Menschen

Christian Haas

Der in Porto lebende Designer über das Comeback der Empathie

von Claudia Simone Hoff, 28.03.2020

Wie geht ein Designer mit der aktuellen Situation um, wie wirkt sie sich auf seine Arbeit aus? Christian Haas entwirft Möbel, Leuchten, Tableware und Accessoires für internationale Hersteller wie Karimoku New Standard, Villeroy & Boch, Schönbuch oder Tecta. Wir haben ihn telefonisch in Porto erreicht. Ein Gespräch über Meditation, ein eingespieltes Team und Dinge, für die man jetzt Zeit hat.

Du wohnst seit fünf Jahren in Porto. Wie ist die Lage dort und wie geht es dir? Mir geht es gut. Seit zwei Wochen gehe ich natürlich nur wenig raus, beispielsweise um mit meinem Hund Ponti spazieren zu gehen. Hier gab es den Aufruf, möglichst zuhause zu bleiben, schon um einiges früher als in Deutschland. Vieles steht seither still oder hat sich zumindest verlangsamt.

Wie sieht es in deinem Umfeld aus: Gelassenheit oder Panik? Eigentlich sind alle eher ruhig, wenn auch besorgt um Eltern und Großeltern. Aber man bekommt ja auch immer nur die Lage im eigenem Freundes- und Bekanntenkreis mit. Natürlich verlangsamen sich jetzt einige Projekte, teilweise werden sie verschoben. Doch die Krise wird meine Existenz nicht bedrohen. Ich bin Optimist und habe keine Angst, dass es beruflich für mich stocken wird oder gar nichts mehr kommt. Ich bin mir meiner privilegierten Situation bewusst und sehr dankbar dafür.

Ich finde es beängstigend, dass sich die Coronakrise weltweit ausweitet. Ich finde es eher interessant, dass nicht ein einziges Land, sondern die Menschheit in ihrer Gesamtheit betroffen ist. Das erinnert uns daran, dass wir letztendlich alle gleich sind, egal welche Hautfarbe wir haben, wie es um unsere Finanzen steht und ob wir religiös sind oder nicht. Außerdem macht es uns bewusst, wie vernetzt wir sind und wie unser persönliches Handeln beziehungsweise Nichthandeln massiven Einfluss auf andere haben kann. Empathie und Verantwortungsbewusstsein sind wieder erstrebenswerte Werte geworden. Das ist das Positive.
Ich empfinde die Situation, wie viele andere auch, als einen globalen Weckruf. Rückblickend wird diese Zeit wahrscheinlich eine Zäsur bedeuten, ich denke zum Guten.

Du wohnst in einem Haus in der Altstadt von Porto und dort arbeitest du auch. Für dich hat sich also nicht viel verändert, nur dass deine beiden Mitarbeiter Sonja und Ruben nun im Homeoffice sind. Wie klappt das? Mittwoch vor einer Woche habe ich gesagt: Nun machen wir uns erstmal locker, denn die Situation wird ja noch über Wochen anhalten – wir müssen uns also nicht überschlagen. Jetzt arbeiten wir konzentriert an bereits angefangenen Designprojekten, erst einmal jeder für sich. Jedoch nicht mit der Geschwindigkeit, die wir sonst an den Tag legen. Dafür bleibt mehr Zeit für generelle Recherche und für Bücher, die sonst aufgrund fehlender Zeit eher oberflächlich durchgeblättert werden.

Nutzt du Skype oder andere digitale Kommunikationstools, um zu kommunizieren? Ich versuche meinen Social-Media-Konsum gerade bewusst zu reduzieren, was mir natürlich nicht leicht fällt. Ich bin kein großer Fan von Skype und Video-Telefonie. Ich finde, dass ein altmodisches Telefonat konzentrierter und effektiver sein kann, auch wenn man sich vielleicht nebenher einen Tee kocht oder dem Hund den Bauch krault. (lacht)

Sonja, Ruben und ich arbeiten ja schon lange zusammen und sind ein eingespieltes Team. Wir haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis, fahren zusammen auf Messen und auch mal zur Inspiration in Großstädte. Es ist keine reine Geschäftsbeziehung, die beiden kennen mittlerweile meinen Stil und meine Vorstellungen ganz genau und haben ihre Arbeitsweise darauf eingestellt. Deshalb telefonieren wir, auch in Zeiten wie diesen, nur sehr unregelmäßig und auch nicht jeden Tag. Das Gute ist, dass wir jetzt mehr Zeit haben und bei den für 2021 und 2022 geplanten Projekten stärker in die Tiefe gehen können. Die Projekte für dieses Jahr sind ja bereits weitgehend abgeschlossen.

