Projekte

Nürnberger Dachkinder

Auf dem Dach eines Nürnberger Parkhauses haben querwärts Architekten eine Kita erbaut.

von Julia Bluth, 29.08.2016

Der Parkhaus-Boom der siebziger Jahre hat in vielen deutschen Städten seine Spuren hinterlassen. Dass man den ungeliebten Betonrelikten auch etwas Gutes abgewinnen kann, beweist ein einzigartiges Projekt in der Nürnberger Südstadt. Hier haben querwärts Architekten auf dem ungenutzten Oberdeck eines alten Parkhauses Deutschlands höchstgelegene Kita erbaut.

Urheber der ungewöhnlichen Idee war Anton Klier, Betreiber des traditionsreichen Musikhauses Klier im Erdgeschoss des massiven Betongebäudes. Zunächst stieß er auf viel Skepsis, doch angesichts des spektakulären Bauplatzes und der hohen Bebauungsdichte des als sozialer Brennpunkt geltenden Viertels, konnte er selbst die größten Zweifler überzeugen.

Bauen mit Fingerspitzengefühl
Sowohl aus ökologischen als auch aus statischen Gründen entschieden sich die Architekten für einen leichten Holzständerbau. Dennoch stellten die statischen Gegebenheiten des 1979 erbauten Parkhauses sie vor eine Herausforderung. Um die geplante Aufstockung überhaupt realisieren zu können, mussten zunächst 700 Tonnen des alten Flachdachaufbaus, einem sogenannten Gartenmannbelag, entfernt und entsorgt werden. Bäume konnten nur dort gepflanzt werden, wo stabilisierende Unterzüge bestanden, und das gesamte Baumaterial musste mithilfe eines Baukrans bis auf die neunte und zehnte Ebene des Gebäudes transportiert werden. Umso überraschender also, dass die neue Kindertagesstätte Wolke 10 bereits nach neun Monaten Bauzeit fertiggestellt war.


Toben über den Dächern

Der lang gestreckte Holzbau zieht sich nun über die gesamte Südseite des ehemaligen Parkdecks. Große Panoramafenster gliedern die holzverkleidete Front und öffnen die Spiel- und Aufenthaltsräume zum rund 1.200 Quadratmeter großen Freigelände hin. Der großzügig begrünte Außenbereich verfügt über Klettergerüste- und wand, Sandkästen, Schaukel, Rutsche, einen durch Fangnetze abgesicherten Bolzplatz und mehr als ausreichend Freifläche zum Toben. Die das ehemalige Parkdeck absichernde, drei Meter hohe Betonmauer wurde unverändert erhalten und bietet den Kindern eine optimale Abschirmung. Außerdem sorgt sie als Überbleibsel der automobilistischen Vergangenheit für einen interessanten ästhetischen Bruch mit der spielerischen Neugestaltung des Daches.

Spielen mit Aussicht

Die auffällig hellen Innenräume bieten ausreichend Platz für bis zu 86 Kinder im Alter von null bis sechs Jahren. Die Kita wurde für eine interkulturelle Nutzung mit musikalischem Förderangebot konzipiert. Alle Einbauten wie Schränke, Podeste, Regale und eine Spielburg sind nach Entwürfen der Architekten maßgefertigte Schreinerarbeiten aus weißen HPL-Platten und Fichtenholz. Bis auf einige wenige Farbakzente sind alle Aufenthaltsräume schlicht in Weiß gehalten. Im schönen Kontrast dazu stehen die auffällig bunt gekachelten Sanitärräume in Gelb-, Blau- und Grüntönen. Das kindgerechte und dabei nicht übertrieben kindliche Interieur besticht durch seine Zurückhaltung und lenkt nur wenig von der atemberaubenden Aussicht ab. Auf knapp siebzehn Metern über Straßenniveau genießen Kinder und Erzieher einen unverbauten Blick bis hin zur Nürnberger Kaiserburg.

Bedenkt man die vielen bürokratischen Hürden beim Bau von Kindertagesstätten, ist es besonders erfreulich, dass dieses außergewöhnliche Projekt realisiert werden konnte. Wolke 10 ist städtische Nachverdichtung in ihrer schönsten Form und wird hoffentlich kein Einzelfall bleiben.


Mehr aus dem Designlines-Themenspecial Kinder lesen Sie hier.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

Mehr Projekte

Gefilterte Passage

Weinhandlung Enófilo von Juan Campanini und Josefina Sposito in Buenos Aires

Weinhandlung Enófilo von Juan Campanini und Josefina Sposito in Buenos Aires

Kolonnade im Klinikgarten

Beweglicher Pavillon für das Londoner Chase Farm Hospital von BAT Studio

Beweglicher Pavillon für das Londoner Chase Farm Hospital von BAT Studio

Räume ohne Raster

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Wohnen in der Beletage

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Grauzone mit Aussicht

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Generationswechsel im Siedlungshaus

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

Transluzenter Blockbau

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Nordische Seele, polnischer Geist

Schwedisches Restaurant Dala in Krakau von Znamy się

Schwedisches Restaurant Dala in Krakau von Znamy się

Skulpturaler Unterschlupf

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Helix aus Stahl

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Bunte Begegnungen

Shared Spaces im Bürobau M40 von Kinzo in Berlin

Shared Spaces im Bürobau M40 von Kinzo in Berlin

Glutroter Kokon

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Licht und Material im Dialog

Badehaus des Hotels Hirschen von NONA Architektinnen

Badehaus des Hotels Hirschen von NONA Architektinnen

Farbe für die Konservburk

Neue Beleuchtung im Gävle Konserthus in Schweden

Neue Beleuchtung im Gävle Konserthus in Schweden

Minimalismus trifft Bali-Urlaub

Fugenloses Bad mit Dünnschichtbelag im Loft-Haus in Brilon

Fugenloses Bad mit Dünnschichtbelag im Loft-Haus in Brilon

Beton und Behaglichkeit

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

Urbaner Lückenfüller

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Fifty Shades of Marble

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

High Heels im Hochhaus

Aeyde-Headquarter in Berlin von Gonzalez Haase AAS

Aeyde-Headquarter in Berlin von Gonzalez Haase AAS

Ikone trifft Neubau

Das Springer Quartier in Hamburg von gmp Architekten

Das Springer Quartier in Hamburg von gmp Architekten

Haus der Gegensätze

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Latex und Bauhaus

Boutiquehotel The Dean in Berlin von Rachael Gowdridge

Boutiquehotel The Dean in Berlin von Rachael Gowdridge

Yellow Submarine im Gewerbegebiet

Bürobau für Agrosemillas von Impepinable Studio in Spanien

Bürobau für Agrosemillas von Impepinable Studio in Spanien

Eine Frage des rechten Maßes

Saint Laurent Flagship-Store in Paris von Casper Mueller Kneer

Saint Laurent Flagship-Store in Paris von Casper Mueller Kneer

Holz in Bewegung

Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett

Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett

Brücke zum Meer

Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada

Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada

Kaffeepause auf Finnisch

Ein 20-Quadratmeter-Café in Helsinki von Anastasiia Korpaleva

Ein 20-Quadratmeter-Café in Helsinki von Anastasiia Korpaleva

Vereinte Dualität

Hotel Hans in Kopenhagen von Norrøn Architects

Hotel Hans in Kopenhagen von Norrøn Architects

Ziegel im Zentrum

Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten

Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten

Zwischen Erhalt und Erneuerung

Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés

Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés