Projekte

Spieglein, Spieglein

In diesem japanischen Friseursalon hängen keine Spiegel an der Wand, und es geht auch nicht darum, wer am schönsten ist.

von Clara Blasius, 18.12.2018

In diesem japanischen Friseursalon hängen keine Spiegel an der Wand, und es geht auch nicht darum, wer am schönsten ist. Zuletzt diente dieses Gebäude in der Nähe des Hauptbahnhofs in Kyoto einer Autofirma als Showroom. Im zweiten Stock hat der Friseursalon FLUX jetzt eine neue Filiale eröffnet. Von der vorherigen Nutzung zeugen noch die deckenhohe gebogene Fensterfront an der Südseite und die Dachterrasse mit Auto-Aufzug im Norden.

FLUX leitet sich vom lateinischen Wort „fluxus“ (dt.: Fluss) ab. Die Architekten von SIDES CORE unter der Leitung von Sohei Arao, haben den Namen wörtlich genommen und in ein Entwurfskonzept übersetzt. Sie wollten einen offenen Raum gestalten, durch den Licht und Luft frei strömen können.

Fast alle, ob in Deutschland oder Japan, besuchen mehr oder weniger regelmäßig einen Friseursalon. Oft kommen diese von üblichen Stilen und Ordnungen jedoch nicht los, zu vordefiniert scheint die Organisation des Raumes, zu vorgegeben die Funktion der Elemente. Tatsächlich kann man sich keinen Friseursalon ohne, beispielsweise, einen Spiegel denken, dem Element, das dessen Funktion wie kaum ein anderes definiert und nach außen hin manifestiert. Die Spiegel wurden hier aus den Fängen der üblichen Frontalansicht und Wandbefestigung befreit und in eine höhere Sphäre gerückt. Sie sind die Herzstücke des Salons: mittig platziert, hängend und allseitig spiegelnd. Durch Position und Form gewinnen sie einen fast skulpturalen Charakter.

Die Spiegel sollten mehr als nur die Ansicht eines Kunden reflektieren und den Eindruck des Raumes optisch nicht unterbrechen, zeigen ihn also stattdessen als Ganzes. Sie werden dadurch mehr zu Objekten, als sich über ihre Funktion zu definieren. Denn tatsächlich: Trotz der zentralen Aufhängung der Spiegel scheint es, als würde der Raum weitergehen oder zusammenfließen. Auf den Außenseiten der gewinkelten Spiegel gibt es je zwei Plätze für Kunden, auf den Innenseiten je einen. Die Höhe der großen Spiegel sowie anderer struktureller Elemente ist auf 1,5 Meter begrenzt, um den Fluss des natürlichen Lichts und die Sichtachsen nicht Stören. Auch das Personal behält dadurch die Übersicht über die gesamte Fläche des Raumes.

Bewegt man sich tiefer in den fast 150 Quadratmeter großen Salon, trifft man auf verschiedene Perspektiven und Situationen. Der flexibel nutzbare Eingangsbereich strahlt in seiner Materialität und auch formal Schwere aus. Der Mittelteil, durch den kastenförmigen Waschraum räumlich organisiert, erscheint eher praktisch. Die außen gelegenen Frisierplätze wirken offen und leicht. Mit dieser Sequenz nehmen die Architekten ein lokales Element in ihren Entwurf auf: Charakteristisch für die Architektur in Kyoto ist, wie sie räumliche Tiefen nutzt. Die urbanen Gebäude treten oft mit einer schmalen Straßenansicht auf und erstrecken sich dann in die Tiefe.

Insgesamt ist der Salon modern und, ja, minimalistisch gestaltet. Graue Böden und Wände bilden einen neutralen Rahmen. Die offengelegte Decke und von Beton dominierte Materialität sowie dunkle Fensterrahmen erzeugen eine industrielle, aber ruhige Atmosphäre, die dann von weißen fließenden Vorhängen und der Helligkeit, sowohl natürlichen Lichts als auch des schlichten, konsequenten Beleuchtungssystems, ergänzt und abgedämpft wird. Für die reduzierte Ausstattung wurde keine übliche Friseureinrichtung, sondern klassisches Mobiliar gewählt, wie zum Beispiel der CH20 Elbow Chair von Hans J. Wegner und Piña Sessel von Jaime Hayon für Magis.

