Beton in verschachtelter Façon
Kotaro Ides Path-Haus ist ein artifizieller Berg in Tokio
Wer sagt, dass Gebäude immer nur aus gestapelten Schuhkartons bestehen müssen? In Tokio sind auch fernab von Raster-Gläubigkeit und rechtem Winkel spannende Lösungen möglich. Wie ein Einfamilienhaus als vulkanische Felsformation in Szene gesetzt wird, zeigt ein Entwurf des Architekten Kotaro Ide und seines Büros ARTechnic.
Natur und Architektur gehen längst nicht nur im alten Japan Hand in Hand. Wie das Zusammenspiel aus Innenraum und Garten geradewegs in die Gegenwart transferiert wird, beweist ein Wohnhaus für ein Paar und seine drei Kinder inmitten von Tokio. Path nennt der japanische Architekt Kotaro Ide seinen Entwurf, der ganz bewusst nicht als ein geschlossener, wuchtiger Block erscheinen soll.
Artifizieller Berg
Von der Straße aus betrachtet, wirkt das Haus wie eine in den Stadtraum verpflanzte Gebirgslandschaft. Sie springt beständig vor- und zurück, variiert ihre Höhe und öffnet sich dank eines U-förmigen Grundrisses zu einem Hof – der in diesem Falle die Anmutung einer Schlucht erhält. Die Vegetation wird ebenso mit einbezogen. Bäume und Gewächse verharren nicht am Boden, sondern bevölkern sämtliche Ebenen dieses artifiziellen Berges, für den sich Kotaro Ide von Reiseerinnerungen aus seiner Kindheit inspirieren ließ.
Versteinerte Hexagone
An der Spitze der Halbinsel Izu im Südwesten von Tokio ragen auffällige Felsen aus dem Meer empor. Sie sind vulkanischen Ursprungs und besitzen eine auf den ersten Blick beinahe menschgemachte Geometrie. Weil der Abkühlungsprozess der Lava sehr langsam stattfand, haben sich hoch aufragende Basaltsäulen mit hexagonalem Grundriss herausgebildet. Sie stehen senkrecht zur Abkühlungsfläche dicht an dicht nebeneinander und variieren in der Höhe – je nachdem, wie viel Gestein vom Meer und Regen im Laufe der Jahrtausende abgetragen wurde.
Mäandernde Enfilade
Genau diese Formation hat Kotaro Ide in das Path-Haus übersetzt. Der Name steht im Englischen für Wanderweg und ist in diesem Fall tatsächlich Programm. Ausgehend vom Straßenlevel führt eine Treppe zum Eingang hinauf. Von dort aus reihen sich die einzelnen Räume wie an einer Perlenschnur aneinander, bis sie das zweite Obergeschoss und die Dachterrasse erreichen und schließlich wieder hinab zum Eingang führen. Das Ergebnis ist eine endlose Passage, bei der die Treppen nicht einfach nur der Überwindung von einer Höhenebene zur anderen dienen: Sie sind es, die das gesamte Raumgefüge zusammenhalten.
Raue Mixtur
In den dunkelgrauen Betonfassaden zeichnen sich die Strukturen von Pressspanplatten ab. Die Farbigkeit unterlag keinem Zufall. Sie soll in den kühlen Monaten Wärme absorbieren und in den Innenraum weitergeben. Auch die Wände und Böden in den Treppenaufgängen sind aus dunkelgrauem Beton gegossen. Jedoch sind die Oberflächen glatter gehalten und erinnern mit ihren matten Changierungen an Stuckmarmor. Einen warmen Kontrast dazu setzen unbehandelte Pressspan-Platten, mit denen die Decken verkleidet sind. In den Wohnräumen variiert die Materialität der Böden. Anstelle von Beton wird Wallnussparkett verwendet, das mit jedem Höhensprung eine andere Laufrichtung annimmt.
Kalkulierter Kontrast
Das Motiv der Basaltsäulen wird durch polygonal geformte Polstersitzgruppen, Tische, Wandschränke sowie Bettkästen aufgegriffen, die allesamt von Kotaro Ide und seinem Tokioer Büro ARTechnic entworfen wurden. Auch ein Designklassiker darf hierbei nicht fehlen: Der 1977 von Mario Bellini entworfene Cab Chair von Cassina, der in mehrfacher Ausführung den Esstisch sowie einen schmalen Schreibtisch umringt. Unter einer dicken Hülle aus Kernleder bleibt eine selbstragende Metallstruktur verborgen. Warm und kalt, rau und weich greifen auf diese Weise ineinander – nicht nur bei diesem Möbel, sondern im gesamten Gebäude.
FOTOGRAFIE Nacasa & Partners Inc.
Nacasa & Partners Inc.
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