Projekte

Die Villa im Plattenbau

von Norman Kietzmann, 20.10.2009


„Abreißen!“ ist das Schlagwort, das zu Plattenbauten in der Regel am häufigsten zu hören ist. Dass es auch anders geht, zeigen die Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal und räumen die Wohntürme der sechziger und siebziger Jahre von innen nach außen auf. Ihr Ziel: die Lebensqualität der Wohnungen so weit wie möglich zu erhöhen und die Missstände alter Planungen auszugleichen. Wie das geht? Ganz einfach: Sie geben ihnen die Transparenz und Weitläufigkeit einer Richard-Neutra-Villa.



Ein wenig erinnern Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal an Archäologen, die sich auf die Suche nach einem verborgenen Schatz begeben. Ihr Ziel sind allerdings weniger Berge aus Gold oder Silber. Es sind Räume, die über Jahrzehnte vergessen oder – schlimmer noch – aus dem Bewusstsein demonstrativ verdrängt wurden. Einen Namen haben sich die Architekten aus Bordeaux, die auch im privaten Leben ein Paar sind, bereits in den späten neunziger Jahren gemacht, als sie den Umbau des Pariser Palais de Tokio in Angriff nahmen. Anstatt das Gebäude mit seinen zerfallenen Innenräumen aus den Tagen der Weltausstellung von 1937 wieder auf Hochglanz zu polieren, haben sie mit nur wenigen gezielten Eingriffen dessen Charme als Ruine erhalten. In Paris, wo man mit Abbruchhäusern wie in Berlin bisher nur bedingt Erfahrungen gemacht hatte, ein mutiges und anfangs auch nicht unumstrittenes Unterfangen.

Auf verbotenem Terrain

Doch das Konzept ging auf und führte die Architekten geradewegs zu einem neuen Projekt: PLUS. Was sich dahinter verbirgt, ist ein grundlegend neuer Ansatz für die Restrukturierung von Wohngebieten, der auch international Schule machen könnte. Auch hierbei geht es darum, vergessene Räume wieder zu neuem Leben zu wecken. Doch der Fall wiegt um einiges schwerer: Es handelt sich nicht um schlummernde Museen an Pariser Avenuen. Es geht um jene Schandflecke an den Stadträndern, die in den sechziger und siebziger Jahren im Eiltempo hochgezogen wurden und heute ein Problem sind – städtebaulich, sozial und nicht zuletzt politisch. Doch was machen mit diesen Siedlungen, die nun einmal vorhanden sind und die auch gebraucht werden?

Politische Unsicherheit

Schließlich herrscht bei weitem nicht nur in Paris, sondern in ganz in Frankreich Wohnungsknappheit. Bis heute. Die Politik ist zögerlich geworden mit dem Bau neuer, großer Wohngebiete – aus Angst, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Unter der Ära Chirac wurde sogar ein Gesetz verabschiedet, das im Falle eines Abrisses von Hochhäusern nur noch eine niedrige Bebauung auf demselben Grundstück erlaubt und damit indirekt der Höhe der Gebäude die Schuld zuschiebt. Eine Politik, die durch die 2008 vorgestellten Entwicklungspläne für Paris, die von Amtsnachfolger Sarkozy in Auftrag gegeben wurden, zumindest ansatzweise gelockert wurde. Doch für Frankreich insgesamt steht vor allem eines fest: Es muss mit den ungeliebten Siedlungen leben. Und genau an dieser Stelle beginnt die Arbeit von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal.

Perspektivwechsel

Was all dies mit dem Thema der Nachhaltigkeit zu tun hat? Sehr viel. Denn ein Gebäude abzureißen und durch einen noch so ausgetüftelten Niedrigenergiebau zu ersetzen, verschlingt mehr Ressourcen, als ein bestehendes Gebäude zu sanieren. Hinzu kommt: Ein Abriss und Neubau würde allein rechtlich nicht funktionieren, da fast keine Gemeinde mehr eine Baugenehmigung für ein neues Hochhaus am Stadtrand geben möchte. Der Wandel kann also nur innerhalb der bestehenden Strukturen passieren. Was Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal bei ihren Untersuchungen gefunden haben, mag viele überraschen. Denn in einem Hochhaus zu wohnen, muss kein Nachteil in punkto Wohnqualität sein. Sie muss erst nur geschaffen werden.

