Projekte

Buntes Versteck

Ein Hausumbau von i29 in Amsterdam

Das Architektur- und Designstudio i29 hat in Amsterdam ein in die Jahre gekommenes Grachtenhaus transformiert. Das Ergebnis ist ein helles, lichtdurchflutetes Zuhause, dem der Sprung aus dem 17. Jahrhundert in die Gegenwart gelingt. Für Orientierung sorgt ein gekonnter Griff in die Farbkiste. Unerwartete Entdeckungen gehören auch mit dazu.

von Norman Kietzmann, 15.02.2022

Zwischen Prinsengracht und Keizersgracht liegt der Stadtplatz Amstelveld – eine erste Adresse im Zentrum von Amsterdam. Nur wenige Schritte entfernt, schlummerte über viele Jahrzehnte ein vernachlässigtes Stadthaus. Der 1675 errichtete Bau verfiel zunehmend, bis er einen kritischen Zustand erreichte. Der Sanierungsprozess dauerte fast zweieinhalb Jahre. Erst sicherte ein Team aus Restaurateur*innen und Denkmalschützer*innen die historische Substanz. Dann hauchten die Innenarchitekt*innen von Studio i29 dem dreigeschossigen Bau neues Leben ein. Auch wenn die meisten Wände und Decken ganz in weiss gehalten sind: Es sind die farblichen Interventionen, die Orientierung im Haus versprechen und den Räumen eine unverwechselbare Ausprägung geben.

Graue Passage
Vom Bürgersteig führen drei Stufen zum erhöhten Eingangsbereich des Hauses. Über einen Windfang gelangt man in einen schmalen Empfangsbereich mit einer Sitzbank unter dem Fenster. Wer mag, kann auf einem hellgrauen Exemplar des Holzstuhls 404 F Platz nehmen, den Stefan Diez für Thonet gestaltet hat. Ein mittelgrau gestrichener Treppenabgang – keine anderthalb Meter tief – mündet in einem Esszimmer, an das sich in einer offenen Nische die Küche anschließt. Bodentiefe Schiebefenster führen zu einem begrünten Innenhof.

Dunkelgrüne Tarnung
Die maßgefertigte, hölzerne Küchenzeile geht nahtlos in einen langen Esstisch über. Dieser wurde mit sechs Roundish-Holzstühlen kombiniert, entworfen von Naoto Fukasawa für den japanischen Möbelhersteller Maruni. Küche, Tisch und Stühle sind ebenso aus Eichenholz gefertigt wie ein Schneidebrett sowie die Regalpaneele an der Längswand des Esszimmers. Über dem Esstisch hängt in dreifacher Ausführung die weiße Pendelleuchte Gregg von Foscarini, gestaltet von Roberto und Ludovica Palomba. Hinter der Küche, verborgen mithilfe von zwei opaken, dunkelgrün gefärbten Glasscheiben, befinden sich ein kompakter WC-Raum sowie ein kleines Gästeschlafzimmer.

Beige Auszeit
Vom Eingangsbereich des Hauses führt eine hellgraue Metallwendeltreppe in das erste Obergeschoss. Dort wartet das Wohnzimmer mit historischem Dielenboden sowie einem in hellgrauem Naturstein ausgeführten Kamin auf. Über der Feuerstelle ist ein Spiegel in die stuckverzierte Wand eingelassen. Die zum Treppenhaus ausgerichtete Wandfläche ist mit einem beigefarbenen Stoff bespannt, der eine schallschluckende Wirkung entfacht. Gegenüber öffnen sich zwei Fenster zum baumbewachsenen Innenhof.

Blaues Geheimnis
Unter dem kleineren Fenster wurde eine Regalwand eingebaut, die zugleich als „Geheimtür“ zu einem, blauen Schlafzimmer dient. Vor dem höheren Fenster wurde ein Möbel mit Showeffekt platziert: Der von Rune Krøjgaard und Knut Bendik Humlevik gestaltete Sessel Mammoth Fluffy mit Eichenholz-Gestell, produziert von Norr11. Bei der Beleuchtung setzte das Team von i29 erneut auf die Pendelleuchte Gregg, die im Wohnzimmer in vierfacher Ausführung in verschiedenen Höhen hängen und als Ensemble einen puristischen Lüster bilden.

