Eine Frage des rechten Maßes
Saint Laurent Flagship-Store in Paris von Casper Mueller Kneer
Der neue Saint Laurent Flagship-Store in Paris an der Avenue Montaigne, entworfen vom Architekturbüro Casper Mueller Kneer, verbindet luxuriöse Materialien mit einer zurückhaltenden Architektur. Auf 1.200 Quadratmetern inszeniert der Store Mode, Kunst und Designobjekte:
Alles atmet Perfektion im neu eröffneten Flagship-Store der legendären Modemarke Saint Laurent in Paris. An der Luxusmeile Avenue Montaigne befindet sich die weltweit größte Filiale des Modehauses. Die rund 1.200 Quadratmeter verteilen sich über drei Etagen. Allein für die Immobilie soll die Kering-Gruppe, zu der Saint Laurent gehört, rund 860 Millionen Euro gezahlt haben.
Mehr als ein halbes Dutzend Marmorsorten finden sich in den Innenräumen des Stores. Die großen Teppiche mit ihrem raffinierten Farbspiel zu weben, hat Monate gedauert. Zwei vollständig mit schwarzem Holz verkleidete Treppen, die wie abstrakte Skulpturen geformt sind, verbinden die Etagen miteinander.
Und doch strahlen die Räume nie protzigen Luxus oder kalte Pracht aus. Das liegt daran, dass das Architekturbüro Casper Mueller Kneer sehr überlegt mit den enormen Ressourcen umgegangen ist, die für den Umbau des Gebäudes zur Verfügung standen.
Klassische Raumtypologien im Saint Laurent Store
Für den Entwurf des Flagship-Stores haben sich Marianne Mueller, Olaf Kneer und ihr Team gründlich in der Architekturgeschichte umgeschaut. Die Räume und Raumfolgen sind nicht nur in ihren Proportionen höchst ausgewogen. Auch Lichtdecken, Teppiche und Auslagetische folgen präzisen Maßverhältnissen.
Zwar zeigen die Einzelformen keinen Anflug von Historismus, dennoch ist der Entwurf von klassischem Geist geprägt. Die Architekt*innen zitieren Raumtypologien des Pariser Stadtpalais und schaffen im Flagship-Store Galerien, kleine und große Salons, eine Rotunde sowie Boudoirs als abgeschirmte Bereiche für besondere Kundschaft.
Ganz der Moderne verpflichtet zeigen sich Casper Mueller Kneer Architects dagegen in ihrer Materialstrategie. Edles trifft auf Unedles, dem Perfekten wird immer das Rohe gegenübergestellt. Marmor stößt auf Beton, das freigelegte historische Sandsteinmauerwerk der Außenwände bleibt mit seiner Patina sichtbar. Die unverkleideten Raumdecken sind lediglich mit Zellulosespray überzogen.
Der neue Beton-Anbau des Flagship-Stores
Welchen Aufwand Casper Mueller Kneer selbst bei einfachen Bauteilen betreibt, wird im zweistöckigen Anbau deutlich, mit dem das Architekturbüro die Ladenfläche an der Rückseite des Gebäudes erweitert hat. Was auf den ersten Blick als ein simples Betonskelett mit sieben Fensterachsen erscheint, offenbart sich bei genauer Betrachtung als eine präzise Durcharbeitung bis ins Detail. Die Glasscheiben sind rahmenlos vor die Öffnungen gesetzt und werden nur von filigranen Spangen gehalten – eine technisch anspruchsvolle Konstruktion, die zugleich höchsten Sicherheits- und Isolationsanforderungen entsprechen muss.
Der Beton wurde vor Ort zweischalig gegossen, sodass die Struktur wie aus einem Stück wirkt und gleichzeitig hervorragende Dämmeigenschaften besitzt. Als Zuschlag diente grober Seine-Kies. Anschließend wurde die Oberfläche gespritzt und sandgestrahlt, wodurch ein lebhaftes Relief entstand.
Trotz des hohen handwerklichen Aufwands wird der Anbau nicht als perfekte Betonskulptur herausgestellt. Vielmehr setzt er sich mit einer gewissen Rauheit vom historistischen Altbau ab und folgt damit dem Gesamtkonzept des Projekts.
