Projekte

Raum für Revolutionen

Flexibles Wohnen in San Sebastián von Ismael Medina Manzano

Bett, Schrank, Schreibtisch. Ist ein Grundriss groß genug für dieses Inventar, gilt er als Zimmer. Ismael Medina Manzano fordert eine Abkehr von Normen – und Grundrisse, die flexibel genug sind, um aus einem Raum mehrere Zimmer zu machen.

von Tanja Pabelick, 12.03.2025

Mit den Reformen des „Stabilisierungsplans“ verfolgte Franco 1959 die Strategie, die spanische Wirtschaft zu modernisieren und hatte Erfolg. In den Sechzigerjahren erlebte das Land das „Desarrollismo“, das spanische Wirtschaftswunder. Die Industrie florierte, die Städte wuchsen und der Wohnraum wurde knapp. Die Regierung förderte deshalb den Bau günstiger, standardisierter Wohnungen, die vor allem möglichst viele Menschen auf möglichst kleiner Fläche unterbringen sollten. Der spanische Designer, Architekt und Forscher Ismael Medina Manzano greift in seinem Projekt The Unplanned Domestic Prototype diese starre Wohnstruktur aus der Geschichte seines Landes auf und macht sie zum praktischen Schauplatz eines kritischen Experiments. 

Räumchen, öffne dich
Ein Großteil der spanischen Wohnungen der Sechzigerjahre orientiert sich strikt am klassischen Kernfamilienmodell. Der Grundriss ist in viele kleine, geschlossene Räume für Erwachsene und Kinder unterteilt; Küche, Wohn- und Esszimmer sind voneinander getrennt. Manzano sieht die Notwendigkeit, die alten Strukturen im wortwörtlichen Sinne aufzubrechen und an die vielfältigen Lebensmodelle des 21. Jahrhunderts anzupassen. Statt eines unflexiblen Wohngerüsts, das das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner reglementiert, will Manzano „die Vielfalt der sozialen Beziehungen und ortstypischen Lebensweisen feiern“.  Sein Konzept, bei dem sich der Raum physisch und konzeptionell umformen und erweitern lassen soll, liest sich wie ein Übertrag: So wie das Leben und sein Kontext sich ständig dynamisch verändern, ist auch der Raum, in dem dieses Leben stattfindet, fließend und flexibel. 

Umarmende Geste
Das 80 Quadratmeter große Apartment, das Manzano generalüberholt hat, liegt in San Sebastián, einer pittoresken Küstenstadt hundert Kilometer östlich von Bilbao im Baskenland. Die wichtigste ästhetische Geste des neuen Interieurs ist eine geschwungene Wand, die den Flur vom Wohnzimmer trennt. Die konkaven Rundungen, die an eine Umarmung erinnern, weisen in den Raum; der zentrale Durchgang wird von auskragenden Platten aus lokalem Sandstein eingefasst. In die beiden rückwärtigen, durch ihre Asymmetrie herausfordernden Räume integrierte Manzano zwei Garderoben- und Abstellräume sowie ein azurblaues Minibad. Gerade einmal anderthalb Quadratmeter nimmt das kleine Örtchen ein. Wem das zu eng wird, der kann auf das ebenfalls azurblaue Masterbad ausweichen, das sich an den Flur anschließt und immerhin 3,2 Quadratmeter misst.

Epizentrum Wohn-Ess-Küche
Großzügige Wellness-Suiten spielen in der Wohnvision des Architekten offenbar keine große Rolle, wohl aber die Küche als sozialer Mittelpunkt. In einem tangentialen Übergang schließt ein Küchenblock an die geschwungene Wand an, setzt sich aber durch einen Materialwechsel ab. Die grasgrünen Reliefkacheln der halben Rotunde stehen im Kontrast zu einem vollverspiegelten Modul, das um die zentrale Arbeitsfläche von Schränken, Vorratskammern, Haushaltsgeräten und Schubladen eingerahmt wird. Flächenbündig werden sie zu einer homogenen Fläche, die den gesamten Wohnraum reflektiert. 

Bei den übrigen Möbeln legte Manzano vor allem Wert auf größtmögliche Flexibilität – unter Berücksichtigung nachhaltiger Strategien. Viele Materialien stammen von Handwerks- und Fachbetrieben aus der unmittelbaren Umgebung und wurden durch Wiederverwendung vor der Entsorgung bewahrt. Dazu gehören Baumwurzeln aus der benachbarten Schreinerei, recycelter Stahl aus einer nahegelegenen Metallwerkstatt, wiederverwertete Granitplatten und Stühle aus gebrauchten Aluminiumrohren.

MuFu und Patchwork
Bewusst wurden keine harmonischen Möbelfamilien oder Funktionskonvolute ausgewählt. Das Mobiliar soll die Nutzenden dazu einladen, individuell und situativ aufzulesen, was benötigt wird. Ein zentrales Stück ist ein rollbarer und höhenverstellbarer Scherentisch, der auf Kniehöhe als Couchtisch, auf Hüfthöhe als Esstisch und auf höchster Stufe als Küchenwerkbank eingesetzt wird. Stühle, Leuchten, Werkzeug – was weiterhin gebraucht wird, wird aus den mobilen Ressourcen des Raumes zusammengesammelt. Das Apartment wird zum Labor und das Wohnen zum Experiment, was Manzano auch durch seine fotografische Dokumentation augenzwinkernd kommentiert. Indem er alle Möbel wie bei einem Umzug kreuz und quer übereinanderstapelt, löst Manzano funktionale Zusammenhänge auf und gibt alles zur Neuinterpretation frei. Oder wie es Nietzsche treffend formulierte: „Aus dem Chaos entsteht Ordnung.“ 

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Entwurf

Ismael Medina Manzano

www.ismaelmedinamanzano.com

Mehr Projekte

Spuren im Bestand

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Mehr Raum als Quadratmeter

Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid

Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid

Salbeigrün in Florenz

Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin

Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin

Hierarchie in Blockfarben

Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti

Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti

Das Erbe des Freibeuters

Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez

Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez

Klangfarben des Wohnens

Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov

Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov

Alles in Butter

Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb

Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb

Wohnen im Werden

Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky

Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky

Sensibel, aber kompromisslos

Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach

Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach

Hinter die Fassade geschaut

Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne

Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne

Fort im Forst

Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo

Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo

Räume ohne Raster

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Wohnen in der Beletage

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Grauzone mit Aussicht

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Generationswechsel im Siedlungshaus

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

Transluzenter Blockbau

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Skulpturaler Unterschlupf

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Helix aus Stahl

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Glutroter Kokon

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Beton und Behaglichkeit

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

Urbaner Lückenfüller

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Fifty Shades of Marble

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Haus der Gegensätze

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Holz in Bewegung

Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett

Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett

Brücke zum Meer

Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada

Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada

Ziegel im Zentrum

Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten

Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten

Zwischen Erhalt und Erneuerung

Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés

Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés

Licht im Laub

Wohnhaus mit Anbau von ConForm in London

Wohnhaus mit Anbau von ConForm in London

Renaissance auf Mallorca

Umbau eines historischen Stadtpalais von Nøra Studio

Umbau eines historischen Stadtpalais von Nøra Studio

Zeitlos in Valencia

Balzar Arquitectos gestalten eine Altbauwohnung mit Wabi-Sabi-Ästhetik

Balzar Arquitectos gestalten eine Altbauwohnung mit Wabi-Sabi-Ästhetik