Gemauertes Understatement
Wohnliches Backsteingewölbe in Toronto von Batay-Csorba Architects
In einigen Straßen nördlich von Torontos High Park scheint die Zeit architektonisch stillzustehen – wie an einer Perlenkette reiht sich hier ein viktorianisches Backsteinhaus ans nächste. Und doch, es entsteht auch Neues: Für ein Paar mit Wurzeln in Italien bauten Batay-Csorba Architects eine Mischung aus nordamerikanischem Townhouse und italienischem Landsitz.
High Park North gehört zu den besseren Wohngegenden Torontos – kein Wunder, schließt sich das Viertel doch direkt an den gleichnamigen Park an, der seinerseits im Süden an den Ontariosee stößt. Auf beiden Seiten der breiten Straßen liegen schmale, lange Grundstücke, bebaut mit Stadtvillen vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier kaufte ein italienischstämmiges Paar ein eingeschossiges Häuschen – und ließ es abreißen. Denn hier sollte etwas entstehen, das den beiden als städtischer und doch entspannter Altersruhesitz dient und dabei auch noch zukunftsweisend wirkt, weil es nicht im Gestern verharrt. Nach Gesprächen mit mehreren Studios wurden schließlich Batay-Csorba Architects mit dem Entwurf betraut, ein junges ortsansässiges Architekturbüro.
Ornamentierte Fassade
Vor allem dank seiner Fassade integriert sich der Neubau harmonisch in die Häuserzeile. Denn das wichtigste Baumaterial in Toronto sind seit über 150 Jahren Backsteine. Die reichen Lehmvorkommen der Umgebung machten Ziegel einst zu einem besonders billigen und leicht verfügbaren Baumaterial. Schlussendlich entschieden sich auch Batay-Csorba Architects für eine monolithische Fassade aus charakteristischem – wenn auch in den USA gefertigtem – roten Backstein. Dafür arbeiteten sie mit einer Neuinterpretation des Flämischen Verbands: Die Binderziegel stehen vor und sorgen so für eine Ornamentierung der ansonsten planen Fassade. Deren Ausstrahlung verändert sich je nach Jahreszeit: Im Sommer werfen die herausstehenden Binder Schatten, im Winter trägt jeder auskragende Stein ein Schneehäubchen. Trotz der verspielten Ornamentierung nimmt sich die Fassade zurück und überlässt die Hauptrolle der ungewöhnlichen Form des Gebäudes: Auf einer überwölbten Einfahrt ruht ein Kubus, noch überragt von einer ebenfalls kubischen, metallverkleideten Gaube, deren Proportionen diejenigen des rechten Nachbargebäudes aufnehmen.
Carport im Gewölbe
Die überwölbte Einfahrt dient gleichzeitig als Autoabstellplatz und Zugang – jeweils eine Tür führt zur Haupt- und zur Souterrainwohnung. Die Bauherrschaft wünschte sich, ebenerdig und direkt am Haus parken zu können, denn vor allem im eisigen und schneereichen Winter wollten sie vermeiden, längere Wege vom Auto zum Haus zu Fuß zurücklegen zu müssen.
Der Wunsch nach zwei Eingangstüren und einem Parkplatz auf einem nur rund sieben Meter breiten Grundstück brachte die Architekten dazu, die beiden Eingangstüren nicht parallel, sondern orthogonal zur Straße zu platzieren: Sie finden sich an der linken Seite des Autoabstellplatzes, der bewusst nicht mit einem Tor verschlossen wird. Ein Lichtschacht am hinteren Ende des Carports erzeugt eine Sogwirkung und markiert den Eingang zur Hauptwohnung. Von der Straße aus betrachtet, nimmt das Haus deutlich Motive römischer Stadttore auf – und die Referenz an die Architektur der Antike setzt sich im Inneren fort: Die überwölbte Einfahrt wurde zum Ausgangspunkt für den Entwurf des gesamten Projekts.
Heimelige Hülle
Die eigentliche Kunst dieses Neubaus verbirgt sich im Inneren. Bestimmend für das überlange, schmale Haus ist ein Tonnengewölbe, das sich – mit Einschnitten – über die gesamte Länge des Erdgeschosses zieht, wo Küche, Essplatz und Wohnraum liegen. Diese drei Bereiche werden durch das Tonnengewölbe verbunden und durch die Einschnitte doch separiert. Das aus Gipskartonplatten gefertigte Tonnengewölbe legt sich wie eine heimelige Hülle um die in Italien aufgewachsenen Bewohner.
Toronto versus Trattoria
Von der Eingangstür gelangt man in einen kleinen Flur, direkt dahinter öffnet sich der überwölbte Essbereich. Daran schließt sich in der Mitte des Volumens die Küche an. Ganz hinten zum Garten hin liegt der Wohnbereich mit Kamin. Das Tonnengewölbe wird von Einschnitten für Oberlichter unterbrochen. So gelingt es den Architekten nicht nur, das lange Gebäude optimal zu belichten: Die Dualität von Gewölbe und Lichtschächten schafft auch wechselnde Stimmungen und bringt eine sehr klare Version von italienischem Trattoria-Ambiente ins viktorianische Toronto.
Natürlich beleuchtet
Im Obergeschoss liegen ein Arbeits- sowie zwei Schlafzimmer, von denen das zur Straße ausgerichtete dank der Gaube von viel Abendlicht und einem Blick in den Himmel profitiert. Von außen einsehbar ist der Raum wegen der hoch gelegenen Verglasung nicht. Der im hinteren Bereich platzierte Hauptschlafraum dagegen bekommt Morgensonne von der ruhigen Gartenseite und zusätzlich von den Oberlichtern, die auch das Erdgeschoss mit natürlichem Licht versorgen. Komplett indirekt belichtet wird das Arbeitszimmer, das in der Mitte des Obergeschosses liegt. Miteinander verbunden sind die einzelnen Räume über Brücken – so kann das Tageslicht fast ungehindert bis ins Erdgeschoss gelangen.
FOTOGRAFIE Doublespace Photography
Doublespace Photography
| Projektname | High Park Residence |
| Entwurf | Batay-Csorba Architects |
| Standort | High Park, Toronto |
| Fertigstellung | 2020 |
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