Rundlauf im Wackelbild
Paris zwischen Zeiten: Architekt Federico Masotto bringt einen zeitgemäßen Kern in ein altes Apartment.
Im Pariser Bastille-Viertel verstand es Federico Masotto, einen respektvollen Eingriff vorzunehmen – um eine typische 3-Zimmer-Altbauwohnung in ein zeitgemäßes Apartment zu verwandeln. Im obersten Stockwerk, über den Straßen der Stadt, entstand ein Rundlauf, dessen Errungenschaft im Wechsel zwischen Neukonstruktion und den belassenen Strukturen liegt.
Wer eine Wohnung im Pariser Zentrum sein Eigen nennen kann, darf sich nicht nur der Lage wegen und angesichts der stetig steigenden Immobilienpreise glücklich schätzen. Auch der Charme der Häuser, den man – innen wie außen – so nur von der Île-de-France kennt, lässt so manchen Nicht-Pariser schwärmen: „Ach, hätte man doch nur ein paar Quadratmeter jenes sündhaft teuren Wohntraumes.“ Dass altes Mauerwerk nicht gleich antiquierte Einrichtungsstile bedeuten muss, zeigen immer wieder raffinierte Umbauten. Während Pariser Fassaden dabei dankenswerterweise in historisch einheitlichen Sandsteintönen belassen werden, geht es im Inneren gerne moderner zu.
Alte Schale, neuer Kern
So auch bei dem von Federico Masotto realisierten Wohnungsumbau im siebten Stockwerk eines Altbaus im Bastille-Viertel nahe der Métro-Station Ledru-Rollin. Knapp 95.000 Euro standen für die Renovierung zur Verfügung. Der gebürtige Italiener und in Paris lebende Architekt weiß, wie man das Budget so einsetzt, dass das Ergebnis zwar hochwertig, aber nicht protzig erscheint. Auf 65 Quadratmetern entstand ein Single-Apartment, das wie ein Wackelbild zwischen Alt und Neu hin und her zu kippen scheint. Des Architekten Hauptaufgabe war es, der Wohnung einen neuen Kern aus Badezimmer und Küche zu verpassen – die Vergangenheit dabei aber zu respektieren.
Paris zwischen Zeiten
Betritt man den Flur, fallen gleich zwei Dinge ins Auge: die profilierte, in mattem Hellgrau lackierte Vertäfelung der Wände bis auf Hüfthöhe, und eine dunkelblaue Box, die sich über mehrere Kanten in den Gang hineinwölbt und den Blick zur dahinterliegenden Küche versperrt. Durch eine schlanke Schiebetür gelangt man hier in das Badezimmer, das sogleich ins kleinteilige Muster verfällt. Verschiedenfarbige, weiße, graue, graublaue bis himmel- und dunkelblaue Fliesen formen einen Verlauf vom helleren Zentrum in die dunkleren Ecken. So wirkt der winzige Raum ein wenig gestreckt – reflektiert wird er außerdem von großflächig eingesetzten, maßgefertigten Spiegelschränken. Nur ein kleines Fenster bringt Tageslicht vom Nebenraum in die Nasszelle. Als Waschbecken und für die Dusche kommen Produkte von Bette zum Einsatz.
Deutlich großzügiger gestaltet sich hingegen die Küche, die sich ohne Türen an den Flur anschließt. Weiße Schrankoberflächen kontrastieren mit den warmblauen Wänden des besagten Volumens. Cremeweiße und blaue Regalfächer lockern den Gesamteindruck ebenso auf wie der mit Terrazzoplatten in zwei unterschiedlichen Tönen belegte Boden. Auch die Arbeitsplatte aus robustem Corian strahlt in Weiß – auf der Edelstahlspüle prangt eine Armatur des italienischen Herstellers Stella, aus dessen Serie Box auch die Badezimmer-Mischer stammen.
Spiegel, Stuck und Stege
Ein Raum weiter wird gewohnt und gegessen. An einer Wand hebt sich ein alter weiß-grauer Marmorkamin vor der weißen Wand ab, über dem ein großer Spiegel den Raumeindruck vergrößert. Sein verzierter Rahmen ist in einem Grauton gestrichen, in den auch die gesamte, mit Stuck verzierte Decke getaucht wurde. Im zweiten Zimmer wird man überwältigt: nicht nur vom zweiten, diesmal roten Marmorkamin, sondern auch von der Fensterfront. Kein Blick gelangt nach draußen, wohl aber viel Licht ins Innere. Feine Stege zeichnen Streifen, Flächen und Muster wie Früchte auf das einwandfrei erhaltene Bleiglas. Auch in diesem Raum sorgt Stuck für Eleganz und ein Spiegel für scheinbare Raumerweiterung. Und wie im gesamten Wohnbereich knarrt auch hier der gealterte Parkettfußboden leise unter den Füßen.
Einmal im Kreis herum, denn alle Zimmer sind durch Türen miteinander verbunden, gelangt man wieder in den Flur. Verborgen im hinteren Eck befindet sich schließlich das Schlafzimmer des Bauherrn. Und hier ergibt sich der Schluss dieses fantastischen Kippbildes: Das Projekt Ledru-Rollin ist die zeitgemäße Interpretation einer urpariser Eleganz. Es ist das Maximum, das man aus solch einer – aufgrund der hohen Immobilienpreise – kleinen Wohnung herausholen kann.
FOTOGRAFIE Alfredo Piola
Alfredo Piola
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