Projekte

Asketischer Luxus

Hotel im Shaker-Stil von Ambrosi | Etchegaray und La Metropolitana

„Das Círculo Mexicano ist ein Ort, an dem der Luxus von Hotels neu definiert wird“, sagen Gabriela Etchegaray und Jorge Ambrosi über die Gestaltung des Círculo Mexicano. Für das neue Boutiquehotel der Hotelgruppe Grupo Habita in Mexiko-Stadt ließen sich die Architekt*innen vom Shaker-Stil inspirieren und demonstrierten mit minimalen Eingriffen ein subtiles Verständnis von Komfort.

von Nina C. Müller, 06.04.2021

Die im 18. Jahrhundert gegründete Glaubensgemeinschaft der Shaker, die sich an der amerikanischen Ostküste niederließ, ist zwar heute fast ausgestorben, doch ihre Möbel und ihr Einrichtungsstil haben die Jahrhunderte überdauert. Ihre funktionsorientierten, ornamentlosen Holzobjekte beeinflussten nicht nur die internationale Designgeschichte, sondern erscheinen bis heute aktuell.

Wohnstil mit religiösen Wurzeln
Hinter dem Shaker-Stil, der als Vorläufer des modernen Minimalismus gilt, und den Shaker-Möbeln, die auch im 21. Jahrhundert noch sehr gefragt sind, steckten ursprünglich religiöse Überzeugungen. Ordnung, Bescheidenheit und Fleiß gehörten zu den obersten Tugenden der Shaker. Und das spiegelte sich in der Gestaltung ihrer Wohnräume wider. Sie fertigten die schlichten Möbel, Werkzeuge und Haushaltsgegenstände für ihre Häuser selbst – in mühevoller Handarbeit und meist aus unbehandeltem Naturholz. Auf jegliche Schnörkel wurde dabei verzichtet. Einfach, praktisch, robust und langlebig sollten die Objekte des Alltags sein und somit nicht vom Wesentlichen ablenken: der Arbeit, der Andacht, der Zeit mit der Familie.

Boutiquehotel im Shaker-Look
Gabriela Etchegaray und Jorge Ambrosi erkannten die harmonischen Qualitäten, die in der kargen Ästhetik der Shaker-Objekte stecken. Für das Boutiquehotel Círculo Mexicano in Mexiko-Stadt ließen sich die Architekt*innen von dessen klarer Formgebung, dem Verzicht auf Unnötiges und der Wertschätzung traditioneller Handwerkskunst inspirieren.

Neues Leben im alten Gemäuer
Das Planerduo setzte bei der Fünf-Sterne-Architektur für die Hotelgruppe Grupo Habita auf spannende Kontraste, die sich schon im Treppenhaus des traditionellen Stadthauses aus dem 19. Jahrhundert ankündigen. Eine große Treppe führt über den Innenhof zu den 25 Zimmern, die sich über drei Stockwerke und entlang innenliegender Balustraden verteilen. Die Wände in diesem Eingangsbereich sind unverputzt. Sie geben die Sicht frei auf historische Mauerwerke und lassen die einstigen Strukturen des altes Baus erahnen. Eine bewusste Entscheidung, denn man wollte „Materialien, Erinnerungen und Raumbedingungen“ der Vergangenheit bewahren, so die Architekt*innen.

Radikal reduziert
Doch nicht alles sollte als unbedingt erhaltenswertes „Relikt“ betrachtet werden, erklären sie. Und so entschied man sich bei den Gästezimmern für eine radikal andere Gestaltungsweise. Ambrosi | Etchegaray wählten eine auf das Wesentliche reduzierte Farb- und Materialpalette und beschränkten die Ausstattung der Hotelzimmer auf das absolut Nötigste.

Podeste statt Mobiliar
Abgesehen von einigen Sitzgelegenheiten und Stauräumen, trifft man hier auf nur wenige Einrichtungsgegenstände. Formgebend sind innerhalb der Zimmer simple Podeste, freistehende oder an der Wand angelehnte Quader, die die Räume gliedern und als Mobiliar genutzt werden. Je nach Anordnung dienen sie mal als Ablage neben dem Bett, mal als Sockel für den Schrank und mal – mit einem flachen Kissen versehen – als Sitzgelegenheit. Auf einen Tisch verzichteten die Planer gänzlich. Stattdessen wird die Fensterbank, ausgestattet mit einem Stuhl und einer indirekten Lichtquelle unterhalb der Scheibe, zu einem kleinen Schreibpult.

Außerordentlich komfortabel
Die Böden bleiben fast leer. Stattdessen nutzten die Architekt*innen die Wände, um den Zimmern einen einzigartigen Charakter zu verleihen. Bei der Einrichtung kam das ebenfalls mexikanische Studio La Metropolitana ins Spiel, das sich einen Namen mit handwerklich hergestellten, teilweise stark vereinfachten Holzmöbeln gemacht hat. Für das Hotel schauten sich die Designer*innen ein flexibles und modulares Ordnungssystem der Shaker ab: Die Pegrails sind mit Gewinden versehene, hölzerne Haken, die sich in eine beliebig lange Leiste, ebenfalls aus Holz, drehen lassen.

Praktische Hakenleisten
An dieser schlichten, aber funktionalen Erfindung können kleinere Gegenstände, aber auch Stühle oder sogar Regale fixiert werden. In den Hotelzimmern hilft das Aufhängungssystem dabei, die Böden und Ablagen von allen möglichen Dingen zu befreien, die während eines Urlaubs oder einer Geschäftsreise sonst oft chaotisch im Raum herumliegen. Den Designer*innen von La Metropolitan ging es allerdings auch um die ästhetische Wirkung der Shaker-Hakenleiste. In verschiedenen Formationen und Platzierungen wurden jeweils ein runder Spiegel, ein schmaler Kerzenhalter und eine Box mit Ersatzkerzen aufgehängt.

