Harte Schale, weicher Kern
Unkonventionelles Einfamilienhaus in Mexiko von Espacio 18 Arquitectura
Auf einem steil abfallenden Grundstück im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca errichtete das ortsansässige Architekturbüro Espacio 18 ein Familiendomizil, das ebenso radikal wie subtil erscheint. Das Wohnhaus lässt sich wie eine experimentelle Studie über das Verhältnis von Architektur und Natur lesen.
Von Weitem betrachtet erinnert die Casa Tobi an eine riesige Krabbe, die aus einer verwilderten Küstenlandschaft kriecht. Ihr Panzer wirkt verwittert und vom Salz des Meers gezeichnet. Doch bei genauerem Hinsehen verbirgt sich hinter dieser rauen Hülle eine zarte, fast poetisch anmutende Raumkomposition, die sich an den steilen Küstenhang anzuschmiegen scheint.
Inspiration aus Japan
Für den Entwurfs- und Gestaltungsprozess der Casa Tobi ließ sich das federführende Büro Espacio 18 Arquitectura von der Philosophie des japanischen Architekten Sou Fujimoto inspirieren. Dieser untersucht in seinen Projekten die Schnittstellen von gebautem Raum und Natur, indem er mit Transparenz, Leichtigkeit und experimentellen Strukturen arbeitet.
Nach diesem Prinzip entwickelten die mexikanischen Architekt*innen bereits die Dramaturgie des Haupteingangs: Das Haus wird nicht durch eine konventionelle Tür erschlossen, sondern über die Dachterrasse. Von dort führt eine schmale, fast höhlenartige Passage in die darunterliegenden Wohnbereiche – und öffnet sich erst am Ende dieser Raumsequenz zu einem großzügigen Volumen mit spannenden Ausblicken auf die üppige Vegetation und die meterhohen Wellen des mexikanischen Pazifiks.
Offen und flexibel
Küche, Wohnraum und Arbeitsbereich wurden von Espacio 18 so arrangiert, dass sie fließend ineinander übergehen und vielseitig bespielbar sind. Damit schließen sie unmittelbar an die architektonische Philosophie von Sou Fujimoto an. Für den Japaner sollen Räume vor allem offen, durchlässig und ohne feste Grenzen sein – vergleichbar mit einer Landschaft, die man frei durchschreiten und vielfältig nutzen kann.
Die Idee räumlicher Freiheit akzentuierten die mexikanischen Architekt*innen in der Casa Tobi zudem durch bodentiefe Öffnungen und eine präzise Materialwahl: Die rohen Betonwände erinnern in Ockerfarben an die staubige Pazifikküste und dienen als thermische Speicher für die intensive Sonneneinstrahlung.
Privatsphäre in den Baumwipfeln
Die unterste Ebene des Hauses folgt dem natürlichen Gefälle des Geländes und fügt sich dadurch wie selbstverständlich in die lokale Topografie ein. Dort schuf das Team von Espacio 18 Arquitectura intime Rückzugsräume. Die Schlafzimmer und Bäder wirken so, als hätten sie sich zwischen Baumkronen eingenistet. Sie vermitteln dadurch ein wohliges Gefühl der Geborgenheit.
Statt großzügigen Raumöffnungen wie auf der oberen Etage setzten die Architekt*innen unten auf gezielt gefasste Sichtachsen. Sie machen die Natur zu einer diskreten Begleiterin eines Interiors, das durch groben Beton, Holz sowie minimalistische Einbauten eine zurückhaltende und raffinierte Atmosphäre ausstrahlt.
Wasser als narratives Element
Auch das Wasser wurde als Gestaltungselement in die Casa Tobi integriert. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die gestufte Gebäudekomposition. Auf der Dachterrasse installierte Espacio 18 ein Wasserbecken, das Himmel und Landschaft reflektiert und auf natürliche Weise für Abkühlung sorgt. Auf der Ebene des Wohnbereichs befindet sich ein Schwimmbad, während auf der untersten Etage kleine Kanäle eine Referenz an die nahegelegenen versteinerten Wasserfälle von Hierve el Agua schaffen.
Espacio 18 Arquitectura hat mit der Casa Tobi ein architektonisches Statement gestaltet, das auf spektakuläre Eyecatcher im Interior verzichtet, aber jeden Raum auf eine ganz eigene Weise subtil in Szene setzt.
FOTOGRAFIE César Bejar César Bejar
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