Man kann sich die Ruhe gut vorstellen. Der mancherorts so typische Smalltalk bleibt hier sicher aus, vielleicht hört man sogar die Haare zu Boden fallen. Eine Oase mitten in der lebendigen Stadt.

Im FLUX ist Frisieren Fertigkeit, Handwerk, nicht Dienstleistung, Kommerz oder bloßes Sprungbrett für die Eitelkeit der Kunden. Die Vision des Inhabers und der gewählte Name lassen einen, auch ohne bewusste Referenz, dann doch noch an die Fluxusbewegung denken: eine starke Idee. Dann konsequent umgesetzt.

Links

Projektarchitekten

Sohei Arao von SIDES CORE

Fotograf

Takumi Ota

FLUX

Friseursalon in Kyoto / 148,5 Quadratmeter / 2017

Mehr Projekte

Bad mit Autobahncharme

Minimalistischer Umbau eines Apartments von DIALECT in Antwerpen

Treppe wird Raum

Umbau eines Reihenhauses in London von Fraher & Findlay

Akzente im Bad

Reduziertes Gestaltungsprinzip mit farbigen Armaturen von Vola

Waschen als Kinderspiel

Berliner Kita mit klaren Farben und Duschwannen von Bette

Zeigt her Eure Bäder

Badobjekte von Bette als zentrales Element in Rothenburger Boutique-Hotel

Baden in Barcelona

Raúl Sanchez plant eine Wohnung mit dem Badezimmer als Zentrum

Wiedergeburt einer Ikone

Poul Henningsens einstige Villa in Kopenhagen

Bad mit Bowie

Zähne putzen mit Ziggy Stardust: Einfamilienhaus in Dublin.

Finnische Wüstensauna

Finnische Tradition in der Wüste: Sauna im Black Rock Desert in Nevada.

Abstrakte Raum-in-Raumlösung

In der Casa Duende Duratex von Nildo José bildet eine kompakte Funktionsbox den Mittelpunkt.

Techno und Terrazzo

So lässig wie eine Bar: Zahnarztpraxis für Ästheten.

Swimming Wonderland

Märchenhafte Bade- und Sportoase: der Loong Swim Club in Suzhou des Shanghaier Studios X+Living.

Monsieur Etienne: Loft in Paris

Fließende Raumstrukturen: Apartment von Atelier du Pont.

Modernes Badehaus

Hommage an die chinesische Badekultur: Boutique-Hotel von Neri & Hu.

Poesie im Quadrat

Ein Wohnzimmer mit Badestelle von i29 in Vinkeveen

Balanceakt aus Beton

Drei Gästehäuser von Mork-Ulnes im Norden Kaliforniens

Mit Farben lernen

Lënster Lycée von G+P Muller architectes

Spaziergang mit Schildkröte

Das Luxushotel Tortue in Hamburg

Tête-á-tête mit Baumkronen

The Fontany von Störmer, Murphy and Partners in Hamburg

Have a nice trip

Karim Rashids Designwelt in einem St. Pauli-Hotel

Relax Underground

Diskret und bizarr: Lenka Míková hat ein Prager Kellergewölbe in ein mysteriöses Love Hotel verwandelt.

Poetisches Raster: Wohnhaus in Australien

Ein Haus aus drei Teilen, für Bewohner und Gast.

Leben auf allen Ebenen

Ein Wohnexperiment von Tato Architects

Kupfertupfer

Frederic Kielemoes gestaltet minimalistisches Interior in Gent

Schaumbad über den Dächern

Das InterContinental Ljubljana vom Münchner Büro Wrightassociates

Schaufenster in den Wald

Tiny House in New York von Bjarke Ingels

Berg, Bond und Beton: Alpine Spa in Bürgenstock

Der Anbau des exklusiven Schweizer Bürgenstock Resorts ist eine minimalistische Gebäudeskulptur, die den Bezug zur Landschaft sucht.

Viele Fliesen: Miniloft in Vilnius

Das Bad ist das neue Schlafzimmer: Die Architekten von YCL Studio nehmen es mit diesem Umbau wörtlich.

Alle guten Dinge

Apartmentumbau von Miriam Barrio in Barcelona

Cliffhanger am Fluss: Wochenendhaus in Japan

17 Meter oberhalb des Flusses: Dieses Wochenendhaus basiert auf einer beeindruckenden Betonkonstruktion.