Japanisch-dänische Fusion
Designkulturen verweben Norm Architects und Keiji Ashizawa für ein Wohnprojekt in Tokio
Was ist das Ergebnis, wenn man japanische Detailperfektion und dänische Geradlinigkeit im Interieur miteinander kombiniert? Man möchte schnell in den Raum werfen: Es wird sicher hell und holzig. Mit Blick auf das Wohnprojekt Kinuta Terrace in Tokio stimmt das durchaus – aber greift natürlich viel zu kurz. Denn bei diesem Projekt verweben sich geschickt zwei Designkulturen, sodass weiche Raumatmosphären durch sachliche Möbel gezeichnet werden, für die die Designer gleich auch ein neues Möbellabel mit dem japanischen Traditionshaus Karimoku gegründet haben. Aber beginnen wir von vorn.
Wie ein Canyon stapeln sich die Wohneinheiten der Kinuta Terrace um einen L-förmigen, begrünten Innenhof. Doch nicht nur dieser gemeinschaftlich nutzbare, schmale Garten ist für die Tokioter Wohnverhältnisse eine Besonderheit. Auch die 35 Wohnungen des drei- bis viergeschossigen Baus sind in Japan eine typologische Seltenheit, denn sie sind als Maisonetten ausgebildet und verfügen über eigene Terrassen. Allesamt werden sie über den Innenhof erschlossen – mit jeweils separaten Eingängen, sodass das Gefühl entsteht, in einem Reihenhaus zu wohnen.
Tokioter Refugium
Fertiggestellt wurde die Wohnanlage von dem Architekten Kojiro Kitayama im Jahre 1991. Nun unterlief sie einer kompletten Sanierung: Die rosafarbenen Fliesen der Fassade wurden durch weißen Putz ersetzt, der monoton bepflanzte Innenhof in ein grünes Refugium verwandelt. Die Wohnungen sind zwar mit circa 100 Quadratmetern Fläche für japanische Verhältnisse durchaus großzügig, die Räume selbst aber sind mit knapp 3,80 und 5 Metern Breite recht schmal.
Designkulturen verweben
Mit der Sanierung des Wohnhauses wurde der Architekt und Produktdesigner Keiji Ashizawa beauftragt. Für die zwei Schauapartments lud er das befreundete dänische Studio Norm Architects ein, die Innenarchitektur für eines der beiden Apartments zu übernehmen. „Wir wollten die kompakten Wohnungen mit natürlichen Materialien und hellen Farben versehen, um Garten und Wohnraum miteinander zu verbinden“, erklärt Keiji Ashizawa. „Zugleich entstand die Idee, gemeinsam Möbelstücke zu entwickeln, die durch ihre Gestalt und Funktion mehr Platz in den kompakten, länglichen Räumen schaffen.“
Maßgeschneiderte Möbel
Insgesamt zwölf Möbel haben die beiden Büros entworfen: vom Tisch bis zum Sofa, vom Regal bis zum Stuhl – maßgeschneidert für die Wohnungen der Kinuta Terrace. Dabei verweben die Gestalter geschickt japanisches und skandinavisches Design. „Meiner Meinung nach liegt der Unterschied oft in den kleinen Details, in den Mustern und Wiederholungen, die man in der japanischen Architektur und den japanischen Möbeln sieht. Japanisches Design „arbeitet“ unglaublich gut mit Proportionen und der Überlappung von Materialien. So entsteht ein viel detailorientierter Fokus,“ bemerkt Frederik Werner, Designer und Associate Partner von Norm Architects. „Skandinavisches Design hingegen ist sehr viel direkter und geradliniger“.
Versteckte Funktionen für kompakte Räume
Die Entwürfe kann man durchaus als eine Essenz beider Designkulturen betrachten: Alle eint eine geradlinige Formensprache und eine sichtbare Konstruktion, die in ihrer Ästhetik an traditionelle japanische Architekturdetails erinnert. Dies verleiht den Möbeln eine gewisse Durchlässigkeit. So zeigt der Esstisch Kinuta N-DT01 in der der Längsansicht durch den breiten Querbalken eine starke Präsenz, doch die schmalen Tischbeine und die dünne Tischplatte lassen das Produkt alles andere als schwerfällig erscheinen. Auch das filigrane Regal Kinuta N-SS01 ist ein Beispiel für die Transparenz und Durchlässigkeit, die den Architekten und Designern für die Möbel wichtig war. „Das Besondere an der Serie ist: Fast jeder Entwurf enthält eine versteckte Funktion,“ verrät Frederik Werner. So sei das Sofa Kinuta N-S01 eine Referenz an klassische Möbel aus Dänemark, zugleich aber dienen die breiten Armlehnen als Beistelltisch. „Und wenn man es gegen die Wand rückt, wird aus den breiten Holzleisten an der Rückenlehne eine Ablage für Bücher und Bilder,“ erklärt der Designer.
Architektur und Möbel zusammen denken
Um die handwerklich anspruchsvollen Entwürfe zu produzieren, schlossen sich die Gestalter mit dem japanischen Möbelhersteller Karimoku zusammen und gründeten die Schwesterfirma Karimoku Case Study – mit Keiji Ashizawa und Norm Architects als kreative Köpfe der Unternehmung. Doch wenn die Möbel der Kinuta-Serie maßgeschneidert für die Wohnungen des Projektes sind, was haben sie dann in Wohnräumen außerhalb der Kinuta Terrace zu suchen? „Sicher werden wir die einzelnen Produkte in unterschiedlichen Größen anbieten, ohne dass die signifikanten, dem Kinuta-Projekt inhärenten Proportionen verloren gehen. Maßgeschneidert sind die ersten Prototypen – ja, aber es ist die Idee und die Formensprache der Möbel, die von der Architektur und den Räumen geprägt wurde. Das heißt also nicht, dass die Produkte nicht in eine andere Umgebung hineinpassen“, erklärt Frederik Werner.
Mit Karimoku Case Study möchten die beiden Büros Möbel entwerfen, die im Zusammenspiel mit einer spezifischen Architektur entstehen. „Wir möchten Architektur, Innenarchitektur und Möbel zusammen denken, denn dieses Zusammenspiel definiert den Raum“, ergänzt Keiji Ashizawa die Idee hinter Karimoku Case Study.
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