Funktion und Fiktion
Kuratierte Kosmetik im Pekinger HARMAY-Store von AIM Architecture
Das Architekturbüro AIM hat in Peking einen Flagship-Store entworfen, der wirkt, als stamme er von einem fremden Planeten. Auf zwei Etagen treffen die Ordnung eines Museumsdepots und die Ästhetik eines Raumschiffs aufeinander. Zwischen Stahl, Glas und Lagerkisten wird Shopping zur Entdeckungsreise.
Die Interieurs des von Wendy Saunders und Vincent de Graaf in Shanghai gegründeten Studios AIM sind konsequent inszenierte Themenuniversen. Wer die Schwelle überschreitet, findet sich mal im Inneren eines Raumschiffs, mal in einem monochromen Farbraum oder in einer rohen Industriehalle wieder. Es sind begehbare Fiktionen, die von einer imaginären Vergangenheit erzählen oder aus einer spekulativen Zukunft in die Gegenwart versetzt scheinen – jedoch nicht so, als wären sie erst gestern entstanden.
Kein Wunder, dass sich Firmen an das Studio wenden, um sich Markenwelten, Showrooms, Shops und Ausstellungen gestalten zu lassen – und teils auf eine viele Jahre währende Partnerschaft zurückblicken. Eines dieser Unternehmen ist HARMAY. Die 2013 als Onlinevertrieb gegründete Kosmetikkette kuratiert internationale Nischenprodukte und möchte das Entdecken zum Teil des Kauferlebnisses machen. 2017 eröffnete HARMAY seinen ersten stationären Store in Shanghai und holte für diesen Pioniershop bereits das Studio AIM ins Boot.
Depot der Dinge
„Was wäre, wenn Produkte wie Kunstwerke behandelt würden?“, heißt es bei HARMAY, wo man sogleich erklärt, wie das aussehen könnte: „Gesammelt statt konsumiert, archiviert statt ausgestellt, erlebt statt verkauft.“ Das Unternehmen möchte eine Wertigkeit vermitteln, die über den reinen Preis und die Materialität eines Produkts hinausgeht: seine Seltenheit, Zugänglichkeit und seine Alleinstellungsmerkmale. Deshalb bezeichnet HARMAY seine Läden auch nicht als Flagship- oder Concept-Stores, sondern als Depots of Art.
Nach einem halben Dutzend gemeinsamer Projekte hat AIM zuletzt ein neues Depot of Art für HARMAY in Peking entworfen. Auf zwei Etagen zitiert es die räumliche Lager- und Sammellogik eines Museumsarchivs. Das Konzept steht für die Idee, dass die Auswahl eines Produkts ein kuratorischer Akt sein kann, und lädt das Sortiment im Sinne sorgsam verstauter, kostbarer und geschützter Gegenstände mit Bedeutung auf.
Kokon aus Stahl
Der Store liegt im Einkaufszentrum Hopson One, nur ein paar Straßen südlich des Himmelstempels. Im Zentrum schraubt sich eine Stahltreppe aus Gitterrosten in die obere Etage. Unter ihr stapeln sich Holzelemente, die an Transportkisten erinnern. Da der gesamte Raum von der Decke über die Wände bis zum Boden mit Metall verkleidet ist und auch die Einbauten und Systemmöbel materialidentisch gefertigt sind, ergibt sich eine funktionale, industrielle und fast sterile Raumanmutung.
Die in regelmäßigem Abstand schräg an der Decke verlaufenden Lichtlinien verstärken die klare Designsprache und erzeugen ein Gefühl von Ordnung, Ruhe und Rhythmus. Parallel zu ihnen hängen Regale aus Gittergerüsten von der Decke. Mit ihren seitlichen Griffen erinnern sie an roll- und verschiebbare Stauraumlösungen von Archiven. In sie können schräg ausgerichtete Displayboxen eingehängt werden.
Forschen und Entdecken
Im oberen Geschoss setzt sich die Designlogik des unteren fort, vermittelt den Kund*innen aber das Gefühl, noch tiefer zu den Geheimnissen und Entdeckungen des Depots vorzudringen. Die Decken sind niedriger, die Regale und Vitrinen stehen enger. Mit seiner hyperfunktionalen Ästhetik weist das Interieur Parallelen zum Büro der Serie Severance auf, das mit seinen endlosen Fluren, modularen Strukturen und streng geordneten Arbeitslandschaften eine ebenso präzise wie entrückte Welt aufmacht.
Das ist ein cleverer Kniff der Gestaltenden, denn sie schaffen eine Umgebung, die fremd genug ist, um Neugier zu wecken, und offen genug, um zur Erkundung einzuladen. Die Architekt*innen beschreiben ihr Interieur sogar noch weitergehend als „Manifest, das zeigt, dass Ordnung, Fürsorge und bewusste Auswahl Prinzipien sind, die den Alltag bereichern können.“
FOTOGRAFIE Seth Powers Seth Powers
| Projektname | HARMAY Beijing Hopson |
| Auftraggeber | HARMAY |
| Entwurf | AIM Architecture |
| Bauvorhaben | Innenarchitektur |
| Ort | Beijing Hopson One Mall, Chaoyang District |
| Fläche | 620 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2026 |
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