Vom Minimalismus Hedi Slimanes zur Materialvielfalt
Die große Materialvielfalt in den Innenräumen bildet einen Gegenentwurf zum Erscheinungsbild der Marke unter Hedi Slimane. Zwischen 2012 und 2016 prägte er die visuelle Identität von Saint Laurent mit einer minimalistischen Ästhetik. Sein Store-Konzept setzte auf weißen und schwarzen Marmor für Böden und Wände, Spiegelglas und mit schwarzem Leder bezogene Sitzmöbel. Slimanes Nachfolger Anthony Vaccarello dagegen sucht stärker den Bezug zum Erbe von Yves Saint Laurent selbst. Im Flagship-Store an der Avenue Montaigne zeigt sich das am eindrücklichsten durch die Auswahl von Möbelstücken und Kunstwerken aus dessen Besitz.
Antiquitäten aus unterschiedlichen Epochen wirken zuweilen etwas irritierend. So tritt etwa ein Paar barocker Stühle mit Drechselornamenten im ersten Obergeschoss in einen Dialog mit chromglänzenden Kleiderstangen. Diese unerwarteten Paarungen tragen aber zur feinen Balance von Gegensätzen bei, die das gesamte Projekt prägt. Sie verraten nicht nur die Handschrift von Casper Mueller Kneer, sondern auch die kuratorische Haltung des Chefdesigners Anthony Vaccarello.
Kunst und Designobjekte im Saint Laurent Flagship-Store
Vaccarello sieht die Stores der Marke als Orte der Kultur, die für mehr stehen sollen als nur den Verkauf von Mode. Damit bilden sie ein Pendant zu den neuen Aktivitäten von Saint Laurent – etwa der Produktion von Spielfilmen.
Diese Idee eines von Kultur durchdrungenen „Environments“ repräsentieren zahlreiche Möbel und Kunstwerke, die im Flagship-Store ausgestellt sind. Einige stammen aus den Sammlungen von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, andere aus den unerschöpflichen Beständen des Kering-Eigentümers François Pinault oder aus der hauseigenen Sammlung „Saint Laurent Patrimoine and Vintage“.
Zu den Leihgaben der Pinault Collection gehören etwa ein großformatiges Gemälde von Mark Bradford im Haupttreppenhaus sowie eine Skulptur von Jean-Luc Moulène auf der Dachterrasse des Anbaus. Die monumentale Bank in der zweiten Etage des Stores entwarf Charlotte Perriand ursprünglich für die Residenz des japanischen Botschafters in Paris. Sie entstammt der Vintage-Sammlung des Unternehmens.
Mit dieser Mischung aus Kunst, Design und Antiquitäten spiegelt die Einrichtung den Kunstsinn und die breit angelegten Sammlerinteressen Yves Saint Laurents wider. Der Jahrhundertdesigner hatte nie einen Hang zum Purismus. Fotografien seiner letzten Wohnung zeigen vielmehr Räume, die vor Bildern, Antiquitäten und Kunsthandwerk förmlich überquellen. Der neue Flagship-Store dürfte ihm deutlich mehr zugesagt haben als sein kühler und minimalistischer Vorgänger.
Retail als Ausstellung: Präsentationskonzept des Stores
Bei der Entwicklung des Präsentationskonzepts konnten die Architekt*innen auf ihre langjährige Auseinandersetzung mit Ausstellungsräumen zurückgreifen. Dazu zählt die legendäre Galerie White Cube Bermondsey aus dem Jahr 2011 . Aus dem Ausstellungsdesign übernommen wurden unter anderem die Lichtdecken, die annähernd Tageslichtqualität erzeugen. Die darunter angeordneten Marmortische dienen als flexible Displays für die unterschiedlichen Präsentationen. Auch das Zirkulationsprinzip des Grundrisses ist von der Szenografie inspiriert: Sackgassen werden vermieden und Besucher*innen bewegen sich in einem unterbrechungsfreien Fluss durch alle Räume des Stores.
Diese Idee der fließenden Bewegung spiegelt auch die Form der großen Treppen wider. Sie führen ohne Absätze und Unterbrechungen von einer Etage zur nächsten. Gleichzeitig ermöglichen sie einen wirkungsvollen Auftritt.
FOTOGRAFIE Paul Riddl Paul Riddl
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