Projekte

Yin und Yang

Eine Ladenfläche als Hommage ans Textil von Neri & Hu

Die chinesische Modemarke „Ms MIN“ besitzt einen einzigen Flagship-Store und damit nur eine Fläche, um Ästhetik, Werte und Philosophie räumlich zu kommunizieren. Das in Shanghai ansässige Architekturbüro Neri & Hu hat die Gestaltung übernommen – und mit gekonnten architektonischen Gesten, Respekt vor dem historischen Kontext sowie einem ungewöhnlichen Materialeinsatz Tradition und Zeitgeist in Szene gesetzt.

von Tanja Pabelick, 16.10.2023

Seit 2010 gibt es das chinesische Fashion-Label Ms MIN, das von der Designerin Min Liu gegründet wurde. Die Schnitte ihrer Kollektionen sind minimalistisch, aber raffiniert, kombinieren innovative Silhouetten mit klassischen Materialien und erzählen von ihrer Heimat China genauso wie von ihrer ehemaligen Studienstadt London. Als Standort für ihr Unternehmen hat Min Liu Shanghai gewählt, wo sie – neben der Repräsentanz in vielen Galerien und Concept-Stores in ganz Asien – seit 2016 ihren einzigen Flagship-Store führt. Der ist jetzt umgezogen – in eine Nachbarschaft, die ausgezeichnet zum gehobenen und eleganten Image der Marke passt. Der Shopping-Komplex Taikoo Li erinnert an einen weitläufigen Campus und beheimatet neben Ms MIN auch internationale Marken wie Balenciaga, Cartier, Dior, Hermès oder Prada. Als Architekt*innen für das Interior konnte Min Liu das ebenfalls in Shanghai ansässige Studio Neri & Hu gewinnen. Ihnen wurde die Aufgabe gestellt, die ästhetische Sprache der Marke auf den Raum zu übertragen und das Thema Textil atmosphärisch zu interpretieren.

Der Raum als Echo
„Vor der industriellen Revolution wurden Textilien in den Dörfern Chinas in Handarbeit von einzelnen Familien hergestellt. Das Kardieren, Spinnen und Weben fand in Bauernhäusern statt und ein Webstuhl war tatsächlich in jedem gut ausgestatteten Haus zu finden. Zwar hat sich die Textilindustrie im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt, doch die Traditionen und der ursprüngliche Geist der Textilherstellung sind lebendig geblieben“, erzählen Lyndon Neri and Rossana Hu über ihre erste, theoretische Auseinandersetzung mit der Gestaltungsaufgabe.

Ms MIN legt großen Wert auf die historischen Wurzeln der Textilherstellung und die besondere Materialqualität, die mit handwerklichen Herstellungsprozessen einhergeht. Mit intelligenten Passformen sollen die Kleidungsstücke zu Klassikern werden, indem sie eine Balance zwischen Form und Formlosigkeit finden. Ähnlich gingen es auch Neri & Hu an. Das von ihnen entworfene Ladenkonzept thematisiert Zeit und Zeitlosigkeit und inszeniert die Mode in einer räumlichen Hommage an ein traditionelles Stoffatelier.

Transluzente Raumzonierung
Das trigonale und aus der Vogelperspektive in Stufen gefächerte Layout ist in mehrere Zonen gegliedert. Betreten Kund*innen den Ladenraum, so landen sie im zentralen Bereich, der den klassischen Showroom mit Kleiderstangen und Displayflächen beherbergt. Entlang der links liegenden Fensterfront ist die Fläche in mehrere kleine Kabinen unterteilt, die durch transluzente Stoffbahnen voneinander getrennt wurden. Im rechts liegenden, kleinsten Bereich des Grundrisses sind Lager, VIP-Lounge und eine Umkleide für besondere Gäste untergebracht.

Als Ms MIN den 195 Quadratmeter großen Raum bezog, war er nahezu im Rohbauzustand. Unter der Decke liefen Elektroleitungen, Lüftungsrohre und ein Schienensystem fürs Licht. Statt alles zu verkleiden, setzten Neri & Hu auf ein Farbbad aus tiefem Schwarz, das die Gebäudetechnik nahezu verschwinden lässt. Gleichzeitig hebt der kontrastlose Anstrich die Raumgrenzen auf und wirkt wie ein endloser Nachthimmel.

Natürlich und lokal
Die Einbauten erinnern an eine Straßenszenerie mit Marktständen. Der private Kundenbereich zur Rechten liegt in einer geschlossenen Hausstruktur mit überhängendem Gitterdach, die fensternahe Zone ist durch mit Textil bespannte Holzstrukturen unterteilt, die ein regelmäßiges Raster bilden. Das leichte Gerüst und die dünnen Stoffe erzeugen eine ätherische Atmosphäre, die einen bewussten Kontrast zur Hektik des Einkaufszentrums vor den Fenstern bildet.

Eine Besonderheit des Shops ist der Bodenbelag, der aus einem Pflaster aus gebogenen Dachziegeln besteht. Statt versetzt übereinander liegen sie parallel zueinander und sorgen in der Fläche für ein detailliertes, regelmäßiges Muster aus schwarzem Ton. Auch bei den anderen Materialien setzten Neri & Hu bewusst auf natürliche, traditionelle und lokale Ressourcen. So sind die Schaufensterpuppen mit Leinen bezogen, die Raumteiler und Möbel bestehen aus grünem Marmor, Messing, Kalkstein und Weißeiche. Das Ergebnis ist ein Interior im Geist von Yin und Yang, das Gegensätze zusammenbringt und in Harmonie vereint.

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Links

Entwurf

Neri & Hu

www.neriandhu.com

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