Was steht gerade an? Für nächstes Jahr arbeiten wir an neuen Polstermöbeln, Stühlen, Tischen, einer Porzellan-, Glas- und Besteckserie – für Bestandskunden, aber auch für neue Auftraggeber. Dieses Jahr kommen noch ein Tischmobile auf den Markt und eine Kollektion von Korbleuchten, die im Rahmen von Passa ao Futuro entstehen. Diese großartige Initiative katalogisiert und kartographiert das portugiesische Handwerk, um es Unternehmen und Designern zugänglich zu machen. Die von mir entworfenen Leuchten werden an der Algarve von einem Korbflechter gefertigt, der eine spezielle Technik beherrscht.

Bist du in Kontakt mit deinen Auftraggebern? Ja, aber nicht mehr als sonst. Und nur mit denen, für die wir gerade Projekte umsetzen. Viele sind ja nun damit beschäftigt, neue Arbeitsformen zu erproben, damit der Betrieb halbwegs geregelt weitergehen kann. Auch zu normalen Zeiten bin ich nur in engem Kontakt mit meinen Auftraggebern, wenn Produkte in die Finalisierung gehen. Dazwischen ist mitunter zwei Monate Stille – ich muss mich nicht ständig in Erinnerung bringen.

Kannst du schon eine Stimmung in der Industrie ablesen? Das ist noch zu früh, glaube ich. Wir wissen ja nicht, wie lange sich die Situation hinziehen wird. Ob nur für die nächsten vier Wochen oder die nächsten sechs Monate – das wird ausschlaggebend sein.

Du hast eine Affinität zum Handwerk. Gibt es Projekte, die du gerade nicht machen kannst, weil man niemanden besuchen und nicht reisen darf? Ja, einige. Das Projekt mit den Korbleuchten für Passa ao Futuro beispielsweise ist ins Stocken geraten. Ich wollte Mitte März eigentlich noch mit dem Auto nach Tavira an die Algarve fahren, um mit dem Korbflechter daran zu arbeiten, aber das musste ich ins Ungewisse verschieben. Wir haben aber die Materialien im Studio und können damit experimentieren. Außerdem gab es dazu schon einen Workshop in Lissabon.
Ein Herzenswunsch von mir war es auch, im Frühjahr gemeinsam mit der bayrischen Glasmanufaktur Poschinger etwas auf die Beine zu stellen. Auch das muss nun leider warten. Wir passen unsere Arbeitsweise der Situation an – andersherum geht es ja leider nicht.

Machst du eigentlich während der Krise etwas, was du sonst nicht machst? Mein Garten ist jetzt ziemlich gut im Schuss, besser denn je, würde ich sagen. (lacht) Ich habe den Geräteschuppen aufgeräumt und die Steinmauer vom Dornengestrüpp befreit. Ich mache jetzt Sport zuhause, was ich sonst nie gemacht habe, als Gewichte dienen notgedrungen Backsteine. Gelangweilt habe ich mich bisher noch nicht.
Und ich habe mit Meditation angefangen. Es gibt Tagesaufgaben, man geht in sich, führt Buch und dazu kommt eine kleine Meditation. Dabei geht es durchaus auch ans Eingemachte, was ich sehr bereichernd finde. Das werde ich in jedem Fall beibehalten. Außerdem koche ich viel, drehe die Musik laut auf und trinke guten portugiesischen Wein. Zum Glück ist mein bester Freund aus Los Angeles zu Besuch, da kann mir eh nicht langweilig werden.

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