Amsterdam für Stubenhocker
Prgrammatische Mischung: Das Zoku-Hotel in Amsterdam setzt auf räumlichen Wandel.
Zoku steht im Japanischen für Familie, Stamm oder Clan. Zwischen Prinsen- und Keizersgracht eröffnet in Amsterdam ab Herbst ein gleichnamiges Hotel, das gar kein Hotel sein möchte. Stattdessen ist ein Treffpunkt für urbane Nomaden geplant, der als Wohn-, Arbeits- und Erlebnisraum die Grundrisse gewöhnlicher Herbergen ad acta legt.
Konventionelle Hotelketten haben derzeit einen schweren Stand. Über Dekaden galten ihre immer gleichen Interieurs als Garant für Service und Komfort. Dass sich die Häuser verschiedener Ketten rund um den Globus schließlich immer ähnlicher sahen, störte nur die wenigsten. Im Gegenteil: Man wusste eben, was man bekam. Doch damit ist nun Schluss. Nicht nur Boutique-Hotels haben der Hotelmonotonie erfolgreich den Krieg erklärt, sondern auch Wohnungstauschbörsen wie Airbnb. Die Folge: Hotels aus der Retorte funktionieren nicht mehr. Die Gäste suchen einen Bezug zum Ort und wollen sich zuhause fühlen – und zwar wie in einem richtigen Zuhause.
Räumliche Schichtung
Wie die Spielregeln für Hotel-Einrichtungen durcheinander gewirbelt werden, zeigt ein Projekt, das im Herbst in Amsterdam eröffnen wird. Zoku lautet sein Name, der im Japanischen Familie, Stamm oder Clan bedeutet. Auch wenn sich die 133 Zimmer mit einer Größe von mindestens 25 Quadratmetern nur unwesentlich vom Branchenstandard unterscheiden, wird ein anderes Raumerlebnis erprobt. „In einem gewöhnlichen Hotelzimmer oder Studio-Apartment dominiert immer das Bett. In unseren Lofts zieht ein großer Esstisch die Blicke auf sich“, erklärt Rob Wagemans. Mit seinem Amsterdamer Architekturbüro Concrete hat er die Inneneinrichtung als Hybrid aus Wohnen und Arbeiten konzipiert, der urbanen Nomaden für einzelne Nächte ebenso Unterschlupf gewähren soll wie für Wochen oder Monate.
Der veränderte Grundriss wird bereits an der Eingangstür deutlich. Am Ende eines kurzen Korridors gelangen die Gäste in einen Wohnbereich mit Sofa, Beistelltisch sowie einem Esstisch für vier Personen. Das Bett ist rückseitig auf einer zweiten Ebene untergebracht, die sich über den Flur, den Kleiderschrank sowie eine eingebaute Arbeitsstation erstreckt. Die Besonderheit dieser Raumaufteilung liegt in ihrer optischen Trennung durch hölzerne Lamellen. Wie rustikale Jalousien verbergen und offenbaren sie, ohne den Blickkontakt vollständig zu unterbrechen. Um die Präsenz der zweiten Ebene zu minimieren, setzen die Architekten auf Bewegung: Über eine an die Wand montierte Eisenschiene kann die sechsstufige Holztreppe vollständig in den Unterbau des Bettes eingefahren werden. Lediglich der metallene Treppenrahmen zeichnet sich dann als schwarze Zickzacklinie zwischen Fernseher, Bücherregalen und ausziehbaren Schränken ab.
Transformatives Element
Die Metallschiene wird im Anschluss an die Treppe als schmales Regal fortgesetzt, das zum lockeren Abstellen von Bildern dient. Auf der gegenüberliegenden Raumseite wird die Schiene ebenso aufgegriffen, wenngleich sie dort als fixierender Untergrund für Magnete dient. Mit wenigen Handgriffen kann das Umfeld des Esstisches so mit Zetteln, Flyern oder Fotos personalisiert werden. Ein wichtiger Schritt, um sich im Zuhause auf Zeit tatsächlich wohl zu fühlen.
Kommunikative Zone
Ganz in diesem Sinne ist auch die räumliche Verknüpfung aus Zweisitzer (Modell Rest von Muuto) und großem Tisch zu einer kommunikativen Zone, die zum Arbeiten, Essen und Entspannen gleichermaßen dient. Aufgeräumt wie der Schlafbereich zeigt sich die Kochnische, die in die Rückwand der Bettebene eingelassen wurde. Die Arbeitsfläche aus schwarzem Kompositharz setzt einen deutlichen Kontrast zu den weiß-glänzenden Oberflächen der Wandschränke, während ein offenes Regal zur Aufbewahrung von Gläsern und weiteren Utensilien dient. Ordnung herrscht ebenso in der Schreibtischnische im Korridor, wo Drucker, Papier und Zubehör hinter hohen Schränken aus dem Blickfeld verschwinden.
Der deutliche Zuwachs an Ablagen verstärkt den halböffentlichen Charakter der Mini-Apartments. Die Gäste können weitere Besucher für Besprechungen oder gemeinsames Arbeiten einladen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, die Privatsphäre des anderen zu verletzten. Dennoch darf auch hier ein wenig Spaß nicht fehlen. So hängt eine aus Schichtholz gefertigte Turnring-Garnitur von der Decke herab, mit der die Gedanken wieder in Schwung gebracht werden. Wer noch mehr Bewegung braucht, kann die 500 Quadratmeter bespielenden Gemeinschaftsräume erkunden, die den 133 Apartments zusätzlich zur Verfügung stehen.
Kalkulierter Aufbruch
„Zoku wird eine neue Kategorie in der Hotelindustrie kreieren“, sind Marc Jongerius und Hans Meyer sich sicher. Die beiden Gründer sind in der Branche keine Unbekannten. Meyer hat bereits die in Großbritannien sehr erfolgreiche Budget-Designhotelkette CitizenM an den Markt geführt, während Jongerius (kein Verwandter der niederländischen Designerin) für verschiedene Wirtschaftsprüfer tätig war. Ob das Konzept aufgeht, wird sich im Herbst zeigen, wenn das Hotel an der Amsterdamer Weesperstraat öffnet. Schon jetzt sind weitere Häuser in London, Paris und Berlin geplant, die die Lücke zwischen Hotel und privater Unterkunft schließen sollen. Reservierungen für das Amsterdamer Haus werden ab Juli entgegengenommen.
FOTOGRAFIE Ewout Huibers
Ewout Huibers
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