Projekte

Häuschen an Häuschen

Wohnensemble von nu.ma in Portugal

Wenn dort gebaut wird, wo andere schon lange wohnen, gilt es Rücksicht auf das Milieu zu nehmen. Im portugiesischen Santa Joana hat das Architekturbüro nu.ma ein Wohnhaus geplant, das sich formal in die Arbeitersiedlung der Nachbarschaft eingliedert und den Bewohner*innen trotzdem maximalen Rückzug ermöglicht. Das Farbkonzept gibt außerdem die beste Antwort auf mediterrane Sonne – und taucht alles in reinstes Weiß.

von Tanja Pabelick, 19.09.2022

Schon in den Beschreibungen der 60 Kilometer südlich von Porto gelegenen Stadt Aveiro treffen die Kontraste aufeinander. Zum einen gilt sie mit ihrem von Kanälen durchzogenen Stadtplan als das Venedig Portugals, zum anderen gehört sie zu den wichtigsten Industriestandorten des Landes. Zur Küste hin ist der Charakter des Ortes pittoresk: Dort liegen das Naturschutzgebiet Reserva Natural das Dunas de São Jacinto, eine wilde Landschaft aus Sümpfen, Dünen und Stränden, und die für ihre bunt gestreiften Häuser bekannte Küstenpromenade Praia da Costa Nova. Im Landesinneren finden sich jahrhundertealte Salinen, aber auch Produktionsstandorte von Unternehmen wie Renault oder Bosch.

Industrie trifft auf Tourismus
Tourist*innen verirren sich eher selten in den Osten der Stadt und die angegliederte Gemeinde Santa Joana mit ihren 8.000 Einwohner*innen. Dort bestimmen die Wohnhäuser der Arbeiterklasse das Straßenbild. Es sind einfache Reihenhäuser, die sich formal ähneln, aber hier und da im Laufe der Zeit individualisiert worden sind. Mal schließt der durch einen Anbau besetzte Vorgarten die Lücke zur Straße, mal wurde gestrichen, verfliest oder modernisiert. Der Rhythmus und die Gleichförmigkeit der Häuser-Formationen blieben aber erhalten. Genau dort wünschte sich ein Auftraggeber vom Architekturbüro nu.ma für ein dazwischenliegendes Grundstück einen Entwurf, der Bezug auf die benachbarten Häuser nehmen sollte. Nuno Silva und Maria Fonseca, die beiden Gründer*innen von nu.ma, machten deshalb Wiederholung und Systematisierung zum Thema der Architektur.

Weiß-weißes Patchwork
Das Wohnhaus wurde mit der Garage als zusammenhängendes Ensemble konstruiert, das sich aus vier ineinander laufenden und zueinander versetzten Volumen ergibt. Sie zitieren die archetypische Hausform aus Sockel mit Giebeldach und wurden von der Schindel bis zur Fassade weiß ausgeführt, sodass der geclusterte Block wie aus einem Guss wirkt. Gleichzeitig folgt die Positionierung des Hauses auf dem Gelände der Idee eines Refugiums. Das Gebäude wurde einige Meter von der Straße entfernt platziert und hinter einer weißen Mauer versteckt, die den Eingang bewusst verbirgt. Das Layout ist mit seinen 230 Quadratmetern Grundfläche in Längsrichtung entwickelt, wobei es Grenzen definiert und formt. Zur Stadt hin gibt es keine Fenster, zu den unbebauten Seiten schmale und hohe Fensterschlitze, im Dach einige Lichtluken und die weite Öffnung erfolgt zum Garten. Auch die Aufteilung der Räume folgt der Hierarchie vom Öffentlichen zum Privaten. Gemeinschaftliche und soziale Interaktionsräume liegen an der Haustür. Dazu gehören die Eingangshalle, die Toiletten, der Hauswirtschaftsraum, die Küche, das Wohnzimmer und die Verbindung zur Garage. Im hinteren Bereich liegen die Schlafzimmer und eine Leseecke.

Scharfe Kanten
Wer aus der geschlossenen Front schlussfolgert, dass es im Inneren wohl eher düster zugeht, der irrt. Die Öffnungen wurden gezielt so platziert, dass sie die Räume mit viel Tageslicht erhellen. Zudem folgt das Farbkonzept der einfachen Losung: Weiß. Wände, Decken und Einbaumobiliar gehen ineinander über und lassen die Raumgrenzen nahezu verschwimmen. Lediglich die Böden bestehen aus grauem Sichtbeton und wurden roh belassen. Einige vergnügliche Farbtupfer sind in Küche und Bädern zu entdecken – in Form von azurblauen Schrankfronten und türkisfarbenen Fliesen. Das radikale Konzept unterstreicht die präzise Geometrie der Architektur, die von scharfen Linien definiert wird und bis in den Garten wirkt. Der rückseitige Abfall des Geländes wurde nicht durch Aufschüttungen, sondern durch einen Betonsockel ausgeglichen, der Kante zeigt. Der Sockel hebt auch die Terrassenfläche einige Dezimeter über den Rasen. Wege, Pflaster, Kieselflächen und Grünzone sind wie mit dem Lineal gezogen voneinander getrennt. Neues trifft auf Altes, Bestand auf Neustart und wilde Natur auf gezähmten Rasen. Indem die Architekt*innen die Kontraste durch akkurate Grenzen auch formal hervorgehoben haben, statt sie zu verwischen, ist eine spannungsvolle sowie harmonische Koexistenz entstanden.

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