Kupferkleid auf Beton
Mehrfamilienhaus von Edition Office im Nordosten von Melbourne
Außen schroff, innen weich: Im australischen Bundesstaat Victoria haben die Architekt*innen von Edition Office ein Mehrfamilienhaus errichtet. Drei Baukörper aus Sichtbeton erheben sich über einen gemeinsamen Sockel. Das Interieur von Flack Studio setzt auf weiche Texturen und organische Formen.
Rund vier Kilometer nordöstlich von Melbournes Zentrum liegt das Viertel Kew. 1994 ist die einst unabhängige Stadt eingemeindet worden. Zahlreiche Bauten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren bestimmen das Bild. Im Norden begrenzt der Yarra River das Quartier, dessen Ufer von Bäumen und Sträuchern dicht bewachsen sind. Sie definieren eine grüne Oase inmitten der Stadt. Genau dort entstand Fenwick – ein Mehrfamilienhaus nach Plänen des Architekturbüros Edition Office.
Doppelte Perspektiven
Um die physische Präsenz zu minimieren, haben sich die Architekt*innen für drei kleinere Baukörper anstelle eines größeren Volumens entschieden. Deren Dimensionen orientieren sich an den Bebauungen der Nachbargrundstücke. „Ein Gleichgewicht zwischen Dichte und visueller Durchlässigkeit war entscheidend, um die visuelle Verbindung zum öffentlichen Stadtraum aufrechtzuerhalten“, erklärt Kim Bridgland. Zusammen mit Aaron Roberts hat er Edition Office 2016 in Melbournes Stadtteil Collingwood gegründet und sich vor allem mit Einfamilienhäusern sowie den Innenräumen von Kunstgalerien einen Namen gemacht.
Die Einschnitte entfalten eine doppelte Wirkung: Sie erlauben Einblicke in die Tiefe des Grundstücks. Zugleich intensivieren sie für die Bewohner*innen der zehn Apartments den Kontakt zur umliegenden Natur. Die drei Baukörper werden durch eine gemeinsame Tiefgarage verbunden. Allerdings ragen sie nicht identisch in die Höhe, sondern vollziehen leichte Abstufungen. So folgen sie dem natürlichen Gefälle des Baugrunds, das von der Straßenseite in Richtung Tal zunimmt. Rund zwanzig Höhenmeter trennen die Sockelebene des Hauses vom darunter vorbeiziehenden Fluss.
Rund und eckig
Die drei Gebäude vereint die horizontale Trennung zwischen Erdgeschoss sowie erstem und zweitem Obergeschoss. Vor- und Rücksprünge lockern die Kubaturen ebenso auf wie runde Ecken und Einschnitte, die auf geradlinige Konturen treffen. „Masse und Maßstab wurden durch leichtes Verschieben und Drehen jeder Bodenplatte in Bewegung gebracht, wodurch die Scherwände in Bewegung gerieten“, bringt Aaron Roberts den Ansatz auf den Punkt. Ein schönes Detail offenbart sich in einer Loggia im zweiten Obergeschoss, wo ein Baum durch eine Öffnung der planen Dachebene wächst. Die runden Konturen des Durchbruchs werden durch die einfallenden Sonnenstrahlen an die Außenwände projiziert.
Raue Hülle
Die Fassaden der drei Baukörper sind in Sichtbeton ausgeführt. Mit ihrer Masse schaffen sie eine passive Isolierung. Die Fenster spannen sich über die gesamte Höhe der jeweiligen Geschossebene und schließen bündig mit der Betonebene ab. So werden die Decken und Böden der jeweiligen Stockwerke durch die vorgelagerten Glasflächen verdeckt, bleiben aufgrund der Transparenz des Glases jedoch weiterhin sichtbar. Die Wohnräume sind nach Norden ausgerichtet, wo sie sich mit Loggien und Terrassen zum Flusstal öffnen. Die Schlaf- und Nebenräume orientieren sich zu den schmalen Grünflächen zwischen den drei Pavillons.
Flirrende Überlagerungen
Für den nötigen Sichtschutz sorgen auf der Hofseite weiße Vorhänge, deren Faltenwürfe mit den Abdrücken der vertikalen Verschalung in den Betonoberflächen korrespondieren. Einigen Fenstern sind Lochblech-Platten aus Kupfer vorgelagert. Ihre Zickzack-artige Reihung bewirkt eine visuelle Überlagerung. Wenn die Betrachter*innen ihren Standpunkt variieren, entstehen flirrende Moiré-Effekte, die die Architektur aus ihrer statischen Schwere befreien. „Die Kupferverkleidungen verleihen der robusten Betonkonstruktion eine gewisse Zartheit. Mit ihrer ansetzenden Patina zeigen sie Zeichen des Lebens“, erklärt Aaron Roberts. Auch farblich setzt das rötliche Metall einen warmen Kontrast zum kühlen Grau des Sichtbetons – genau wie die hölzernen Eingangstüren und die zahlreichen Rankenpflanzen, die die Fassaden erklimmen.
Natürliche Symbiose
Die Innenräume sind von Flack Studio eingerichtet worden, das unweit von Edition Office in Melbournes Stadtteil Fitzroy sitzt. Das Naturthema wird durch organische Formen und eine warme Farbpalette aufgegriffen. Mehrere Stühle aus der Serie Murena S2 von Marta Sala Éditions umrunden den Esstisch. Skandinavische Klassiker wie der Circle Chair von Hans J. Wegner für PP Møbler oder ein mit weißem Bouclé bezogener Egg Chair von Fritz Hansen (Design: Arne Jacobsen) sind zu sehen. Die Gegenwart zeigt sich im Beistelltisch Profiterole von Lara Bohinc, dem Regal Alba von Arflex (Design: Bernhardt & Vella) oder der Waschtischarmatur AW EX Pipe von Marcel Wanders für Aboutwater Boffi/Fantini, deren leuchtend roter Griff an eine Blume erinnert. Ergo: Architektur und Interieur bilden keine Fremdkörper in der Landschaft. Sie kreieren eine Verbindung mit ihr.
FOTOGRAFIE Rory Gardiner Rory Gardiner
| Projekt | Fenwick |
| Typologie | Mehrfamilienhaus |
| Ort | Kew, Victoria, Australien |
| Architektur | Edition Office, Collingwood, Victoria, Australien |
| Team | Kim Bridgland, Aaron Roberts, Molly Hibberd, Erin Watson |
| Interieur | Flack Studio |
| Landschaftsplanung | Eckersley Garden Architecture |
| Größe | 2.200 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2019 |
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