Grüne Theatralik
Zurück im Treppenhaus, führen die spiralförmig angeordneten Stufen zum Arbeitszimmer hinauf, das sich mit zwei Fenstern zur Kanalseite öffnet. Der grüne Schreibtisch wächst aus der Wand heraus, die wie der Boden, die Decke und die gegenüberliegende Wand in der exakten Breite des Schreibtisches ebenfalls grün gestrichen ist. Das Ergebnis ist ein farbiges Band, das sich entlang der Raumgrenzen erstreckt und die schnöde Funktion dieses Ortes auf eine theatralische Bühne hebt.

Weißes Schlummern
Im zweiten Obergeschoss ist zur Hofseite das ganz in Weiß gehaltene Schlafzimmer der Hausbewohner*innen untergebracht. Grifflose Einbauschränke nehmen Kleidung, Schuhe und Accessoires auf. Die Decke zum Dachstuhl wurde entfernt, sodass sich der Raum in doppelter Höhe präsentiert und durch das Licht des Giebelfensters zusätzlich erhellt wird. Die Wände im Korridor sind verspiegelt. Dahinter wurden die Toilette sowie die Dusche untergebracht.

In dem zum Kanal ausgerichteten Zimmer ziehen eine freistehende Badewanne sowie ein freistehendes Waschbecken die Blicke auf sich. Beide wurden von der Firma Schneider Interieurbouw maßgefertigt und lassen mit ihren Stahl-umschlungenen Daubenschalen aus Eichenholz an historische Regentonnen oder Weinfässer denken. Auch im Bad sind die Rückwände verspiegelt. Die Planer*innen von i29 beweisen ein treffsicheres Gespür für den Ort, indem sie Spionglas zum Einsatz bringen: Wer in der Dusche steht, kann – selbst ungesehen – an Waschbecken und Wanne vorbei durch zwei große Fenster auf die Grachten blicken. Mehr Zuhause-Feeling kann in Amsterdam wohl kaum gelingen.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Projektinfos
Projekt Canal House
Typologie Privates Wohnhaus
Ort Amsterdam, Niederlande
Interieur i29
Größe 115 Quadratmeter
Restaurateure Kodde
Möbel Sessel Mammoth Fluffy von Rune Krøjgaard und Knut Bendik Humlevik für Norr11
Pendelleuchte Gregg von R.+L. Palomba für Foscarini
Lichtschalter LS 990 von Jung
Armatur Fusion Square von Quooker
Wanne und Waschbecken Schneider Interieurbouw
Links

Entwurf

i29

www.i29.nl

Mehr Projekte

Moderne Badkultur

Das Royal in Bad Füssing wird von Zeilberger + Hartl Architekten umgebaut

Das Royal in Bad Füssing wird von Zeilberger + Hartl Architekten umgebaut

Trigonale Interventionen

Altbausanierung in Porto mit modernen Ecken von Paulo Moreira

Altbausanierung in Porto mit modernen Ecken von Paulo Moreira

Unikate aus Titan-Stahl

Bette stattet die Bäder im Hotel Wilmina aus

Bette stattet die Bäder im Hotel Wilmina aus

Radikales Raffinement

Studio-Apartment von minuit architectes in Paris

Studio-Apartment von minuit architectes in Paris

Schutzraum wird zum Wohnraum

Transformation eines Hochbunkers in Hamburg von Björn Liese

Transformation eines Hochbunkers in Hamburg von Björn Liese

Ganzheitliche Genesung

Krankenhausneubau von tsj-architekten in Niedersachsen

Krankenhausneubau von tsj-architekten in Niedersachsen

Maritime Farbwelten

Neugestaltung der Bäder im 25hours Hotel Hamburg HafenCity von Stephen Williams Associates

