Menschen

Maarten Baas

von Hannah Bauhoff und Tanja Pabelick, 02.12.2009


Maarten Baas, 1978 im deutschen Arnsberg geboren
aber mit niederländischer Nationalität, gilt als Enfant terrible der internationalen Designszene. Der Absolvent der renommierten Design Academy Eindhoven hat keine Lust, sich einer bestimmten Ästhetik zu unterwerfen – geschweige denn brav Designklassikern zu huldigen. Bei seinem Diplomprojekt „Smoke“ verbrannte er im Jahr 2002 genau diese – und besaß dann die Frechheit, die verkohlten Stühle und Schränke 2004 parallel zur New Yorker International Contemporary Furniture Fair in der Galerie Murray Moss unter dem Titel „Where There´s Smoke“ zu präsentieren. Inzwischen ist Maarten Baas bei zahlreichen Galerien in New York, Paris, Shanghai und Mailand unter Vertrag. In diesem Jahr bekommt er von der Messe Design Miami den „Designer of the Year Award“ verliehen. Diese Entscheidung ist bemerkenswert, ging die Auszeichnung bislang an etablierte Designer wie die Gebrüder Campana, Tokujin Yoshioka, Marc Newson oder Zaha Hadid. Gestern wurde die Messe in Miami eröffnet – und Baas zeigt bis zum 5. Dezember 2009 seine Installation, die er exklusiv für Miami entworfen hat. Wir haben den Designer getroffen und mit ihm über Stühle, Musik und seine Entwurfsmethodik gesprochen.

Immer wieder beschäftigen Sie sich mit Stühlen – es scheinen Ihre liebsten Produkte zu sein. Warum?

Grundsätzlich denke ich, dass ein Stuhl ein anspruchsvolles Objekt ist, das viel widerspiegelt. Für Designer sind Stühle ein gängiger Weg, sich auszudrücken.

Etwas zu transformieren, herumzuspielen und eine eigene Annäherung zu finden scheinen wichtige Aspekte Ihrer Arbeit zu sein. Sehr oft werden Sie daher gefragt, ob Sie Designer oder Künstler sind. Ist diese Frage bei Ihrer Arbeit von Bedeutung?

Ich vermeide Kategorisierungen. Alles ist möglich – und dann wird das Design, wie es anscheinend sein soll. In diesem Punkt versuche ich, so „organisch“ wie möglich zu arbeiten. Genauso verhält es sich auch mit der Frage, ob ich ein Künstler oder Designer bin. Aber es scheint den starken Wunsch zu geben, Dinge einzuordnen. Schlussendlich sind Worte dafür gemacht, das Leben und die Kommunikation zu erleichtern – wenn ich also über einen Baum spreche, weiß der andere: Das ist das Ding aus dem Blätter herauswachsen. Aber wenn es kein Wort für das gibt, was ich mache...

Was ist das denn alles?

Ich mache ein bisschen Design, ein wenig Kunst, zuletzt einen Film – macht mich das zum Regisseur? Ich glaube nicht. Und der Film hat durch die Art seiner Inszenierung auch starke Bezüge zum Theater, man kann ihn sogar mit einer Choreografie vergleichen. Es gibt viele Elemente in meiner Arbeit. Aber ich bin nicht sonderlich interessiert daran, ihnen einen Namen zu geben. Ich mache meine Dinge und kann davon leben. Das reicht mir – und ich kann mitteilen, was mich interessiert.

Was treibt Sie an, sich so vieler gestalterischer Sprachen zu bedienen?

Ich erlaube mir viele Freiheiten. Aber wenn wir über Motivation sprechen, würde ich sagen, ich kann mich am besten motivieren, wenn ich wirklich etwas entdecken und erobern kann. Etwas, von dem ich glaube, dass es sinnvoll ist und dadurch eine Existenzberechtigung hat. Eben nicht nur, um einen weiteren Stuhl zu gestalten. Ich muss das Gefühl haben: Das verändert oder bewegt etwas. Vielleicht bei mir, vielleicht in der restlichen Welt, vielleicht bei denjenigen, die es sehen. Dann erscheint es mir sinnvoll.

