Projekte

Made in Bosnien-Herzegowina

Wohnungsumbau mit lokalem Handwerk von Project V Architecture

Bei der Modernisierung einer Wohnung in Sarajevo setzte Project V Architecture vor allem auf biophile Materialien wie Lehm und Holz, die ganz natürlich die Feuchtigkeit regulieren und die Qualität der Luft verbessern. Damit diese wiederum gut zirkulieren kann, wurde auf Wände verzichtet. Mäandernde Wollvorhänge und eine handgefertigte Möbelinsel aus Holz bilden eine fluide Wohnbühne, die individuell auf die Bewohner*innen reagiert.

von Tanja Pabelick, 19.08.2024

Über die strategischen und ästhetischen Leitlinien, die bei der Sanierung eines Apartments in Sarajevo angewendet wurden, hat sich das beauftragte Büro Project V Architecture viele Gedanken gemacht. Ein wichtiges Arbeitsfeld der Gestaltenden ist der Wiederaufbau ihrer Heimatstadt, die immer noch von den Folgen des Krieges gezeichnet ist. Dabei ist ihr Ziel aber nicht ausschließlich die Reparatur, sondern vor allem ein ökologisch und sozial überzeugendes Ergebnis. „Wir haben uns gefragt: Kann der Umbau eines Zuhauses Ideen für den Umbau einer Gesellschaft, einer Stadt oder sogar eines Landes liefern?“, erzählen  Vernes Causevic und Lucy Dinnen von Project V Architecture. Sie glauben an die gemeinschaftsstiftende Kraft von Architektur, die Orte prägt, Heimatgefühle verstärkt und Identität herstellt. Wenn dort, wo der Krieg Zerstörung hinterlassen hat, innovative Projekte realisiert werden, kann das als ein Symbol für die Heilung des ganzen Landes gesehen werden, sind die Planer*innen überzeugt.

Holz aus heimischen Wäldern
Die Liebe zu ihrer Heimat spiegelt sich auch in der Wahl der Materialien für das Apartment wider. Zuerst wurde die gerade einmal 50 Quadratmeter große Wohnung, die bisher in vier kleine und dunkle Zimmer aufgeteilt war, komplett entkernt. Der neue Innenausbau setzt auf regionale Werkstoffe und traditionelle handwerkliche Verfahren. Wände und Decken sind, so wie es früher in Bosnien-Herzegowina üblich war, mit Lehm verputzt und strukturiert ausgeführt. Eichenparkett, Fichtenfenster und Buchenmöbel stammen alle aus den heimischen Wäldern, die über fünfzig Prozent des Landes bedecken. Außerdem haben die Architekt*innen eigens für das Apartment mehrere Möbel entworfen, wie den Couchtisch mit einer Basis aus Stampflehm oder einen raumtrennenden Buchenholzmonolithen mit Lehm-Ablageflächen. Diese Werkstoffe und Farben sind eine Hommage an Boden und Erde der Heimat. Und an die Menschen des Landes, denn alle Einbauten wurden von Handwerker*innen aus der Region produziert und zeigen den manuellen Prozess in ihren Details und Oberflächen.

Mäanderndes Wolltextil
Passend zum Sujet tauften die Planer*innen das Projekt Zemlja, was aus dem Bosnischen stammt und so viel wie „Erde“ und „Land“ bedeutet. Bei der räumlichen Organisation folgen sie aber vor allem dem Konzept des „freien Feldes“ und zogen keine neuen Wände ein, um das Layout zu organisieren. Stattdessen entschieden sich Vernes Causevic und Lucy Dinnen für ein Vorhangsystem, mit dem sich flexibel immer wieder neue Raumsituationen schaffen lassen. Die Schiene läuft durchgehend an der Decke, beginnt in der Raummitte und umrundet das Sofa, biegt in die Küche ab und schließt den Esstisch ein, erstreckt sich entlang der Fenster und mündet im Schlafzimmerbereich, der im hinteren Teil des Apartments liegt. In die Schiene eingehängt wurden mehrere terrakottafarbene Wollvorhänge, die sich an den Wänden parken lassen, um den Raum komplett zu öffnen, oder fünf unterschiedlich abgegrenzte Wohnbereiche schaffen. Mit ihnen lassen sich intime Kokons erzeugen, um bei einem Dinner oder Fernsehabend Gemütlichkeit herzustellen. Es können aber auch Bereiche abgeschottet werden, um für visuelle Ruhe zu sorgen: Durch ein paar Handgriffe ist der Eingangsbereich mit behangener Garderobe, die gerade benutzte Küchenzeile oder das ungemachte Bett verschwunden.

