Ein erstes Haus
Diese Bilderbuchgeschichte ist im südschwedischen Linköping das echte Leben.
Ein Sohn baut für seine Mutter ein Haus. Was nach einer Geschichte aus dem Bilderbuch klingt, ist im südschwedischen Linköping das echte Leben. Der junge Architekt Björn Förstberg beweist mit diesem sehr persönlichen Bauprojekt nicht nur sein Können, sondern auch Mut und Konsequenz. Und zeigt, dass sich eine radikale Materialwahl und Gemütlichkeit nicht ausschließen.
Einen Arzt, Anwalt oder Architekten in der Familie zu haben, kann durchaus von Vorteil sein. Während man die beiden ersteren Professionen aber nur unter Zwang oder andere Umstände – also am besten niemals – aufsucht, benötigt man die Hilfe eines Architekten in eigener Mission: dem Bau eines Zuhauses. Für Björn Förstberg stand seinem ersten Projekt also ein Auftraggeber und Bauherr an seiner Seite, den er so gut und so lange kennt wie nur wenige andere: die eigene Mutter.
Das bedeutet, der junge Architekt wusste genau, worauf er sich einlässt. Sein Auftrag war kein Ferien- oder Wochenendhaus, hier sollte gewohnt und auch gearbeitet werden. Maria Grahn, die Mutter von Björn Förstberg, besitzt nämlich unter anderem viele Bücher, was als Bibliothekarin wenig wundert. Außerdem ist sie eine „enthusiastische Weberin“, wie ihr Sohn erzählt. Für ein minimales Wohnhaus ist dies eine Herausforderung, auch 130 Quadratmeter müssen platzsparend geplant werden. Seine Mutter habe so viele Dinge, die verstaut werden müssen, so viele Bücher, dass Förstberg deswegen alle Regale und Schränke mit eingebaut hat. Von innen nach außen gemeinsam von Mutter und Sohn entworfen, steht mitten im Viertel Vallastaden der Kleinstadt Linköping keine Skulptur, kein Haus für den Architekten, sondern das „House for Mother“: ein minimaler, aber deskriptiver Titel – drei Worte, die alles sagen.
Dabei sind es eigentlich zwei, sogar drei Häuser: Um die beiden Nutzungen Wohnen und Atelier zu trennen, hat Förstberg die jeweiligen Volumen im Grundriss leicht zueinander verschoben, so dass die zwei Giebeldächer ebenfalls versetzt stehen. Gebaut wurden zwei Etagen, wobei die obere Ebene nur 30 Quadratmeter misst: genügend Platz für die zwei Gästezimmer. Darunter liegen Studio und Schlafzimmer der Mutter. Unter dem zweiten Giebel befinden sich Küche, Ess- und Wohnzimmer mit einer Raumhöhe von sechs Metern, daran angeschlossen ein drittes Haus mit WC und Bad.
Die offenliegende Holzkonstruktion und die Sperrholzplatten, die mal naturbehandelt, mal weiß gestrichen sind, kontrastiert der geschliffene Betonboden mit darunterliegender Fußbodenheizung. Diese Einfachheit und Rohheit der Materialien treibt Förstberg mit der Aluminiumfassade auf die Spitze, die ebenfalls so gut wie unverarbeitet blieb. Es ist ein mutiges Haus – dem Architekten gefällt besonders die Reflektion der geriffelten Aluminiumflächen und das Spiel aus Schatten und Licht.
Nur steht ein Gebäude selten für sich allein, Architektur immer im Dialog mit ihrem Umfeld. Und so befindet sich auch dieses Haus nicht allein auf der schwedischen Wiese, sondern ist ein Beitrag für die Wohnbau-Ausstellung Vallastaden / LinköpingsBo2017, einem Neubaugebiet mit nachhaltigem, sozialem und partizipativem Anspruch. Rund um das Haus von Maria Förstberg wird also immer noch gebaut – Anfang September muss alles fertiggestellt sein. Dann kann sich Förstbergs Mutter hoffentlich nicht nur über die mit Geduld ersehnte Ruhe in ihrem neuen Zuhause freuen, sondern auch über nette Nachbarn.
So wie das Haus heute aussieht, hatte es Björn Förstberg übrigens schon 2013 gezeichnet und visualisiert; im Februar 2015 begannen die Bauarbeiten. Für die Ausführung kam Förstbergs früherer Studienkollege Mikael Ling hinzu: der Startschuss für das gemeinsame Architektur- und Designbüro Förstberg Ling mit Fokus auf Interieur- und Produktgestaltung. In ihrem Büro in Malmö arbeitet das Duo gerade an weiteren Wohnhäusern. Zum Jahresanfang wurde ihr Showroom für den Hersteller Hem in Stockholm eröffnet und ihr Messestand zum 75. Jubiläum von Kinnarps wurde im Februar auf der Stockholm Design Week mit dem Editors Choice Award geehrt. Wie es aussieht, muss man sich um den Nachwuchs in Schweden keine Sorgen machen.
FOTOGRAFIE Markus Linderoth
Markus Linderoth
DEAR Magazin
Björn Förstbergs „House for Mother“ ist einer von vielen Artikeln, die im DEAR Magazin erschienen sind – jetzt kostenlos ins Büro oder direkt nach Hause bestellen. Mehr Infos zum Printmagazin gibt es hier:
www.dear-magazin.deMehr Projekte
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