Projekte

Mit Alvar Aalto in die Volkshochschule

von Claudia Simone Hoff, 15.11.2010


Hochkarätige skandinavische Architektur inmitten einer typischen deutschen Fußgängerzone mit der immergleichen, zuweilen trostlosen Bebauung, Ein-Euro-Shops und architektonisch fragwürdigen Shoppingcentern – wo es das gibt? In Wolfsburg. Denn genau hier, im nicht gerade anheimelnden Zentrum der Volkswagen-Stadt steht ein fächerartig gestaffeltes, mit Natursteinplatten verkleidetes Gebäude, das kein Geringerer als der finnische Architekt Alvar Aalto entworfen hat. Eine Doppelausstellung war für uns Anlass, in die Stadt am Mittellandkanal zu reisen und das zu Beginn der sechziger Jahre entstandene Kulturhaus einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.


Wolfsburg, 1938 von den Nationalsozialisten als „Stadt des KdF-Wagens“ komplett neu gegründet, kann neben der historischen Architektur des Volkswagenwerks aus den späten dreißiger Jahren und zahlreichen, in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Gebäuden – für die unter anderem Henn Architekten und Zaha Hadid Architects verantwortlich zeichnen – mit einigen hochkarätigen Bauten aus den fünfziger und sechziger Jahren aufwarten.

Ein Finne in Niedersachsen

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Kulturhaus ist nicht der einzige Bau von Alvar Aalto (1898–1976) in der niedersächsischen Industriestadt, hat der finnische Architekt und Designer hier doch gleich zwei Gotteshäuser mit angeschlossenen Gemeindezentren verwirklicht, Heilig-Geist und Stephanus. Zudem beteiligte er sich neben Fritz Bornemann und Jørn Utzon auch am Wettbewerb um den Bau des Wolfsburger Theaters, den aber Hans Scharoun für sich entscheiden konnte.

Hereinspaziert!

Gleich neben dem Wolfsburger Rathaus, dem Kunstmuseum und Wochenmarkt also steht das Kulturhaus. Ursprünglich Bibliothek, Volkshochschule und Jugendfreizeitheim unter einem Dach vereinend und perfekt der damaligen städtebaulichen Situation angepasst, erwartet den Besucher heute eine öffentliche Bibliothek, diverse Veranstaltungs- und Ausstellungsräume sowie ein Restaurant mit Milchbar. Gelegen in der Porschestraße 51, ist das Gebäude zwischen 1958 und 1962 entstanden, wobei sich Aaltos Entwurf gegenüber dem des Berliner Architekten Paul Baumgarten durchgesetzt hatte.

Im Foyer

Betritt man das Gebäude durch den im Osten gelegenen Haupteingang, trifft man im großzügig bemessenen Foyer – eine niedrige Säulenhalle mit Holzrasterdecke – auf eine hölzerne Garderobe samt Tresen und Ablageschränken. Gleich daneben ist die grazil erscheinende Treppenanlage frei im Raum platziert und weist den Weg ins Obergeschoss. Im Parterre befindet sich auch der Haupteingang zur Bibliothek. Angelegt als Verteilerraum, wird bereits im Entree des Kulturhauses deutlich: Alvar Aalto ist ein Meister der Details. Denn handwerklich und formal perfekt ausgeführt und von hoher Materialqualität sind die Türgriffe, Geländer, Wandverkleidungen, Standaschenbecher, das Einbaumobiliar und die freistehenden Möbel. Der besondere Reiz dieser Details besteht jedoch nicht nur im harmonischen Miteinander und der visuellen Analogie mit der Architektur, sondern auch in der Vielfalt der verwendeten Materialien. Denn hier finden sich neben Holz und Kupfer auch Keramik und Ziegel – was das skandinavische Ambiente unterstreicht. Besonders schön ist die auf der rechten Seite des Foyers gelegene, geschwungene und mit kobaltblauen Porzellanfliesen versehene Wand, hinter der sich eine Ladenzeile verbirgt, die von außen zugänglich ist. Hier kann der Wolfsburger Blumen kaufen, Reisen buchen oder sich online über das Œuvre des Architekten informieren.
 
In der Bibliothek

Das gestalterische Highlight des Kulturhauses jedoch ist die Bibliothek, zumal diese weitgehend im Originalzustand erhalten ist. Zweistöckig angelegt, besticht sie vor allem durch eine mit Oberlichtern versehene Decke, die den Raum geschickt künstlich ausleuchten. Nahm die Bibliothek einst neben dem Studienraum und der Erwachsenenbibliothek auch die Jugendbibliothek auf, sind in letzterer heute die Abteilungen Kunst und Theater untergebracht. Während original erhaltende, von Alvar Aalto entworfene Sitzgelegenheiten mit Lederbezug und Stuhlbeinen aus Birkenholz zum Schmökern und Lesen einladen, Bücherstapel auf einem Wagen aus Eichenholz transportiert werden können, sind auch die Regal- und Leseleuchten ein wahrer Augenschmaus. Zusammen mit den Oberlichtbändern sorgen sich für eine ausgeklügelte, optimale Beleuchtung des Studieninterieurs – Versuche zur optimalen Beleuchtung hatte der Architekt bereits in den frühen dreißiger Jahren bei seinem Bibliotheksentwurf im finnischen Viipuri angestellt.

