Nürnberger Dachkinder
Auf dem Dach eines Nürnberger Parkhauses haben querwärts Architekten eine Kita erbaut.
Der Parkhaus-Boom der siebziger Jahre hat in vielen deutschen Städten seine Spuren hinterlassen. Dass man den ungeliebten Betonrelikten auch etwas Gutes abgewinnen kann, beweist ein einzigartiges Projekt in der Nürnberger Südstadt. Hier haben querwärts Architekten auf dem ungenutzten Oberdeck eines alten Parkhauses Deutschlands höchstgelegene Kita erbaut.
Urheber der ungewöhnlichen Idee war Anton Klier, Betreiber des traditionsreichen Musikhauses Klier im Erdgeschoss des massiven Betongebäudes. Zunächst stieß er auf viel Skepsis, doch angesichts des spektakulären Bauplatzes und der hohen Bebauungsdichte des als sozialer Brennpunkt geltenden Viertels, konnte er selbst die größten Zweifler überzeugen.
Bauen mit Fingerspitzengefühl
Sowohl aus ökologischen als auch aus statischen Gründen entschieden sich die Architekten für einen leichten Holzständerbau. Dennoch stellten die statischen Gegebenheiten des 1979 erbauten Parkhauses sie vor eine Herausforderung. Um die geplante Aufstockung überhaupt realisieren zu können, mussten zunächst 700 Tonnen des alten Flachdachaufbaus, einem sogenannten Gartenmannbelag, entfernt und entsorgt werden. Bäume konnten nur dort gepflanzt werden, wo stabilisierende Unterzüge bestanden, und das gesamte Baumaterial musste mithilfe eines Baukrans bis auf die neunte und zehnte Ebene des Gebäudes transportiert werden. Umso überraschender also, dass die neue Kindertagesstätte Wolke 10 bereits nach neun Monaten Bauzeit fertiggestellt war.
Toben über den Dächern
Der lang gestreckte Holzbau zieht sich nun über die gesamte Südseite des ehemaligen Parkdecks. Große Panoramafenster gliedern die holzverkleidete Front und öffnen die Spiel- und Aufenthaltsräume zum rund 1.200 Quadratmeter großen Freigelände hin. Der großzügig begrünte Außenbereich verfügt über Klettergerüste- und wand, Sandkästen, Schaukel, Rutsche, einen durch Fangnetze abgesicherten Bolzplatz und mehr als ausreichend Freifläche zum Toben. Die das ehemalige Parkdeck absichernde, drei Meter hohe Betonmauer wurde unverändert erhalten und bietet den Kindern eine optimale Abschirmung. Außerdem sorgt sie als Überbleibsel der automobilistischen Vergangenheit für einen interessanten ästhetischen Bruch mit der spielerischen Neugestaltung des Daches.
Spielen mit Aussicht
Die auffällig hellen Innenräume bieten ausreichend Platz für bis zu 86 Kinder im Alter von null bis sechs Jahren. Die Kita wurde für eine interkulturelle Nutzung mit musikalischem Förderangebot konzipiert. Alle Einbauten wie Schränke, Podeste, Regale und eine Spielburg sind nach Entwürfen der Architekten maßgefertigte Schreinerarbeiten aus weißen HPL-Platten und Fichtenholz. Bis auf einige wenige Farbakzente sind alle Aufenthaltsräume schlicht in Weiß gehalten. Im schönen Kontrast dazu stehen die auffällig bunt gekachelten Sanitärräume in Gelb-, Blau- und Grüntönen. Das kindgerechte und dabei nicht übertrieben kindliche Interieur besticht durch seine Zurückhaltung und lenkt nur wenig von der atemberaubenden Aussicht ab. Auf knapp siebzehn Metern über Straßenniveau genießen Kinder und Erzieher einen unverbauten Blick bis hin zur Nürnberger Kaiserburg.
Bedenkt man die vielen bürokratischen Hürden beim Bau von Kindertagesstätten, ist es besonders erfreulich, dass dieses außergewöhnliche Projekt realisiert werden konnte. Wolke 10 ist städtische Nachverdichtung in ihrer schönsten Form und wird hoffentlich kein Einzelfall bleiben.
Mehr aus dem Designlines-Themenspecial Kinder lesen Sie hier.
FOTOGRAFIE querwärts Fotodesign
querwärts Fotodesign
Projektarchitekten
Mehr Projekte
Lauschendes Alpenchalet
Maison Osaïn verwandelt eine historische Berghütte in Italien
Tradition, neu interpretiert
Modernes Raumkonzept für Pfaffenhofens letzte Brauerei
Neuanfang durch Wiederaufbau
Transformation eines Einfamilienhauses in Slowenien von OFIS
Burgerbude de luxe
Stilvolle Fast-Food-Restaurants rund um den Globus
Auf alles vorbereitet
Wohnanlage mit flexiblen Grundrissen von STAR strategies + architecture
Glut und Grandezza
Rockwell Group gestaltet ein neues Steakhaus in New York
Bauhaus-Comeback in Budapest
Umbau einer Dreißigerjahre-Wohnung von Sarolta Hüttl
Umbau mit Gütesiegel
Neue Arbeitswelt für den TÜV-Verband in Berlin
Vertikal verbunden
Neues Headquarter der Publicis Groupe in Shanghai von Ippolito Fleitz
Zwischen Himmel und Holz
Dachbodenausbau von studio franz und coco in den Schweizer Bergen
Qualität der Stille
Asketische Saunahütten von Makoto Tanijiri in Japan
Mit Hang zur Höhe
Wohnhaus auf kleiner Fläche in Unterfranken von ToB.Studio
Spotlight im Rekordtempo
Beleuchtungssanierung an Oberhausens Musicalbühne
Natur macht Schule
Grüner Schulhof in Berlin von Bacher Landschaftsarchitekten
Pleats please!
Das W House in London von Bureau de Change
Bio-Bau am Seeufer
Haus A/Z am Ammersee von Arnold / Werner Architekten
Naturpanorama in Costa Rica
Wohnhaus von Formafatal mitten im Dschungel
Minimalismus am Waldrand
Der Bungalow U7A von KANANI verbindet Architektur und Natur
Ein-Euro-Haus
Modernisierung eines baufälligen Stadthauses in Sizilien von Studio Didea
Ein Haus für perfekte Gastgeber
Küchenanbau von Studio McW in London
Beton, Farbe und Licht
Wohnsiedlung Rötiboden von Buchner Bründler Architekten am Zürichsee
Goldener Schnitt
Einfamilienhaus von Raúl Sánchez Architects bei Barcelona
Der Flur als Bühne
Wohnungsumbau in Mailand von Kick.Office
Höhenflug in Madrid
Burr Studio verwandelt Gewerbefläche in eine loftartige Wohnung
Camouflage im Eichkamp
Berliner Familienresidenz von Atelier ST
Temporär und zirkulär
Hochschulcampus der SfG BB in der Schweiz mit Kreislaufmobiliar von Vitra
Vertikal, vernetzt, und verantwortungsvoll
Hochhausensemble FOUR in Frankfurt von UNStudio
Mid-Century im Stadthaus
Renovierung und Erweiterung eines Hauses in Barcelona
Lieblingsplatz mit Tiefgang
Lepel & Lepel bauen eine Büroetage im Duisburger H2 Office um
Kreativer Resonanzraum
Plattform und Treffpunkt für Gestaltende in Zagreb