Mit dem bewussten Verzicht auf Farben, Effekte und unnötige Einrichtungselemente schaffen Ambrosi | Etchegaray und La Metropolitana einen Gegenentwurf zur klassischen gehobenen Hotellerie und beweisen, dass wahrer Luxus nicht viel braucht.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

Ambrosi | Etchegaray

www.ambrosietchegaray.com

La Metropolitana

lametropolitana.com

Designhotels

www.designhotels.com

Mehr Projekte

Soul in Seoul

 Galerie König im MCM Haus von Neri & Hu

 Galerie König im MCM Haus von Neri & Hu

Die Farben der Wüste

Restaurant Shay von Ivy Studio in Montreal

Restaurant Shay von Ivy Studio in Montreal

NYC in Neukölln

Umbau der Berliner New York Bar von Tanja Lincke Architekten

Umbau der Berliner New York Bar von Tanja Lincke Architekten

Im Bauch des Berges

Eine texanische Höhle für Sommeliers und Eremiten

Eine texanische Höhle für Sommeliers und Eremiten

Marmoriertes Gewölbe

Weinbar im historischen Palazzo von brunelli ann minciacchi

Weinbar im historischen Palazzo von brunelli ann minciacchi

Labyrinth als Spielplatz

Ein Kinderladen im ländlichen Portugal von stu.dere

Ein Kinderladen im ländlichen Portugal von stu.dere

Kopenhagener Cantina

Restaurant Hija de Sanchez von OEO Studio

Restaurant Hija de Sanchez von OEO Studio

Universum am Hang

Nordisches Hytten-Dorf im Elsass von Reiulf Ramstad

Nordisches Hytten-Dorf im Elsass von Reiulf Ramstad

Café in Scherben

Drop Coffee in Dubai vom Designstudio Roar

Drop Coffee in Dubai vom Designstudio Roar

Pretty in Pastell

Flagshipstore in Madrid von Ciszak Dalmas Ferrari

Flagshipstore in Madrid von Ciszak Dalmas Ferrari

Tempel der Elemente

Jodschwefelbad von Matteo Thun in Bad Wiessee

Jodschwefelbad von Matteo Thun in Bad Wiessee

Für Katzen und Menschen

Ein Vierbeiner-Café von Davidson Rafailidis in Buffalo

Ein Vierbeiner-Café von Davidson Rafailidis in Buffalo

Ein Restaurant sieht Rot

Sun Tan in Lissabon von DC.AD und Mariana Peralta

Sun Tan in Lissabon von DC.AD und Mariana Peralta

Ode an Beton

Tadao Ando verwandelt die Pariser Bourse de Commerce in ein Museum

Tadao Ando verwandelt die Pariser Bourse de Commerce in ein Museum

Sonnenaufgang im Flughafen

Lounge am Airport Platov von VOX Architects

Lounge am Airport Platov von VOX Architects

Sizilianischer Minimalismus

Restaurant La Brace in Palermo von Studio Didea

Restaurant La Brace in Palermo von Studio Didea

Ferien am Fluss

Urlaubsdomizil von mf+arquitetos in Brasilien

Urlaubsdomizil von mf+arquitetos in Brasilien

Fließende Grenzen

Co-Working-Space für Stylisten in Moskau

Co-Working-Space für Stylisten in Moskau

Über Nacht im Volkshaus

Herzog & de Meurons neues Boutique-Hotel in Basel

Herzog & de Meurons neues Boutique-Hotel in Basel

Zeitreise in Athen

Gästehaus Esperinos von Stamos Michael

Gästehaus Esperinos von Stamos Michael

Verwunschenes Labyrinth

Restaurant Santomate von Architektin Daniela Bucio Sistos

Restaurant Santomate von Architektin Daniela Bucio Sistos

Das Treppen-Haus

Hütte mit Skisprungschanze von Gartnerfuglen Arkitekter in Norwegen

Hütte mit Skisprungschanze von Gartnerfuglen Arkitekter in Norwegen

Natürlich modern

Wohlfühl-Hotel Johanns von Christian Stranger in Hilpoltstein

Wohlfühl-Hotel Johanns von Christian Stranger in Hilpoltstein

California Dreaming in London

Upcyceltes Hotel von Holloway Li in Bermondsey

Upcyceltes Hotel von Holloway Li in Bermondsey

Urlaubsstimmung in Moskau

Farbenprächtige Weinbar von DVEKATI

Farbenprächtige Weinbar von DVEKATI

Cosy Kost

Neues Raumkonzept von OEO Studio für Sternerestaurant Kadeau

Neues Raumkonzept von OEO Studio für Sternerestaurant Kadeau

In die Zukunft gedacht

Architektonische Konzepte und Ideen mit neuen Perspektiven

Architektonische Konzepte und Ideen mit neuen Perspektiven

Stimmungsvolle Konsumtempel

2000-2020: Best-of Retail

2000-2020: Best-of Retail

Kaufhaus-Makeover

Neugestaltung der fünften Etage im KaDeWe

Neugestaltung der fünften Etage im KaDeWe

Der Erlebnisfaktor

2000-2020: Best-of Hotels und Gastronomie

2000-2020: Best-of Hotels und Gastronomie