Neben der so wichtigen Beleuchtungsfrage war das Mobiliar für den finnischen Architekten integraler Bestandteil der Architektur – quasi ein Stück bewegliche Architektur, das den Raumeindruck kongenial vervollständigte. Deshalb wurden die meisten von Aaltos später seriell gefertigten und von Artek produzierten Möbelstücke auch für ein bestimmtes Projekt entworfen. Bereits in den dreißiger Jahren hatte der Architekt seine Tätigkeiten im Bereich Design ausgebaut und die inzwischen legendäre, formgeblasene Glasvase Savoy 1937 auf der Pariser Weltausstellung präsentiert.

Im Obergeschoss und auf dem Dach
 
Doch zurück in das Wolfsburger Kulturhaus: Gelangt der Besucher über die skulptural anmutende Treppe in den ersten Stock, gehen oben von der lichtdurchfluteten Halle fünf verschieden große, fächerförmige Hörsäle ab, konzipiert für Gruppen von 20 bis 230 Personen. Diese ziehen die Aufmerksamkeit auf sich durch eine wellenförmige Decken- und Rückwandgestaltung, wie sie Aalto auch in einigen seiner anderen Gebäude verwendet hat, sowie einer eleganten Reihenbestuhlung. Einen weiteren räumlichen Höhepunkt des Kulturhauses stellt sicherlich die Dachterrasse dar, die in einem deutlichen Bezug zum Rathausmarkt steht. Von hier aus bietet sich ein guter Blick über die verschiedenen Stufen der Wolfsburger Architekturgeschichte von den späten Fünfzigern bis in die neunziger Jahre: Rathaus, Fußgängerzone, Theater, Südkopfcenter, Kunstmuseum. Und auch hier, wo die Jugend in den Sechzigern tanzte und feierte, finden sich Aaltos wunderbare Lampenentwürfe, dieses Mal in Form einer Außenversion aus patiniertem Kupfer.

Wechselnde Nutzungskonzepte

Seit seiner Entstehungszeit vor rund fünfzig Jahren hat sich die Nutzung des Kulturhauses immer wieder verändert. Nicht nur wurde im ehemaligen Süd-Foyer des Jugendfreizeitheims Ende der neunziger Jahre ein Café namens „Aalto“ eröffnet und um eine auch im ursprünglichen Konzept vorhandenen Milchbar erweitert, ist seit Ende der neunziger Jahre auch die Volkshochschule nicht mehr präsent im Kulturhaus. Und auch das Jugendfreizeitheim als einst integraler Bestandteil des Konzepts wurde in den achtziger Jahren ausgelagert. Seit kurzem sind jedoch die ehemaligen Werkräume für Holz-, Metall- und Keramikarbeiten mit der offenen Feuerstelle als räumlicher Mittelpunkt wieder öffentlich zugänglich. Sie können anlässlich der Ausstellung „In Sand gezeichnet – Entwürfe von Alvar Aalto“ besichtigt werden und sind hinsichtlich ihrer Größe und der genialen Lichtführung eine Offenbarung. In dem beinahe rauen Ambiente der Räume kommen die Modelle, Skizzen, Zeichnungen und Fotografien der ungebauten Projekte Alvar Aaltos besonders gut zur Geltung und man darf sich schon jetzt freuen an einer zukünftigen Nutzung. Aber da wäre ja auch noch der Dachgarten, der bei unserem Besuch allerdings etwas vereinsamt daher kam. Das mag am trüben Novemberwetter gelegen haben – und so kommen wir gern wieder zum Tanz in den Mai.
 

Weitere Informationen

 
Die Doppelausstellung „In Sand gezeichnet – Entwürfe von Alvar Aalto“ und „Wood with a Difference – Österreichische Studierende präsentieren finnische Architektur“ ist noch bis zum 8. Dezember 2010 im Alvar-Aalto-Kulturhaus in Wolfsburg zu sehen. Während sich „In den Sand gezeichnet“ mit den nicht realisierten Entwürfen des finnischen Architekten auseinandersetzt und den Prozess der Formfindung veranschaulicht, zeigt „Wood with a Difference“ aktuelle Arbeiten der finnischen Gegenwartsarchitektur, ausgewählt von Studenten der TU Wien. Führungen, Lesungen und Vorträge komplettieren das Ausstellungsprogramm.

Zur Ausstellung ist folgende Publikation erschienen: Aila Kolehmainen, Esa Laaksonen und Winfried Nerdinger: In Sand gezeichnet – Entwürfe von Alvar Aalto. München (Edition Minerva) 2008.
 