Das klingt nach viel Freiheit.

Ich arbeite immer in die Richtung, in die ich mich träume, also in die ich gehen möchte. Ich bin nicht abhängig von Kategorien – weder ökonomisch noch im Kopf. Ich habe zwar ein Büro, aber es ist in seiner Struktur ziemlich flexibel. Wir können zu zweit arbeiten oder mit 20 Personen. Das hat den Vorteil, dass ich nicht darauf achten muss, dass ich jeden Monat 20 000 Euro einnehme.

Sie sprechen oft vom „playing“, beispielsweise, wenn es darum geht, etwas auszuprobieren, sind Sie Feuer und Flamme. Anscheinend lieben Sie es, zu spielen ...

Oh, das habe ich gar nicht so bemerkt.

Ja, immer wenn es darum geht, etwas zu testen, etwas auszuprobieren, dann sind Sie der erste – zumindest, in Boisbuchet, wo sie im Sommer einen Workshop geleitet haben.

Großartig, ja, ich spiele gerne. Das habe ich allerdings noch nicht als einen roten Faden gesehen. Aber es ist richtig. Ich liebe es zu spielen. Mein Lieblingssport ist Fußball. Lustigerweise gibt es bei mir im Studio immer wieder Diskussionen zwischen den Läufern und den Spielern. Ich jogge zwar auch gerne, aber da fehlt mir die Herausforderung. Laufen ist kein Spiel – Fußball dagegen schon. Hier gibt es immer Interaktionen, immer Herausforderungen.

Sie spielen mit Materialien – und nutzen dies immer wieder in ungewöhnlichen Kontexten, wie etwa bei der „Clay Furniture“-Kollektion.

Ich glaube, es ist eine Mischung aus einer gewissen naiven Haltung, einem professionellen Interesse und dem „Finish“. Ich vergleiche „designing“, also das Entwerfen, manchmal mit Musik machen. Damit, wie man Musik komponiert, und wie man Musik hört. Das ist ein völlig anderer Weg als im Design, wo Entscheidungen viel rationaler getroffen werden. Ich betrachte Design von einer – sagen wir – eher „natürlichen“ Seite. Gerade in Bezug auf Materialien bin ich unvoreingenommen. Meine Materialkenntnisse sind gering, aber ich habe einen tollen Geschäftspartner mit einer außergewöhnlichen technologischen Kompetenz. Wenn ich eine Idee habe, besprechen wir das – und er kann sagen, ob es technisch umsetzbar ist. Mitunter habe ich nicht die leiseste Ahnung, wie viel Arbeit es macht, das Bild in meinem Kopf zu realisieren. Ich sehe nur, wie etwas aussehen soll – und das möchte ich dann auch realisieren und kommunizieren. Das ist auch eine Art von Spiel.

Und gelingt das?

Oft ist es ziemlich schwierig – trotz neuer, innovativer Materialien und Technologien. Bei der „The Man in the Clock“ dachte ich, es sei eine ganz simple Idee, die leicht umgesetzt werden kann: einfach mit einer Videokamera eine Uhr abfilmen, und den Film dann auf das Ziffernblatt projizieren. Aber bereits das Rendern der Filmdaten war aufgrund der hohen Datenmenge ziemlich kompliziert und sehr aufwändig. Hinter der simplen, kleinen Idee und meinem „Hey, lass es uns einfach so machen“ steckt meistens ein riesiges techisches Wissen.

Das ist bestimmt bei anderen Möbeln ebenfalls nicht so leicht gewesen.

Ja, beispielsweise bei den „Clay Furniture“ – das ist eine lange Geschichte. Ebenso „Smoke“. Einfach Möbel abbrennen? So einfach ist das dann doch nicht. Und obwohl wir damit schon sieben Jahre Erfahrung haben, arbeiten wir immer noch an dem optimalen Prozess.

