Projekte

Haus aus Staub

Das Apartment in Rom schwelgt in der Dekadenz der Eigthies.

von Tim Berge, 14.08.2013

Durch kleine Fenster gefiltertes Licht, ausgeblichene Farben an den Wänden und eine zentimeterdicke Staubschicht unter der Decke: Ein gerade erst umgebautes Apartment in Rom sieht aus, als wäre es seit Jahren verwaist. Doch hier legte nicht der Zahn der Zeit, sondern eines der hoffnungsvollsten Architekturtalente des Landes seine Hand an – ein Spiel mit Traum und Wirklichkeit.
 
Den jungen italienischen Architekten Antonino Cardillo zog es 2004 von Sizilien nach Rom und was seitdem geschah, klingt nach einem und ist vielleicht sogar ein Märchen: Magazine porträtierten ihn und „Wallpaper“ kürte Cardillo 2009 zu einem der dreißig wichtigsten Nachwuchs-Architekten der Welt. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität wird in der Arbeit Cardillos verwischt: Ob ein Projekt von ihm tatsächlich realisiert wurde oder nicht, bleibt unklar – und auch die gebauten Häuser haben etwas von einer Fata Morgana, die jede Sekunde wieder verschwinden könnte. Die Wohnung in Rom gibt es aber wirklich!
 
Höhle mit Horizont
Das Apartment strahlt eine fast sakrale Ruhe aus, was an den bleichen Farben gepaart mit dem Spiel aus Licht und Schatten liegen mag. Die oberen Wandabschnitte und die Decke sind grob-bräunlich verputzt. Die untere Abschlusslinie des Verputzes beschwört den „Goldenen Schnitt“ – ein ideales Teilungsverhältnis, das bereits in der Architektur der Antike Anwendung fand. Unterhalb der Trennung sind die Wände glatt verputzt und in blasse Farben getaucht – zusammen mit der rauen Struktur des Mörtels ergibt sich eine fast unwirkliche Atmosphäre. Tief eingeschnittene, an alte Burgen erinnernde Fenster entfernen die Wohnung zusätzlich von der umliegenden Stadt. Antonino Cardillo sieht die Referenzen für seine Gestaltungsidee vor allem in der Vergangenheit und bezieht sich auf „die Höhlen der Urmenschen, die Malerei der Renaissance und die ausgeblichenen Fassaden der Via Veneto.“
 
Gemalte Türen
Die Fenster und Durchgänge zwischen den Wohnräumen schließen mit dem künstlichen Horizont ab, allein die herabhängenden Leuchten und die Aufhängung eines Regals überqueren die Linie, ansonsten wirkt der Ort wie zweigeteilt. Einige der Türen sind bogenförmig ausgebildet und liegen plan in der Wand, sodass die Kontur sich lediglich als dünne Linie abzeichnet. Nur eine Pforte ist mit einem Knauf – rosafarben – ausgestattet und versteckt das Hauptschlafzimmer hinter sich. Für den Architekten sind die selbst entworfenen Öffnungen eine weitere Verbeugung vor der Historie und sollen an italienische Gemälde des 14. Jahrhunderts erinnern.


Die zwei Badezimmer – die einzigen Räume ohne grob verputzte Decken, die dafür in einem fahlen Pink gestrichen sind – folgen der minimal-phantastischen Einrichtungssprache Cardillos: Einfache Objekte wie Betonwaschbecken und eine zylindrische Duschinstallation, eingehüllt in einen weißen Vorhang, wirken auf der einen Seite simpel in ihrer Materialität. Auf der anderen Seite besitzen sie etwas Mystisches in ihrer – insbesondere lichttechnischen – Inszenierung. Für den Architekten wird Architektur an der Stelle spannend, wo sie „unsichtbar wird oder etwas verbirgt“ und an der Grenze „zum Traum“ existiert – mit seinem „Haus aus Staub“ hat er genau das in die Wirklichkeit umgesetzt.

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Links

Projektarchitekt

www.antoninocardillo.com

Spiegel-Artikel über Antonino Cardillo

www.spiegel.de

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