Von innen nach außen

Der entscheidende Punkt ist hierbei die Belichtung. Denn sehr oft wurden nur kleine Fenster in die Fassaden eingelassen, sodass deren Bewohner im Winter selbst mitten am Tag in einer dunklen Wohnung stehen. Ein weiterer Aspekt ist die Erweiterung des Wohnraums ins Freie. Anstatt spärlich verteilter Balkons schlagen die Architekten die Umbauung des Hauses mit umlaufenden Bändern vor, die großzügige Terrassen bilden. Deren auffallende Tiefe hat zwei Gründe: Zum einen sind sie ausreichend genug, um im Sommer einen Esstisch aufstellen zu können. Zum anderen dienen sie der natürlichen Klimatisierung des Hauses. Im Sommer fangen sie das Sonnenlicht ab, noch bevor es durch die verglasten Fronten in die Wohnräume eindringen und diese unnötig aufheizen kann. Im Winter ermöglicht der niedrigere Sonnenstand, dass das Licht dennoch hereinkommt und somit Heizkosten spart. 

Neue Wohnqualität

Das Vorbild, auf das sich Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal für PLUS berufen, mag viele schmunzeln lassen. Es sind die Villen, die einst Richard Neutra und Pierre Koenig in den Bergen um Los Angeles entwarfen und bis heute mit ihrer mondänen Weitläufigkeit und Transparenz faszinieren. Vor allem die Aussicht auf das Häusermeer der Stadt, die der Fotograf Julius Shulman in seinen Aufnahmen einfing, hat enorm zur Wirkung dieser Häuser beigetragen. Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal zeigen, wie sich deren Raumeindruck jedoch selbst in einem ungeliebten Sozialbau erzielen lässt. Und das mit vergleichsweise spärlichen Mitteln. Denn auch in einem Plattenbauturm können Innenwände herausgenommen und großzügige, durchgehende Grundrisse erzeugt werden. Den Ausblick auf die Stadt schafft nicht die Lage auf einem Grundstück am Hang sondern die Höhe des Gebäudes. Was PLUS vorschlägt, ist die Multiplizierung der Neutra-Villen in die Vertikale und damit eine soziale Anpassung.

Neue Gemeinschaftsräume

Die Umwandlung gilt aber bei weitem nicht nur für die Wohnungen selbst. Auf Zwischengeschossen sind Einrichtungen wie Türkische Bäder, Kindertagesstätten oder Gemeinschaftsräume geplant. Ebenso wird die Erschließung der Wohnungen mit Fahrstühlen verbessert. Anstatt wie bei vielen alten Planungen nur einen Stopp auf jeder Zwischenetage einzulegen, halten die Lifte nun auf jeder Ebene und erleichtern somit den Zugang. Und noch etwas soll verschwinden: die oft tristen Leerflächen um die Häuser herum, die zumeist als Parkplätze oder verwilderte Grünanlagen ihr Dasein fristen. Hier wird eine Bebauung mit flachen Gebäudeteilen vorgeschlagen, die eine bündige Kante zum Straßenraum bilden und auf diese Weise lärmberuhigte Innenhöfe bilden.

Im Sinne der Moderne

Es ist erstaunlich zu sehen, welche Wirkung die Eingriffen erzielen. Entscheidend für das Gelingen dieser Verwandlung mag sicher sein, dass Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal dabei die Moderne nicht verneinen oder gar übertünchen wollen. Im Gegenteil: Sie holen sie erst ans Tageslicht. Denn oft waren es die alten Planungen, die den Konzepten von Le Corbusier, Breuer oder Mies als drittklassige Kopien einen Strich durch die Rechnung machten und die Menschen in dunkle Bunker einquetschten anstatt ihnen Transparenz und Aufenthaltsqualität zu bieten. Auch hierin liegt ein Verdienst von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal: Sie haben eine vom Weg geratene Moderne wieder zu sich selbst geführt.

Mehr Beiträge zu unserem Schwerpunkt Nachhaltigkeit hier.

Über "Plus" ist im spanischen Gustavo Gili Verlag eine gleichnamige Publikation erschienen: "Plus: Large-scale housing development. an exeptional case" – ISBN 978-84-252-2163-7
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Lacaton & Vassal

www.lacatonvassal.com

Schwerpunkt Nachhaltigkeit

www.designlines.de

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