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Slow Hospitality

Gespräch mit dem Hotel-Pionier Claus Sendlinger über moderne Begegnungsorte

Claus Sendlinger war 1993 der Gründer von Design Hotels, einem Unternehmen, das heute weltweit mehr als 300 Boutique- und Luxury-Hotels umfasst. Über 20 Jahre agierte er als CEO dieser Marke, die mit einem designorientierten Verständnis von Hospitality neue Standards in der Branche gesetzt hat. Nun präsentiert Sendlinger seine Marke Slow. Das steht für: sensibel, lokal, organisch, weise.

von Kathrin Spohr, 24.11.2020

2015 wollte Starwood Hotels and Resorts Sendlingers Anteile an der Design Hotels AG kaufen. Für Sendlinger gab es daraufhin einen Abschied auf Raten: 2018 schied er als CEO aus, 2019 stand er noch als Berater zur Verfügung, um den neuen CEO in die Design Hotels Szene einzuführen. Mit seiner neuen Brand Slow, die bereits eine Farm auf Ibiza sowie ein Treehouse in Mexico entwickelt hat und in knapp drei Jahren einen Campus in Berlin fertigstellen wird, gibt er Antworten auf das „What‘s next?“. Ein Gespräch über den modernen Stil der Entschleunigung und neue Begegnungsorte, die Leben, Arbeiten, Hospitality und Austausch unmittelbar miteinander verbinden.

Herr Sendlinger, wie sieht Hospitality in 20 Jahren aus?
Das Reisen, der Businesstrip – es wird anders sein. Der Übertourismus war ohnehin eines der großen Probleme der Branche. Das billige, schnelle Irgendwo-Hinfliegen, zur Geburtstagsparty nach Barcelona oder so ist weder nachhaltig noch erstrebenswert. Das hat sich mit Corona gelöst.
Die Gästeströme werden also künftig andere sein. Wenn man zusammenkommt, sollte man sich richtig Zeit nehmen und sich an besonderen Hospitality-Destinationen treffen. So lange in den großen Hotels jedoch alles, was in der Lobby passiert – Rezeption, Food und Beverage – Beiwerk ist, weil man das Geld mit den Zimmern macht, ist es nicht Hospitality, sondern Lodging. Die Hotelrezeption als Ort der schnellen Schlüsselübergabe an einen Gast, damit er aufs Zimmer geht, sollte unbedingt hinterfragt werden. Hospitality meint ursprünglich etwas anderes: die Liebe zum Gast. Genau das wird in unserer neuen Gesellschaft und in der Art und Weise, wie Bauprojekte geplant werden, eine essentielle Rolle spielen. Wir werden Leben, Arbeiten, Hospitality, Austausch unmittelbar miteinander verbinden.

Vor fünf Jahren haben Sie ein neues Unternehmen gegründet: Was ist Slow?
Mein Geschäftspartner Peter Conrads und ich wollen mit Slow Menschen, Plätze und Projekte zusammenbringen, die unser Leben und Arbeiten miteinander neu definieren. In Zeiten großer Eile haben wir es gewagt, in die Tiefe zu gehen. Schwer skalierbares Kunst- und Kulturgut zu behüten und in neuen partnerschaftlichen Formen aufzubauen – auch das haben wir uns mit Slow vorgenommen.

Die Slow-Bewegung wächst. Welchen Wertewandel beobachten Sie durch Corona?
Ich bin viel durch unterschiedlichste Kulturgruppen und Gesellschaftsschichten gereist und kann daher sagen, dass jede gute Dinner-Konversation mehr Wert hat als eine Trendstudie: Die Menschen finden es schon lange viel cooler, wenn jemand weiß, wie man eine gute „Tom Yam Gung“ kocht, als einen neuen Porsche zu fahren. Schon lange beobachte ich, dass die Naherholung im Kommen ist. Durch Corona hat alles eine neue Dynamik bekommen, die unsere Slow-Zielgruppe vervielfacht. Denn: Wer möchte jetzt schon in London sein, wo man zwar die Kohle verdient, aber sonst gar nichts vom Leben hat? Die Jahre, die vor uns liegen, werden von Stadtflucht geprägt sein. Die Leute bevorzugen „walkable cities“. Oder sagen jetzt, dass sie auf einer Farm leben möchten!

Was hat Sie dazu bewegt, Slow zu initiieren?
Schon länger war ich sensibilisiert für ein entschleunigtes Leben. Dieser Speed konnte nicht so weiter gehen. Als CEO von Design Hotels war auch ich viel unterwegs, bin durch die Welt gependelt. Ich entschied, diesen Lebensstil auf den Kopf zu stellen und den Hauptteil meiner Zeit in Tulum zu verbringen, wo meine Kinder waren.

Wie war das möglich in Ihrem Job?
Ich begann, Design Hotels aus der Distanz zu managen, quasi in relaxter Atmosphäre, am traumhaften Beach in Tulum. Ein radikaler Schritt. Ich veränderte die Prozesse, Mitarbeiter bekamen mehr Entscheidungsräume, etc. Ich stellte fest: Das funktioniert ganz wunderbar! Dieser neue Spirit in der Unternehmenskultur kam überall super an. Auch bei unseren Kunden, den Members von Design Hotels.