Gibt es Ideen, die Sie verwerfen oder nicht weiter verfolgen, weil die Umsetzung zu schwierig ist?

Nein, das passiert nie. Ich arbeite im Studio eng mit meinem Team zusammen. Wenn sich also die Dinge anders entwickeln, als ich es ursprünglich gedacht hatte, können wir eingreifen und die Entwicklung der Idee an den Prozess anpassen. Ideen in die Ecke zu werfen, das kommt eigentlich nicht vor.

Noch einmal möchte ich auf das Thema Musik zurück kommen: Sie spielen sicher ein Instrument. Vielleicht Gitarre?

Ja, Gitarre. Und ein bisschen Klavier.

Welche Art von Musik mögen Sie am liebsten? Ich würde jetzt auf Free Jazz tippen.

Naja, eigentlich mag ich Free Jazz nicht so gerne, er ist mir zu intellektuell. Vielleicht liegt es daran, weil meine Arbeit nicht intellektuell, sondern eher ein bisschen kindlich ist. Es gibt zwar schon diesen intellektuellen Level, aber wenn ich das nun auf Musik beziehe, dann muss diese ebenso wie meine Arbeit leicht zugänglich sein. Jazz finde ich eher schwierig. Aber das ist eben mein persönlicher Geschmack.

Sind Sie vielleicht Fan von einer Band?

Zwei Bands, die ich gerne mag, sind zum einen die Beatles – sie decken ein unglaubliches Spektrum ab, und ich mag die Art und Weise, wie sie arbeiten. Und zum anderen ist es Tom Waits. Er ist der zeitgenössische Künstler, den ich am liebsten mag. Na ja, er ist auch schon ein alter Mann. Doch alles, was er macht, ist sehr abwechslungsreich, irgendwie „doppelbödig“ – das ist gerade das, was mich am Design interessiert. Und Tom Waits erfindet sich immer wieder neu. Schau Dir seine CD-Cover an, seine Videos, Pressekonferenzen, er spielt wirklich mit den Dingen. Aber vor allem mag ich seine Musik sehr gerne. Das sind meine musikalischen Inspirationsquellen.

Sie unterrichten auch. Das ist für Sie sicher eine völlig andere Art zu arbeiten – zumal Sie auch ein Vorbild für viele junge Studenten sind. Müssen Sie dabei genau wissen, was Sie wollen oder „spielen“ Sie auch mit den Studenten?

Hm, ja. Beim Unterrichten – ich habe ja inzwischen einige Workshops gegeben – kann ich jetzt intuitiver arbeiten als in den ersten Workshops. Trotzdem ist mein Ansatz immer noch naiv, aber aufgrund meiner Erfahrung wird das Unterrichten auch zu einer Art Spiel. Ich schaue, was passiert, und manchmal geht es in eine andere Richtung, als ich es erwartet habe.

Als Dozent tragen Sie die Verantwortung – ein Gegensatz zu Ihrem Ansatz?

Ich bin zwar verantwortlich – und ich möchte wirklich, dass jeder meiner Studenten eine tolle Zeit hat. Aber ich denke, meine Rolle ist es, einen möglichst guten Einfluss auf die Lernenden zu haben: verantwortlich sein, aber trotzdem spielen – um es mal als Synonym für locker zu benutzen. Grundsätzlich trage ich immer eine gewisse Verantwortung, selbst mit meinem Studio spüre ich den Druck, immer wieder mit neuen Entwürfen auf den Markt zu kommen, aber ich versuche alles, was mich irgendwie negativ beeinflussen könnte, ins Positive zu wenden. In Etwas, das mich voranbringen kann. Vielleicht kann man das auch als eine Art Spiel bezeichnen.

Herr Baas, wir danken für das Gespräch.

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