlebig Objekte wahrgenommen werden, sondern ebenso auf emotionaler Ebene agieren. 

Eine unmittelbare Kooperation zwischen Möbel- und Modewelt ging die Stockholmer Ledermanufaktur Palmgrens ein, die die Taschenkollektion Stiches & Bottons von Monica Förster präsentierte. Es war das erste Mal, dass das Traditionsunternehmen, das als Hermès von Skandinavien gilt und auch den schwedischen Königshof beliefert, mit einer Produktdesignerin zusammenarbeitete. „Für mich erschien dieser Schritt logisch, weil Taschen nichts mit Schnelllebigkeit zu tun haben. Sie sollen schließlich nicht nach sechs Monaten wieder verschwinden, sondern möglichst lange erhalten bleiben“, erklärt die Stockholmer Gestalterin, die einst in den Werkstätten der italienischen Polstermanufaktur Poltrona Frau ihr Gespür für Leder entwickelt hatte. 

Die Wandlung von Holz
Wie der Griff einer Lederhandtasche durchaus Pate für ein Sitzmöbel sein kann, bewies die Malmöer Designerin Lisa Hilland mit Bow Sofa für Gemla. Der Clou des Entwurfs steckt weniger in den filigranen Füßen aus Bugholz, die nahtlos in die Rückenlehne übergehen. Es ist vielmehr die Behandlung der hölzernen Oberfläche, die in einen ungewöhnlichen Transfer erlebt. Genau an den Stellen, an denen das Möbel mit den Händen berührt wird, ummantelte Lisa Hilland das Holz mit extrem weichem Leder. Nicht nur die Haptik des Holzmöbels erfährt auf diese Weise eine sinnliche Wendung. Auch die im Moment so begehrte Patina entsteht so viel schneller und verlässlicher als bei einem reinen Holzmöbel. 

Dass ein wenig Ironie nicht fehlen darf, bewies das dänisch-italienische Designerduo GamFratesi. Während sie als Guest of Honour den Eingangsbereich des Stockholmer Messegeländes mit einer wohnzimmerartigen Installation bespielten, präsentierten sie nur wenige Meter weiter den Sessel Manga für Swedese. Auch wenn das Möbel mit seinem fein gearbeitetem Holzgestell an die Tradition des skaninavischen Möbelbauses anknüpft, sorgt die übergroße, comicartige Rückenlehne für einen markanten Bruch. Das Spiel mit der Größe vollzog ebenso der norwegische Designer Andreas Engesvik mit seiner Hocker-Sitzbank Sol für LK Hjelle. Das Möbel erinnert an ein Daybed in deutlich geschrumpften Dimensionen. Dennoch reichen die Maße über einen gewöhnlichen Hocker hinaus und bieten Platz für zwei Personen. 

Neue Möbel, alte Räume
Nicht alle Neuheiten wurden auf der Messe selbst präsentiert. Entführte im vergangenen Jahr die Ausstellung Glass Elephant in einen Felsstollen auf der Insel Skeppsholmen, wurden diesmal verstärkt alltäglichere Orte aufgesucht. So zeigte Luca Nicchetto seine neue Sesselkollektion Elysia für De La Espada nicht in einem gewöhnlichen Showroom, sondern im Atelier des bekannten Stockholmer Maßschneiders Bauer. In gewisser Weise schloss sich damit der Kreis. Denn die Stärke der Stockholmer Möbelmesse liegt genau an dieser Stelle: Die gezeigten Neuheiten sind keine Eintagsfliegen, die nur aus Imagegründen gezeigt werden. Sie sind erstaunlich nah am Leben – selbst wenn sie schon weit über ein halbes Jahrhundert alt sind.

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