Mit Marina Marina baut Slow ein Großprojekt in Berlin-Lichtenberg. Können Sie Näheres dazu sagen?
Marina Marina liegt auf dem Gelände der ehemaligen Flussbadeanstalt an der Rummelsburger Bucht an einer der breitesten Stellen der Spree. Hier entwickeln wir auf zwei Hektar einen Campus mit einer Marina, einem Museum und einer Akademie für das 22. Jahrhundert – also Büros, Ateliers, Plätze für Kunsthandwerker, Gästequartier mit 40 Zimmern, Gastronomien und Veranstaltungsflächen. Wir wollten das Projekt mit unterschiedlichen Architekten realisieren und konnten großartige Partner für die verschiedenen Komponenten gewinnen. Die „Werft“ wurde von Arno Brandlhuber und Christian Kerez entworfen.

Welche Architekten sind sonst noch an dem Projekt beteiligt?
Den „Ritualraum“ planen wir mit der österreichischen Architektin Monika Gogl. Das subterrane, fast tempelartige Gebäude entsteht im Zentrum des Campus am Wasser und wird lediglich durch ein Reetdach sichtbar sein. Die Reetdachfirma Weichert hat ihren Sitz in Berlin und ist eine der wenigen, die dieses wunderbare, traditionelle Handwerk noch anbieten.
Das ehemalige „Bootshaus“ der Badeanstalt wird zu einem Restaurant umgebaut. Das gehen wir zusammen mit Armin Fischer vom Architekturbüro Dreimeta an, mit dem wir bereits einige unserer Slow-Projekte realisiert haben.

Wie sehen Ferien im Treehouse im mexikanischen Tulum aus?
Das Treehouse ist mein ehemaliges Wohnhaus. Wir haben es umgewandelt in ein Haus für Artists in Residence und Artisanship, ein Begegnungsort für Handwerk, Design, Kunst. Es hat fünf Zimmer, ein Restaurant, eine Töpferei-Werkstatt. Man kann dort von lokalen Künstlern lernen, dort entstandene Töpferei-Produkte erwerben. Mit einer Küche, die Slow Food und Kochen als Ritual zelebriert: Es ist ein kreatives Labor mit einem sich ständig weiterentwickelndem Line-up von Gastköchen aus aller Welt, die neue Interpretationen der traditionellen mexikanischen Küche erforschen. Es ist ein Diskurs über die Zukunft der Esskultur, durch Workshops, Experimente und künstlerische Zusammenarbeit.

Auch bei La Granja auf Ibiza, einer wunderschönen Biofarm mit Zimmern, geht es um Slow Food…
Schon lang hatte ich die Vision, dass das Farmhaus künftig das Clubhaus der Golfplätze ersetzen müsste. Wo natürlich weisere Entscheidungen für Geschäfte und für den Planeten getroffen werden, die nicht nur kommerzieller Natur sind. Die Farm La Granja lief mir eher zufällig über den Weg. Mir wurde dann immer klarer, dass das Leben auf der Farm mit dem Verarbeiten frischer Produkte und dem Verbannen des ganzen Supermarkt-Trockenfoods aus der Küche die Zukunft ist. Vor fünf Jahren bin ich mit meinen Kindern dorthin gezogen.
Überall steckt der Slow-Gedanke: Wenn man in der Hotellerie Themen anbietet, die mit dem Erschaffen von Dingen zu tun haben, mit Kochen, Handwerk, dann sind das in gewisser Weise Meditationsformen, die den Geist vom ständigen Hin- und Herschwingen ablenken. Wir helfen dabei, alles Außen mal wegzunehmen. Man bekommt das beste Essen, das mit Liebe zubereitet ist, und das Background-Wissen dazu: Wen der Anbau auf La Granja interessiert, kann den Farmer ansprechen. Wir gehen eben nicht über eine Excel-Liste und streichen die Radieschen, weil sie jetzt zu viel kosten. It’s all best. Diese Ideen haben wir uns zum Ziel für all unsere Plätze vorgenommen.

La Granja und Tulum sind Orte, die über das Handwerk und das Kochen den gemeinsamen Austausch pflegen. Ist Community der neue Luxus der Hotellerie?
Die ganzen „Co’s“ der letzten Jahre haben gezeigt: In der Essenz geht es um den guten, intellektuellen Austausch. Wenn ein Platz dies verspricht, dann bedeutet das schon so viel mehr. Das war auch der Ursprung der Design Hotels: Design war wie ein Code, der für eine kreative Klasse funktionierte, die verstand, dass man im Morgans, Hempel oder Paramount seinesgleichen traf. Wir zeigen: Auch Ibiza ist das. Zwar kann sich nicht jeder die Übernachtung in La Granja leisten, aber es gibt viele junge Leute, die freitags zu uns kommen und an Festivitäten teilnehmen. Unser Design-Code – die Art, wie wir das Interior kuratieren, Bilder auswählen, wie wir kommunizieren – ist altersstufenfrei.

Wo leben Sie gerade?
Ich bin seit über einem Jahr in Lissabon. Wir entwickeln dort ein Gästehaus im Stadtteil Alfama sowie eine biodynamische Farm eine halbe Stunde außerhalb der Stadt. Als Lebensplatz, nicht als Urlaubsort. Mit einer Real-Estate-Komponente. Eine Farm inklusive unterschiedlicher gastronomischer Angebote und in Partnerschaft mit unserem Campus in Berlin. Es entstehen gerade viele neue Geschichten, die wir versuchen, in die richtige ästhetische Form zu bringen.

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