Möbelblock und Gardinen-Kolonne
Die Architekt*innen vergleichen ihr Konzept mit einer Theaterbühne, auf der von Vorhängen abgetrennte Kulissen aufeinanderfolgen. Schicht für Schicht können sie freigelegt werden. Sie ersetzen als fluide Lösung statisches Mauerwerk und funktionieren im Zusammenspiel mit dem zweiten Zonierungselement, einer multifunktionalen Miniarchitektur aus Holz. Das im Grundriss T-förmige Element beherbergt zum Wohnzimmer hin ein Regal, zum Schlafbereich hin einen Schrank – und am Fenster wurde ein Schreibtisch integriert, der das Homeoffice markiert. Das Projekt Zemlja ist fast vollständig aus natürlichen Materialien gebaut. Selbst die Balkonmöbel sowie Gerüst und Verkleidung bestehen aus Holz und erzeugen ein wohnliches Raumgefühl, das direkt an die Stimmungswelt der Innenräume anknüpft. Damit setzt sich das Apartment auch deutlich von den Nachbarwohnungen ab und ist in der Fassade sofort auszumachen. Aber auch das ist von Vernes Causevic und Lucy Dinnen so gewollt – sie erkennen darin ein für ihre schrittweise sanierte Stadt typisches Merkmal: „Der einzigartige Charakter des Balkons ist eine Fortführung des sarajevanischen Adhocismus, der in dem Patchwork aus selbst gebauten Balkonen und Fenstern zutage tritt.“

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Entwurf

Project V Architecture

projectv-arch.com

Mehr Projekte

Gekonnt gegliedert

Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia

Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia

Platte mit Weitblick

Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler

Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler

Bewegung im Rohbau

Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin

Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin

Athener Essenz

Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local

Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local

Domestic Dancefloor

Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard

Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard

Ein Haus aus Lehm und Landschaft

Wohnhaus in Weert von De Nieuwe Context

Wohnhaus in Weert von De Nieuwe Context

Ungezwungene Zeitreise

Umbau und Erweiterung eines Londoner Reihenhauses von TYPE

Umbau und Erweiterung eines Londoner Reihenhauses von TYPE

Kompaktes Kleinod

Ferienhaus Casa Plaj in Portugal von Extrastudio

Ferienhaus Casa Plaj in Portugal von Extrastudio

Zweigeteilter Rückzugsort

Umbau eines kleinen Erdgeschossapartments in Paris von atelier apara

Umbau eines kleinen Erdgeschossapartments in Paris von atelier apara

Five-to-nine-Wohnen

Wohnhaus mit Galerie in London von O’Sullivan Skoufoglou Architects

Wohnhaus mit Galerie in London von O’Sullivan Skoufoglou Architects

Patio mit Pool

Neubau mit Backsteinfassade in Katalonien von SIGLA Studio

Neubau mit Backsteinfassade in Katalonien von SIGLA Studio

Kanso in Barcelona

Japanische Wohntraditionen prägen ein Apartment von Miriam Barrio

Japanische Wohntraditionen prägen ein Apartment von Miriam Barrio

Lässig und robust

Anbau mit Terrakottafassade in Los Angeles von Current Interests

Anbau mit Terrakottafassade in Los Angeles von Current Interests

Lauschendes Alpenchalet

Maison Osaïn verwandelt eine historische Berghütte in Italien

Maison Osaïn verwandelt eine historische Berghütte in Italien

Neuanfang durch Wiederaufbau

Transformation eines Einfamilienhauses in Slowenien von OFIS

Transformation eines Einfamilienhauses in Slowenien von OFIS

Auf alles vorbereitet

Wohnanlage mit flexiblen Grundrissen von STAR strategies + architecture

Wohnanlage mit flexiblen Grundrissen von STAR strategies + architecture

Bauhaus-Comeback in Budapest

Umbau einer Dreißigerjahre-Wohnung von Sarolta Hüttl

Umbau einer Dreißigerjahre-Wohnung von Sarolta Hüttl

Zwischen Himmel und Holz

Dachbodenausbau von studio franz und coco in den Schweizer Bergen

Dachbodenausbau von studio franz und coco in den Schweizer Bergen

Mit Hang zur Höhe

Wohnhaus auf kleiner Fläche in Unterfranken von ToB.Studio

Wohnhaus auf kleiner Fläche in Unterfranken von ToB.Studio

Pleats please!

Das W House in London von Bureau de Change

Das W House in London von Bureau de Change

Bio-Bau am Seeufer

Haus A/Z am Ammersee von Arnold / Werner Architekten

Haus A/Z am Ammersee von Arnold / Werner Architekten

Naturpanorama in Costa Rica

Wohnhaus von Formafatal mitten im Dschungel

Wohnhaus von Formafatal mitten im Dschungel

Minimalismus am Waldrand

Der Bungalow U7A von KANANI verbindet Architektur und Natur

Der Bungalow U7A von KANANI verbindet Architektur und Natur

Ein-Euro-Haus

Modernisierung eines baufälligen Stadthauses in Sizilien von Studio Didea

Modernisierung eines baufälligen Stadthauses in Sizilien von Studio Didea

Ein Haus für perfekte Gastgeber

Küchenanbau von Studio McW in London

Küchenanbau von Studio McW in London

Beton, Farbe und Licht

Wohnsiedlung Rötiboden von Buchner Bründler Architekten am Zürichsee

Wohnsiedlung Rötiboden von Buchner Bründler Architekten am Zürichsee

Goldener Schnitt

Einfamilienhaus von Raúl Sánchez Architects bei Barcelona

Einfamilienhaus von Raúl Sánchez Architects bei Barcelona

Der Flur als Bühne

Wohnungsumbau in Mailand von Kick.Office

Wohnungsumbau in Mailand von Kick.Office

Höhenflug in Madrid

Burr Studio verwandelt Gewerbefläche in eine loftartige Wohnung

Burr Studio verwandelt Gewerbefläche in eine loftartige Wohnung

Camouflage im Eichkamp

Berliner Familienresidenz von Atelier ST

Berliner Familienresidenz von Atelier ST