Neugestaltung der Bäder im 25hours Hotel Hamburg HafenCity von Stephen Williams Associates

Besondere Böden

Fünf Projekte mit ungewöhnlicher Bodengestaltung

Fünf Projekte mit ungewöhnlicher Bodengestaltung

Moderne Behaglichkeit

Ausgestaltung einer Villa im Großraum Frankfurt von Andrea Busch Inneneinrichtung

Ausgestaltung einer Villa im Großraum Frankfurt von Andrea Busch Inneneinrichtung

Heilende Räume

Umbau einer Reha-Einrichtung in Polen

Umbau einer Reha-Einrichtung in Polen

Fenster zum Bad

Ein 10.000-Euro-Umbau von TAKK in Barcelona

Ein 10.000-Euro-Umbau von TAKK in Barcelona

Baden in Beton

Ehemaliges Lagerhaus in Athen wird zum Penthouse

Ehemaliges Lagerhaus in Athen wird zum Penthouse

Ausweitung der Komfortzone

Wohnanlage für Studierende in Bielefeld von Stopfel Architekten

Wohnanlage für Studierende in Bielefeld von Stopfel Architekten

Mit Scarpa baden

Ludwig Godefroy gestaltet das Hotel Casa TO in Oaxaca

Ludwig Godefroy gestaltet das Hotel Casa TO in Oaxaca

Gestaffeltes Wohnhaus

Umbau einer kleinen Genter Stadtvilla von Graux & Baeyens Architecten

Umbau einer kleinen Genter Stadtvilla von Graux & Baeyens Architecten

Explosion der Farben

Der Frankfurter Nachtclub Fortuna Irgendwo

Der Frankfurter Nachtclub Fortuna Irgendwo

Mediterrane Moderne

Zweizimmerwohnung in Barcelona von Szymon Keller

Zweizimmerwohnung in Barcelona von Szymon Keller

Durchbruch zur Natur

Hotel Sou von Suppose Design Office auf der japanischen Insel Fukue

Hotel Sou von Suppose Design Office auf der japanischen Insel Fukue

Reflektierte Flusslandschaft

Neugestaltung der Sanitärräume auf der Münchner Praterinsel

Neugestaltung der Sanitärräume auf der Münchner Praterinsel

Schwereloses Schwimmbecken

HAL Architects bringen einen Londoner Pool zum Schweben

HAL Architects bringen einen Londoner Pool zum Schweben

Palais Oppenheim in Köln

Moderner Villenumbau von Renner Hainke Wirth Zirn Architekten

Moderner Villenumbau von Renner Hainke Wirth Zirn Architekten

Rein in Stein

Die schönsten Natursteinbäder

Die schönsten Natursteinbäder

Showroom-Szenarien

Der neue Laufen Space in Berlin von Konstantin Grcic

Der neue Laufen Space in Berlin von Konstantin Grcic

Patina mit Twist

Luxussanierung einer Jugendstilvilla von Jan Leithäuser in Frankfurt

Luxussanierung einer Jugendstilvilla von Jan Leithäuser in Frankfurt

Tempel der Elemente

Jodschwefelbad von Matteo Thun in Bad Wiessee

Jodschwefelbad von Matteo Thun in Bad Wiessee

Galant in Bogenhausen

Ein zeitreisender Villenumbau von Arnold / Werner Architekten

Ein zeitreisender Villenumbau von Arnold / Werner Architekten

Bäder im Charme der Siebziger

Mit Bette auf Zeitreise im Standard Hotel London

Mit Bette auf Zeitreise im Standard Hotel London

Vom Unort zum Ort

Wie öffentliche Toiletten mit neuen Qualitäten punkten

Wie öffentliche Toiletten mit neuen Qualitäten punkten

Kuratiertes Interior

Erstes Stilwerk-Hotel in Hamburg

Erstes Stilwerk-Hotel in Hamburg

Gebrochene Schönheit

Beauty-Salon von balbek bureau in Kiew

Beauty-Salon von balbek bureau in Kiew