Projekte

Eine Bühne aus Backstein und Beton

Haus im belgischen Mischwald von Philippe Vander Maren und Richard Venlet

Wo die Architektur sich zurückhält, bleibt Raum für Imagination. Philippe Vander Maren und Richard Venlet haben östlich von Brüssel ein maximal reduziert gestaltetes Haus in den Wald gebaut, das sich auf weite Ausblicke und die wichtigsten Funktionen der Architektur beruft: ein Schutzraum zu sein, der dem Leben eine Bühne gibt.

von Tanja Pabelick, 17.01.2023

Ein Haus zwischen Bäumen, gebaut im Dialog mit der Natur – für diese Szenerie gibt es in der Architekturgeschichte einige Referenzen. Auch Haus M in der belgischen Gemeinde Grez-Doiceau ist eine Hommage an Ikonen. Seine Gestalter, der Architekt Philippe Vander Maren und der Künstler Richard Venlet, nennen die Werke von Mies van der Rohe und Philip Johnson als ästhetische Einflussfaktoren. Archetypische Baustoffe wie Ziegel und Zement treffen auf eine Glasfassade und Stahlelemente. Haus M feiert die Schönheit des Pragmatismus, bei dem alle Komponenten präzise Funktionsräume bilden. Es ist nicht das erste Gebäude, bei dem das Duo zusammengearbeitet hat – aber nach einer Reihe von Modernisierungen ist es der erste Neubau. Hier fanden die beiden Belgier Voraussetzungen vor, die ihnen erlaubten, sich allein auf den Standort und die Kulisse zu konzentrieren.

Im Wald vor lauter Bäumen
Das Haus steht an einem Hang im lichten Mischwald. Wer sich ihm von unten nähert, erblickt zuerst den gläsernen Kasten, der als obere Etage auf einer Basis aus rotem Backstein sitzt. So ergeben sich zwei Wohnbereiche: das privatere Hanggeschoss und die einseitig durch eine Glasfassade visuell offen erscheinende Etage darüber. Im Innern hingegen wirkt alles wie aus einem Guss. Es dominiert grauer und glatt polierter Sichtbeton, der hier und da auf Backsteinakzente trifft, die das Fassadenthema in den Innenraum transportieren. Dazu kommen Standard-Quadratfliesen, Aschgrau lackierte Einbaumöbel sowie Metallgeländer und -profile. Das unprätentiöse Interieur war eine bewusste Entscheidung: „Es gibt keine Überfülle an Materialien und Gesten. Ganz im Gegenteil. Nur fünf Materialien tauchen immer wieder auf und übernehmen unterschiedliche Funktionen“, erklären die Gestalter.

Alles Theater
Maren und Venlet vergleichen den Entwurf mit der Konzeption eines Bühnenbildes. Jedes Element hat eine Funktion, wird mit einem Situationswechsel uminterpretiert und verfolgt einen praktischen oder erzählerischen Zweck. Dazu kommt das Licht, das im richtigen Moment den Fokus aufs Geschehen lenkt, sei es durch ein Spotlight oder eine szenische Beleuchtung. „Haus M ist eine Bühne fürs häusliche Leben“, meinen seine Planer. Eine Bühne, die allerdings auch die Natur zum Darsteller macht: Die Bäume vor den Fenstern wirken wie eine Tapete in die Räume hinein und einige Details, wie eine in das Dach integrierte Vogeltränke, laden auch die Fauna zur direkten Interaktion ein. Haus M geht mit dem Wald in den Dialog.

Beam me up
Wer die obere Etage mit ihrem freien Blick in die Natur betritt, fühlt sich durch die fast rahmenlosen und bodentiefen Fenster mitten im Wald. Die asketisch unbespielte Fläche des Raumes lässt ihn wie eine Glamping-Site wirken. Die Fläche ist in Wohn- und Schlafzimmer unterteilt, wobei die Küchenmodule des Wohnbereichs gleichzeitig zu raumbildenden Elementen werden. Mausgrau wie die Wände fließen sie monochrom in den Beton über. Der Boden gibt den einzigen, ästhetisch dezenten Hinweis auf unterschiedliche Nutzungsbereiche. Während in Schlafzimmer und Küche Estrich liegt, wird im Wohnzimmer das regelmäßige Raster roter Ziegel zum „Teppich“. Das Haus trägt architektonischen Normcore. Dezente Raffinessen gibt es auf den zweiten Blick zu entdecken. Da ist das im Betonzylinder verborgene Treppenhaus, das entfernt an die Beaming-Röhre des Raumschiffs Enterprise erinnert – oder der Spiegel über der Treppe, der im geometrischen Grau-in-Grau für Verwirrungsmomente à la M.C. Escher sorgt. Der konsequent vereinfachte Grundriss wirkt mit den präzisen Details weder banal noch komplex, sondern in seiner Einfachheit genau richtig.

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Philippe Vander Maren

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