Architektur im Förmchen
Ein Headquarter für Traditionsgebäck von Neri+Hu
Mürbekekse, ein altes Lagergebäude und ein Unterkleid aus Beton: So lauten die Zutaten für das Headquarter-Rezept eines chinesischen Traditionsunternehmens, das in Pekings Peripherie von Neri+Hu realisiert wurde. Ein altes Backsteingebäude für Baumwolle verwandelte das Architekturbüro in einen asketischen Tempel, der die Gebäckerzeugnisse des Auftraggebers auf ein Podest stellt.
Die vielleicht poetischste Geschichte zu ihrem jüngsten Projekt erzählen Lyndon Neri und Rossana Hu selbst: „Die Architektur wurde von traditionellem chinesischen Gebäck inspiriert, das dekorativ in einer Form modelliert wird: Eine Schalung nimmt den Inhalt auf und bringt ihn in Form.“ Die kleine Story der Architekt*innen ist aber weitaus mehr als eine Analogie. Denn Bauherr ist das Keks-Unternehmen Lao Ding Feng, das seit 1911 traditionelle chinesische Mürbekekse herstellt. Es beauftragte Neri&Hu mit der Gestaltung eines neuen Headquarters, das das Büro und einen Concept-Store beherbergen sollte. Und Lao Ding Feng präsentierte auch gleich das historische Förmchen für die neue Architektur: ein verfallenes Lagergebäude nordöstlich des Pekinger Stadtzentrums.
Strukturwandel am Güterbahnhof
Mit rastloser Rasanz verändern sich die Viertel der chinesischen Hauptstadt. Der Projektstandort des Keks-Unternehmens war einmal ein florierendes Industriegebiet, das aus der damaligen Infrastruktur entstanden ist. Der Bahnhof Langyuang galt als einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte für den Transport von Waren in und aus der Stadt. Das prägte den Bezirk. Um die ein- und ausgehenden Güter lagern zu können, wurden Warenhäuser erbaut – hohe und weite Hallen, Backsteinhaus an Backsteinhaus. Heute ist der Bahnhof ein Kulturzentrum und die Gegend vor allem für ihren Strukturwandel und als hippes Shoppingviertel bekannt. Viele der alten Hallen wurden bereits neuen Nutzungen zugeführt, zu Läden umfunktioniert oder zu Restaurants umgebaut. Eine ehemalige Lager- und Produktionsstätte für Baumwolltextilien sollte mit ihren 1.580 Quadratmetern zur neuen Heimat von Lao Ding Feng werden.
Kathedrale für Kekse
Für den Auftraggeber und die Planer*innen Lyndon Neri und Rossana Hu stand fest, dass der Bestand in die neue Architektur übernommen werden sollte. Eine Entscheidung, die der Nachhaltigkeit verpflichtet ist und der beste Weg, beim Bauen Ressourcen zu sparen. „Bei Neri&Hu beginnt die strategische Entwicklung immer mit einer gründlichen Untersuchung. Welche Teile des existierenden Gebäudes können erhalten und restauriert werden?“, erläutern die Architekt*innen. Strukturelle Ergänzungen hingegen wollen sie bewusst deutlich in Kontrast setzen, sodass Historisches sich von neu installierten Strukturen abhebt. Dadurch ergibt sich schon auf der Fassade ein Flickwerk. Neue Fensteröffnungen durchbrechen das alte, rote Ziegelmauerwerk, weite Glastüren schaffen neue Zugänge und ehemalige Tore werden mit Beton „gestopft“. Auch im Innern ergänzt Zement die vorhandene Bausubstanz, formt eine zweite Etage, schafft Räume und bildet teils eine zweite, innere Fassade – eine Architektur in der Architektur.
