Schwebend im Chor
Stabwerk und Gewölbe: die Verwandlung einer Klosterkapelle in einen Veranstaltungsort.
Über 70 Jahre lang verfiel eine Klosterkapelle im spanischen Brihuega zur Ruine. Nach Plänen des Madrider Architekten Adam Bresnik wurde der Bau nun von privater Hand rekonstruiert: als flexibler, multifunktionaler Veranstaltungsraum mitten in der historischen Stadt.
Die Nonnen hatten es wirklich nicht leicht. Immer wieder geriet ihr Kloster Jerónimas de San Ildefonso in Brihuega zwischen die Fronten. Mit seinen hohen, aufragenden Stadtmauern glich der 3000-Seelen-Ort im Nordosten von Madrid einer Festung. Könige und Bischöfe fanden hier Unterschlupf, und die königliche Tuchfabrik produzierte ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Ort. Mittendrin: das Klostergebäude aus dem 16. Jahrhundert, das während des Spanischen Bürgerkrieges 1937 schwer beschädigt wurde.
Als die Nonnen nach dem Ende der Gefechte zurückkehrten, fanden sie ihre Kloster zerstört und völlig ausgeplündert. Allein die Fassade der Kapelle hatte die schweren Angriffe überlebt. Trotz eines spartanischen Wiederaufbaus wurde das Kloster 1969 geschlossen und die Nonnen in die benachbarte Provinzhauptstadt Guadalajara entsandt. Seitdem verfiel der Bau, 2006 stand er zum Verkauf. Den Zuschlag erhielt der spanische Unternehmer Fernando González, der die Kapelle ab 2007 zu dem Veranstaltungszentrum ausbauen ließ, das in Brihuega bisher gefehlt hatte.
Zurück ins Gedächtnis
Knapp sechs Jahre nahmen die Umbaumaßnahmen in Anspruch, die vom Madrider Architekt Adam Bresnik geleitet wurden. Sein Konzept basiert auf zwei Schritten. Zum einen wurden die zerstörten Mauern rekonstruiert und damit die äußere Kubatur der Kapelle wiederhergestellt. Anstatt das Neue durch ein neutrales Füllmaterial zu betonen, wurden die Lücken mit demselben Stein geschlossen, der bis heute dem Ort durch die erhaltenen Stadtmauern eine materielle Identität verleiht. Im Inneren wurde dagegen ein neuer Baukörper implantiert, der den Boden der 200 Quadratmeter großen Kapelle nicht berührt.
Wie ein schwebender Quader ragt der eingeschossige Raum von Westen herein und bietet einen 35 Quadratmeter großen Innenraum mit einer Deckenhöhe von vier Metern. Die drei Seiten sind von einem vertikalen Stabwerk aus Holz umschlossen, das als sichere Begrenzung dient und einen intimen Raumeindruck erzeugt. Dennoch ist das Raster der Kiefernstäbe weit genug gesetzt, um die umgebenden, historischen Mauern und den tiefer gelegenen Innenraum nicht zu verbergen. Im Gegenteil: Durch Höhe und Zugang sind die beiden Räume zwar voneinander getrennt, auf visuelle und akustische Weise jedoch miteinander verbunden. Wenn die Kiefernstäbe an der Frontseite des Quaders wie Fensterläden zur Seite geklappt werden, wird die Interaktion zwischen beiden Ebenen intensiviert.
Die Bändigung des Klangs
Der zweite Raum des Veranstaltungszentrums befindet sich direkt auf dem Dach des schwebenden Quaders und ist mit einer Fläche von 85 Quadratmetern deutlich weitläufiger bemessen als sein tiefer gelegenes Pendant. Auch der Raumeindruck wandelt sich völlig. Weder Pfeiler noch Stabwerk verstellen den Blick durch den gesamten Kapellenraum. Das Geländer wird von von den aufragenden Kiefernstäben der darunter liegenden Etage gebildet. Darüber wölbt sich eine mit Kiefernleisten verkleidete Decke, die den Innenraum thermisch isoliert, den Schall schluckt und zugleich als Brandschutz für die darüber liegenden Stahlträger dient.
Um das Budget von knapp 900.000 Euro nicht zu überschreiten, wurde auf eine exakte Rekonstruktion der früheren Kreuzgewölbe im Seitenschiff verzichtet. Lediglich die 18 Meter hohe Kuppel entstand neu in den exakten Dimensionen ihres Vorgängerbau, während für das übrige Dach eine ökonomischere Lösung gewählt wurde. Um dennoch die Spuren der Vergangenheit nicht auszulöschen, zeichnen aus Gips gefertigte Wandverkleidungen die Konturen des früheren Gewölbes nach und sind wie der gesamte Innenraum der früheren Kapelle in mattem Weiß gehalten.
Diskrete Funktionalität
Im früheren Chorraum wurde ein weiterer dreigeschossiger Baukörper eingefügt, über den auch der Zugang zum Quader erfolgt. Um den Charme der einstigen Kapelle nicht zu zerstören, durchmisst eine weiße Wand die gesamte Höhe des Gebäudes und verbirgt die dahinter liegenden Funktionen. Neben einem Treppenaufgang, Toiletten, Küchen- und Lagerräumen wurde ein großzügig bemessener Aufzug installiert. Dieser sorgt für einen behindertengerechten Zugang zu allen Ebenen und erlaubt den Transport von Utensilien für Hochzeitsfeiern bis hin zu Sportgeräten für Fitnesskurse.
Adam Bresnik ist damit nicht nur eine überzeugende Umnutzung gelungen. Er hat das zerstörte Gebäude wieder vervollständigt und im selben Atemzug seziert. Die drei Veranstaltungsräume bilden trotz ihrer Unterschiedlichkeit eine stimmige Einheit: Sie bieten nicht nur Platz für einen Vielzahl an Aktivitäten. Sie erlauben es auch, die frühere Kapelle aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus zu erfahren – ein Umstand, der den Nonnen sicher gefallen hätte.
FOTOGRAFIE Eugeni Pons
Eugeni Pons
Projektarchitekt
Adam Bresnik Arquitecto
Projekt
Capilla de Brihuega
Mehr Projekte
Eine eigene Welt
Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly
Ungleiche Zwillinge
Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London
Glamping in Japan
Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier
Haus der Gegensätze
Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald