Over the Top
Im höchsten Gebäude Kasachstans schaffte das Berliner Designstudio Coordination eine atemberaubende Wohnsituation.
Es gibt viele Möglichkeiten, dem Himmel ein Stückchen näher zu rücken, den Boden zu verlassen und den beeindruckenden Blick von weit oben aufs Ganze zu gewinnen. Im Fall des Ritz Apartments vermittelt eine Privatwohnung genau dieses Gefühl – sie ragt sowohl vertikal als auch horizontal, innen wie außen geradezu grenzenlos in die Wolken hinein. Für die Ausstattung des Interieurs wurde das Berliner Designstudio Coordination beauftragt und dabei mit viel Freiraum und Budget ausgerüstet.
Wir Westeuropäer wissen nicht gerade viel über Kasachstan, außer vielleicht, dass das Land hauptsächlich vom Export seiner reichhaltigen Erdölvorkommen lebt. Was noch? Es ist groß, ziemlich groß, das neuntgrößte Land der Erde, seit 1991 unabhängig und seither eines der erfolgreichsten Länder hinsichtlich seiner wirtschaftlichen Transformation nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die Menschenrechtslage allerdings ist nach wie vor problematisch, das Verhältnis zwischen Arm und Reich extrem unausgewogen. Sein Finanzzentrum ist die Stadt Almaty, gelegen in der gleichnamigen an Kirgistan und China grenzenden Region. Auch das höchste Gebäude Kasachstans steht hier: der markante Esentai Tower, in dem Büros, Wohnungen und ein Luxushotel auf den oberen Etagen untergebracht sind.
Entspannung vom Alltag
Sehr weit oben liegt hier das Ritz Apartment, das nach dem Ausbau durch Coordination für seine Bewohner zum persönlichen Refugium für Entspannung und Reflexion geworden ist – umgeben von einer gläsernern Fassade, ausgestattet mit ausgewählten und individuell angefertigten Einrichtungsgegenständen sowie einer kleinen Sammlung zeitgenössischer Kunst. Der Blick nach draußen schweift über die Stadt und zu den angrenzenden Ausläufern des Tian-Shan-Gebirges.
Fließende Übergänge
Der L-förmige Grundriss war ursprünglich auf drei Zimmer ausgelegt, wurde aber durch den Umbau in eine Art One-Bed-Apartment mit fließenden Übergängen verwandelt. Klar getrennt wird dabei trotz aller Loftigkeit zwischen dem öffentlichen Bereich und einer rein privaten Zone. Metaphorisch nehmen die Gestalter dabei den Rhythmus der Natur auf und schaffen in den verschieden Räumen individuelle Atmosphären oder lassen Unebenheiten walten, indem bestimmte Ebenen geneigt, gegeneinander verschoben, überhöht oder abgesenkt sind.
Edel auf Dreiecken
Durch einen dunklen Korridor gelangt man zunächst in einen strahlend hellen Wohnbereich. Zur Linken liegt der offene Küchen- und Essbereich – mit einer Einbauzeile, die dynamisch über Eck verläuft und ganz aus Ebenholz gefertigt wurde. Die Arbeitsplatte besteht wie die Platte des großen Esstisches aus edlem, braunem Emperador-Marmor. Optisch geschlossen wird die Fläche von einer Fenstersitzbank aus ebendieser Materialität. Leuchte, Tisch und Stühle wurden von Coordination speziell für das Projekt entwickelt.
Am Boden sorgen dreieckige Travertinplatten für eine ungewöhnliche Geometrie im Raum, die obendrein durch ebenso dreieckige, grasgrüne Deckenplatten in einer Ecke der Küche reflektiert wird. Neben dem Balkonaustritt wurde in einer winzigen Nische, an der sich die Fassade ein Stück nach außen neigt, eine winzige Hausbar mit grandiosem Ausblick eingerichtet. Die Pendelleuchte im Fenster ist ein Unikat.
Sitzkreis auf Quellwasserblau
Am gegenüberliegenden Ende des Raumes befindet sich der Wohnraum, in dessen Zentrum eine Landschaft aus maßgefertigten Sitzelementen im Kreis platziert worden ist. Auch der Teppich an dieser Stelle wurde eigens für das Projekt entworfen. Die Inspiration für seine Farbe lieferte eine Wasserquelle, deren Türkistöne sich auch im raumteilenden Glasregal und einem gefalteten Deckenelement wiederfindet, das als Lüftungsdiffusor dient.
Wie ein Trichter führt im Hintergrund ein orange-leuchtender Durchgang mit Tür in den Schlafbereich. Durch die perspektivische Verjüngung wirkt dieser Teil der Wohnung weit entfernt und wird dadurch etwas stärker abgeschottet. Betritt man den Raum, funkeln einem hochglanzpolierte Stahlpaneele entgegen, die mit einer subtilen Wolkengrafik versehen wurden. Wiederum spiegeln sich in ihnen wolkenartige LED-Animationen, welcher hinter den gegenüberliegenden, sandgestrahlten Spiegelpaneelen abgespielt werden. Gedacht ist der Bereich als Ankleideraum. Hinter den Paneelen befindet sich zur einen Seite der Kleiderschrank, mit einer Struktur, Schubfächern und Regalböden aus Eschenholz und teils versehen mit patinierten Bronze-Ablagen. Man könnte meinen, man befinde sich in der noblen Boutique.
Mehr ist mehr
Mehr geht nicht? Das Schlafzimmer: beim Einschlafen die Stadt zu Füßen, beim Erwachen die Berggipfel am Horizont. Sanfte Grüntöne beruhigen bei all den Impressionen, während verspiegelte Wände den Ausblick fast ins Unendliche dehnen. Und auch hier sorgen Dreiecke für dynamische Geometrie, sowohl am Boden als auch als Tagesdecke. Ihr stabiles Raster wirkt dem beginnenden Gefühl entgegen, so langsam die Bodenhaftung zu verlieren, wobei der Schminktisch an der Wand tatsächlich bereits zu frei schweben scheint.
Erdung naht im Bad
Etwas irdischer fühlt es sich hingegen im Badezimmer an, wo sich dunkle Töne mit Spiegelflächen vermischen. Und nochmals kommen dreieckige Bodenfliesen zum Einsatz. Doch diesmal bestehen diese, wie auch die raumhohem Wandplatten, aus vertikal strukturierter Glaskeramik. Zur Geltung kommen davor das freistehende Marmorwaschbecken oder Details wie die bronzenen Wandhaken. Glastüren mit gesandstrahltem Verlauf wahren die offene Struktur zwischen den Räumen. Die Offenheit nach außen wird darüber hinaus auf die Spitze getrieben: geduscht werden kann am besten zu zweit unter der Doppeldusche und dank Glas-Duschwand selbstverständlich ungehindert mit Panoramablick.
Doch das Schönste an all dem atemberaubenden Zauber dürfte es sein, doch wieder unten anzukommen – wenn das Kribbeln des Höhenrausches sich beruhigt, zu erkennen, Teil einer empfindlichen Spezies zu sein, die fast alles, aber nicht die Imposanz der Natur zu überwältigen weiß.
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FOTOGRAFIE Dirk Dähmlow
Dirk Dähmlow
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