Patina mit dem Buschhammer
Damit der neue Kern zur historischen Hülle passt, wurde der Beton nach dem Trockenprozess mit einem Buschhammer bearbeitet. Mit dem gezackten Profil des Maurerwerkzeugs lässt sich eine raue Textur erzeugen, die an natürlich verwittertes Gestein erinnert. Die dadurch weicher wirkende Oberfläche wird zum ästhetischen Bindeglied zwischen den alten Ziegeln und der modernen Architektur. Denn Lyndon Neri und Rossana Hu haben die Räume asketisch, ja kathedralisch gestaltet. Sie inszenieren den leeren Raum und zähmen das Licht, indem sie es durch Luken und Spalten als Strahlenbündel einfallen lassen. Auch die Nutzungen nehmen sich zurück. Die Vitrinen und Podeste stellen die Produkte des Keksherstellers wie wertvolle Museumsexponate unter punktuellen Spotlights und das wenige Holzmobiliar erinnert in seiner bescheidenen Nüchternheit an den Shaker-Stil. Die für die Gäste zugänglichen Bereiche, wie Café, Shop und eine Veranstaltungshalle sind im Erdgeschoss gebündelt, in der eingezogenen Etage sind die Büros untergebracht. Neri&Hu schafft so den Zusammenschluss von privaten Arbeitszonen und öffentlichem Besucherbereich, Vergangenheit und Gegenwart – und beugt sich dabei nicht der Zeit sondern verbeugt sich vor ihr.
FOTOGRAFIE Zhu Runzi Zhu Runzi
Mehr Projekte
Mehr als eine Hülle
Wie Dan Vakhrameyev die klassische Flugzeughalle neu definiert
Farbrausch im Engadin
Künstlerresidenz in Maloja von Kueng Caputo
Konkurrenz fürs Homeoffice
Das neue Büro von Studio McW in London
Schimmerndes Gewand
HENN gestaltet Büroräume für BestSecret in München
Räume wie gedruckt
Risotto HQ von Gabriella Marcella in Glasgow
Pause im Palmenhof
Ein Tropicália-Workplace von Tabitha Isobel und Studio Multi in London
Arbeitsplatz auf Zeit
Züricher Co-Working-Space von HSB Architekten für FlexOffice
Flurfunk war gestern
Umbau einer Firmenzentrale in Berlin von brandherm + krumrey
Stadt der Advocati
Erweiterung einer Anwaltskanzlei in Münster von studio eto
Lernen im Holzhybridbau
Bildungshaus NeckarPark von Glück + Partner in Stuttgart
Zwischen Atmosphäre und Funktion
Büroräume für eine Social-Media-Agentur in Berlin von RHO
Im Geist der Sechziger
Ortsspezifischer Büroumbau von Christopher Sitzler und Gizzem Cinar in Hamburg
Offen für Neues
Agiles Arbeitsumfeld im Continental-Headquarter in Hannover
Bunte Begegnungen
Shared Spaces im Bürobau M40 von Kinzo in Berlin
High Heels im Hochhaus
Aeyde-Headquarter in Berlin von Gonzalez Haase AAS
Yellow Submarine im Gewerbegebiet
Bürobau für Agrosemillas von Impepinable Studio in Spanien
Grüne Achse
Dschungel-Flur von Beyond Space in der Schweiz
Im Geist der Vergangenheit
Neugestaltung einer Bürofläche in Tokio von Symbolplus
Roter Riese
In Odense wurde das größte Holzbürohaus Dänemarks bezogen
Neue Welt in altem Gewand
Blomus Headquarter in Sundern
Kulturaffine Büro-WG
Neues Office von Kinzo und Karsten Jahnke in Hamburg
Flurfunk und Fernsehturmblick
Tech-Büro im Haupttelegrafenamt Berlin von de Winder
Raum mit Reserven
Umbau von YONT Studio für das Musiklabel Seven in Berlin
Flexible Arbeitslandschaft am Hafen
Umbau der Maersk-Zentrale in Rotterdam
Schlichte Bühne für starke Bilder
Fotostudio-Interieur von Sapid Studio in Genf
Umbau mit Gütesiegel
Neue Arbeitswelt für den TÜV-Verband in Berlin
Vertikal verbunden
Neues Headquarter der Publicis Groupe in Shanghai von Ippolito Fleitz
Vertikal, vernetzt, und verantwortungsvoll
Hochhausensemble FOUR in Frankfurt von UNStudio
Lieblingsplatz mit Tiefgang
Lepel & Lepel bauen eine Büroetage im Duisburger H2 Office um
Neu aufgegleist
Umnutzung eines Ringlokschuppens in Osnabrück von Kresings