Dschungelfieber in Saigon
Shunri Nishizawas urbanes Reihenhaus in Ho-Chi-Minh-Stadt
Zwischen puristischer Strenge und sinnlichen Details: Der japanische Architekt Shunri Nishizawa belebt mit einem Wohnhaus für eine Familie in Ho-Chi-Minh-Stadt die Typologie des urbanen Reihenhauses. Als gestalterischer Leitfaden dient das Wechselspiel aus Intimität und Interaktion.
In Ho-Chi-Minh-Stadt tut sich was. Haben uns in den letzten Jahren vor allem außergewöhnliche Wohnhäuser aus Japan, Brasilen oder Mexiko die starren Bauvorschriften Mitteleuropas vergessen lassen, rückt mehr und mehr der Süden von Vietnam in den Fokus. Ein Name, der in Zukunft sicherlich noch öfter zu hören sein wird, ist Shunri Nishizawa. Der Japaner wurde 1980 in Tokio geboren und absolvierte dort sein Architekturstudium. Nach mehreren Jahren im Büro von Tadao Ando verließ er 2015 das Land der aufgehenden Sonne und machte sich im früheren Saigon selbständig.
Aufgefrischtes Reihenhaus
Für Aufsehen sorgte er dort mit einem Wohnhaus für eine Familie in Phu My Hung – einem neuen Quartier im Süden der schnell wachsenden Acht-Millionen-Stadt. „Die Bauherrn wollten von der gewohnten Lebensweise in Reihenhäusern wegkommen. Wir sollten daher eine andere Lösung finden als eine zentrale Treppe mit Korridor und von vier Wänden umschlossene Räume, in denen sich die Menschen isolieren“, sagt Shunri Nishizawa. Interaktion und Intimität sind die beiden Parameter, nach denen er den Entwurf seines Thong House ausrichtete und der Typologie des Reihenhauses eine erfrischende Richtung vorgab.
Gestapelte Betonkuben
Der Entwurf basiert auf vier Betonkuben, die versetzt zueinander übereinander gestapelt wurden. Sie dienen als private Rückzugsinseln und nehmen die Schlafzimmer der Eltern und der beiden Kinder auf. Die Räume unterhalb der auskragenden Betonwürfel sind den gemeinschaftlichen Bereichen des Familienlebens vorbehalten. Den Mittelpunkt des Hauses bildet das fünf Meter hohe Wohnzimmer im Erdgeschoss, das sich über zwei Etagen erstreckt. An einer Betonwand führt eine stählerne Treppe zu einer Zwischenebene hinauf, die eine Bibliothek sowie ein Schlafzimmer für Gäste aufnimmt. Im darunter liegenden, ebenerdigen Raum sind die Garage sowie der Hauseingang untergebracht.
Lebendige Mischung
Den zweiten Lebensmittelpunkt des Hauses bilden Küche und Essbereich im ersten Obergeschoss. Auch dieses erstreckt sich über eine doppelte Raumhöhe – dank des zurückgesetzten, zweiten Stockwerks mit dem Schlafzimmer der Kinder, das nun als Mezzanin erscheint. Im dritten Geschoss sind das Schlafzimmer der Eltern sowie ein weiterer Gemeinschaftsraum zu finden. Die vierte und höchst gelegene Etage nimmt eine Wäscherei, einen Gebetsraum sowie eine großzügige Terrasse auf. Vor allem auf die Erschließung legte Shunri Nishizawa besonderen Wert: So erfolgt die Verbindung zwischen den einzelnen Gebäudeebenen über filigrane Stahltreppen, die an den Wänden der Gemeinschaftsräume nach oben führen und so den Austausch der Bewohner untereinander verstärken.
Urbanes Dschungelfieber
Dass Ho-Chi-Minh-Stadt in einer tropischen Klimazone liegt, ist in jedem Raum erlebbar. An der Ostseite öffnen sich die Betonkuben mit großen quadratischen Fenstern zu einem mit Palmen bewachsenen Park. Das Naturmotiv verstärken zahlreiche Pflanzenschalen, die sämtliche Wohn- und Gemeinschaftsräume sowie die Terrasse bevölkern. An der Rückseite des Grundstücks ließ Shunri Nishizawa einen schmalen Privatgarten pflanzen, der eine essenzielle Rolle für die Atmosphäre des Hauses spielt. Der Grund: Die Rückseite des Wohnzimmers ist mit einer bodentiefen Glasfront versehen, deren Scheiben im 90-Grad-Winkel rotieren können. Die Grenze zwischen innen und außen, zwischen Natur und Wohnraum wird damit spielend überwunden.
Verbindendes Blättermotiv
Für Dschungelfieber inmitten der Großstadt sorgt ein markantes Blättermotiv, das sich als Relief in den Betonfußböden als auch in Form von Aussparungen in den hölzernen Lamellen wiederfindet. Letztere sind den Fensterfronten des Hauses vorgelagert, um das Sonnenlicht auf vielfältige Weise zu brechen, zu filtern und wohl dosiert ins Innere des Hauses zu leiten. „Ein frisches, neues Zuhause für eine junge Familie“ hatte Shunri Nishizawa mit seinem Entwurf im Sinn: Ein Plan, der im Wechselspiel aus puristischer Strenge und sinnlich-dekorativen Details tatsächlich aufgegangen ist.
FOTOGRAFIE Hiroyuki Oki
Hiroyuki Oki
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