Zur Architektur Alvar Aaltos in Wolfsburg ist folgende Publikation empfehlenswert: Holger Pump-Uhlmann et. al.: Ich baue. Der Architekt Alvar Aalto in Wolfsburg. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Braunschweig (Joh. Heinr. Meyer Verlag) 2000.
Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projekt

Alvar-Aalto-Kulturhaus, Wolfsburg

www.stadtbibliothek.wolfsburg.de

Ausstellung

In Sand gezeichnet: Entwürfe von Alvar Aalto

www.wolfsburg.de

Alvar Aalto Zentrum Deutschland e. V.

www.aalto-wolfsburg.com

Alvar Aalto Foundation

www.alvaraalto.fi

BauNetz Meldungen

Alvar Aalto

Alle BauNetz Meldungen

Mehr Projekte

Ätherische Höhle

Das Interior von Beyond Space beamt ein Büro in eine Unterwasserblase

Das Interior von Beyond Space beamt ein Büro in eine Unterwasserblase

Weinbar mit Whiteboard

Ein Stockholmer Büro mit Tresen von Note Design Studio

Ein Stockholmer Büro mit Tresen von Note Design Studio

Arbeiten im Minka-Haus

DDAA macht ein japanisches Wohngebäude zum Büro

DDAA macht ein japanisches Wohngebäude zum Büro

Mehr Platz für Kreativität

Büroerweiterung in Berlin von Kemmler Kemmler

Büroerweiterung in Berlin von Kemmler Kemmler

Die Büro-WG

Office mit Retailfläche in Madrid von Plutarco

Office mit Retailfläche in Madrid von Plutarco

Monochrom und multifunktional

Isern Serra renoviert ein Kreativstudio in Barcelona

Isern Serra renoviert ein Kreativstudio in Barcelona

Hygge auf Tasmanisch

Ein hölzernes Büronest von Cumulus Studio

Ein hölzernes Büronest von Cumulus Studio

Zuhause im Architekturbüro

Wohnliches Office in Sydney von Alexander &CO.

Wohnliches Office in Sydney von Alexander &CO.

Naturnah arbeiten

Nachhaltiger Büroneubau von haascookzemmrich STUDIO2050

Nachhaltiger Büroneubau von haascookzemmrich STUDIO2050

Alter Bestand, neue Arbeitswelt

De Winder Architekten bauen Hamburger Verlagshaus aus

De Winder Architekten bauen Hamburger Verlagshaus aus

Ein Ort für die Magie des Zufalls

Co-Working im Londoner Design District

Co-Working im Londoner Design District

Herz aus Beton

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin

Über den Dächern Berlins

Büroausbau für eine agile Arbeitsumgebung von buerohauser

Büroausbau für eine agile Arbeitsumgebung von buerohauser

Eidgenossen in Chicago

Das Schweizer Konsulat von HHF und Kwong Von Glinow

Das Schweizer Konsulat von HHF und Kwong Von Glinow

Schillerndes Vorzeigebüro

Co-Working-Space von Ivy Studio in Montreal

Co-Working-Space von Ivy Studio in Montreal

Makeover à la Marcelis

Umgestaltung eines Forschungszentrums in Rotterdam mit USM-Möbeln

Umgestaltung eines Forschungszentrums in Rotterdam mit USM-Möbeln

Luft nach oben

Umbau einer Lagerhalle in Buenos Aires zur Bürolobby

Umbau einer Lagerhalle in Buenos Aires zur Bürolobby

Kompakt und kontemplativ

Apartment von Francesc Rifé Studio in Barcelona

Apartment von Francesc Rifé Studio in Barcelona

Wohnen mit System

Sanierung des modularen Wohnhauses von Fritz Haller

Sanierung des modularen Wohnhauses von Fritz Haller

Red Room in Valencia

Moderne Zahnklinik Impress von Raul Sanchez

Moderne Zahnklinik Impress von Raul Sanchez

Das Acht-Minuten-Büro

Concept Office von Jan-Henrik Schröter und Haus Otto in Leonberg

Concept Office von Jan-Henrik Schröter und Haus Otto in Leonberg

Mut zur Maserung

Die schönsten Interiors mit Holz

Die schönsten Interiors mit Holz

Best-of Zahnarztpraxen

Schluss mit dem Weiß-Monolog

Schluss mit dem Weiß-Monolog

Echo der Bergwelt

Nina Mair gestaltet die kommunikativen Räume eines Innsbrucker Unternehmens

Nina Mair gestaltet die kommunikativen Räume eines Innsbrucker Unternehmens

Stilvoll konferieren

Conference Center von Just/Burgeff Architekten in Frankfurt am Main

Conference Center von Just/Burgeff Architekten in Frankfurt am Main

Sinn für Farbe

Monochrome Agenturräume von Claudia de Bruyn in Düsseldorf

Monochrome Agenturräume von Claudia de Bruyn in Düsseldorf

Die Welt als Modell

Ein Museum für Architekturmodelle in Shanghai 

Ein Museum für Architekturmodelle in Shanghai 

Das Zahnarzt-Loft

Praxis im französischen Saint-Quentin von Jordan Hoareau

Praxis im französischen Saint-Quentin von Jordan Hoareau

Arbeiten im Gartencafé

Neugestaltung eines Institutsgebäudes von brandherm + krumrey

Neugestaltung eines Institutsgebäudes von brandherm + krumrey

Haus der Steine

Monolithischer Showroom von Esrawe Studio in Mexiko

Monolithischer Showroom von Esrawe Studio in Mexiko