Menschen

Stefan Diez

Über die Globalisierung, sympathische Zukunftsvisionen und Sabbaticals

von Adeline Seidel, 20.04.2020

Wir haben genug über das Homeoffice gesprochen. Sprechen wir also lieber über die Zukunft. Über die Zukunft des Produktdesigns, was sich nach den aktuellen Geschehnissen verändern könnte – und woran wir systematisch scheitern. Ein Interview mit Stefan Diez.

Wie in diesen Zeiten üblich, sprechen wir per Videokonferenz. Die Verbindung ist mäßig, die Stimmung entspannt. Stefan Diez sitzt mit Businessjogger in seinem Münchner Studio. In zwei Metern Umkreis befinden sich Stifte und Skizzenpapier, Telefon und Laptop. Und ein großer Stapel Bücher neben einer Hängematte, die auf Bearbeitung warten. Ja, der Alltag und die Zusammenarbeit habe sich in den letzten Wochen verändert, wie sollte es auch anders sein? Schließlich lebt das Diez Office von kurzen Wegen im Büro und der Hands-on-Zusammenarbeit an Projekten. Modelle bauen, Varianten begutachten, Ideen-Ping-Pong spielen – all das ist in Zeiten von social distancing und #stayathome schwieriger. „Aber die digitalen Verabredungen sind bewusster. Und das kommt mir sehr entgegen. Mir ist es immer schwergefallen, Disziplin durchzusetzen, zum Beispiel nicht immer angesprochen zu werden, wenn man im Büro ist. Und deswegen werden für mich die kommenden Wochen sehr viel konzentrierter ablaufen wird“, freut sich Stefan Diez. Er habe in diesem Jahr sowieso ein Sabbatical geplant, erklärt der Designer, allerdings erst im Sommer. Wegen der Coronakrise habe er es einfach vorverlegt. So weit, so gut.

Welche Erkenntnisse ziehst Du aus der aktuellen Situation für Dich und Dein Tun? Ich bin, nicht erst seit Corona, der Meinung, dass die Globalisierung – nachdem ich früher ein enthusiastischer Befürworter war – alles andere, aber ganz sicher keine gute Idee ist! Die Kollateralschäden sind einfach zu gewaltig. Daher würde ich gerne dazu beitragen, die Regeln der Globalisierung neu zu denken. Dabei geht es mir um den globalen, moralischen Kontext, der ja noch gar nicht wirklich existiert. Schließlich verhindern nationale Egoismen vernünftige Lösungen. Ich bin dabei nicht grundsätzlich gegen das Reisen und gegen die Zusammenarbeit mit den entlegensten Firmen. Aber man sollte es sich sehr gut überlegen, ob dieser Aufwand immer gerechtfertigt ist.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx beschreibt in seiner Kolumne „Die Welt nach Corona“, welche positiven gesellschaftlichen Veränderungen möglich wären. Welche Veränderungen und Chancen böten sich für die Branchen rund um das Produktdesign, wenn Du eine sehr positivistische Perspektive einnimmst? Das permanente Gefühl, etwas zu verpassen, charakterisiert unsere Stimmung und den Markt. Die Globalisierung gibt der jungen Generation – viel stärker als unserer Generation – das Gefühl, dass sie permanent ersetzbar ist. Lässt man eine Gelegenheit aus, steht ganz bestimmt ein Anderer parat, der diese für sich nutzt. Wenn man nicht in der Lage ist „nein“ zu sagen, auf einen Job zu verzichten, weil man entweder glaubt, dass einen dann die Konkurrenz überholt oder man morgen keinen Job hat, dann befeuert dies das kurzfristige Denken. Wir aber brauchen das Gegenteil! Und in meiner idealen Post-Corona-Welt nutzen wir die positiven Effekte der Vernetzung: Viele Menschen arbeiten gemeinsam an einer Idee, um Produkte zu schaffen, die sich möglichst lange „aufladen“. Die durch einen intellektuellen Input wachsen und besser werden, an Faszination und an Komplexität gewinnen. Und ja, vielleicht brauchen diese Produkte dann vier, fünf Jahre – aber sie sind dann tatsächlich ausgereift, sinnvoll und das Beste ihrer selbst.

Aber ansonsten bleibt alles wie es war? Sehr positiv ist Deine Perspektive nicht gerade… Das System, in dem wir uns befinden, wird sich nicht verändern, wenn die Corona-Maßnahmen vorbei sind.  Auch wenn wir alle über mögliche Verbesserungen und Veränderungen nachdenken. Ja, vielleicht werden wir weniger und bewusster konsumieren. Und verstärkt darauf achten, wo produziert wird und wie nachhaltig das Produkt ist. Darüber hinaus werden sich vielleicht auch neue Abläufe, Präsentationsarten, Produktionsketten etablieren – mehr aber auch nicht. Denn nur politische Maßnahmen können das System verändern. Zum Beispiel durch die Einführung einer CO2-Steuer. Das würde sich nachhaltig auf Transportwege, Produktionsarten, Materialverarbeitung und -verbrauch auswirken. Und so den Markt für klassische Konsumgüter auf den Kopf stellen – und unseren Umgang mit diesen Gütern.

Wie stark bestimmt der Herstellungsprozess Deine Entwürfe? Wir arbeiten zum Beispiel gerade mit Hay an einem Projekt aus recyceltem Aluminium und planen, die Produktion nach Island zu verlegen. Denn dort kann man per Wasserkraft den Werkstoff aufarbeiten und das Produkt produzieren. Die Globalisierung kann auch dazu führen, dass man die Dinge dort herstellt, wo sie aus Sicht der Umwelt den kleinsten negativen Effekt haben. Da kann dann der Transportweg von Island nach Dänemark mehr Sinn machen, anstatt das Aluminium in China oder in der Türkei zu pressen. Aber nur wenn alle Länder eine CO2-Steuer einführen, werden wir ein neues Wertesystem und ein neues Handeln für die Zukunft schaffen. Und hier ist das Problem: Wenn nicht alle mitmachen, macht es keiner, weil es zunächst zu einem wirtschaftlichen Nachteil führt.

Mit anderen Worten: Alles bleibt wie immer. Der Designer ist ein einfaches Rädchen im Getriebe der Neuheiten-Produktion. Ist das nicht unbefriedigend? Als Designer können wir zumindest Beispiele zeigen, wie man es machen könnte. Wie mit Hay sprechen wir auch mit Magis über eine nachhaltige Produktgestaltung. Das Sofasystem Costume ist so konzipiert, dass es sich in seine Komponenten zerlegen lässt. Wir haben 80 bis 90 Prozent des Schaumstoffs eingespart, der Kunststoffkern ist aus recyceltem Material. Und das Design ist so angelegt, dass es auf verschiedene, sich verändernde Wohnsituationen angepasst werden kann. Bei Projektstart wird der Kern aus aufgearbeitetem Industrieabfall bestehen. Im Laufe des Jahres werden wir uns an recycelten Kunststoff wagen, um dann im besten Falle mit lokalen Recyclingbetrieben in Italien zusammenzuarbeiten. Im Augenblick sind wir also noch in der Phase, einfach gute Beispiele zu entwickeln. So. Du wolltest doch eine positive, eine sympathische Vision auf die Zukunft werfen. (lacht)

Hast Du eine Art „Nachhaltigkeits-Wertekatalog“, mit dem Deine Entwürfe auf ihre Daseinsberechtigung hin geprüft werden? Wir haben eine Checkliste. Die ist auch kein Geheimnis, das erklären wir bei jedem Entwurf. Wichtig ist in unserer Branche die Kommunikation. Damit meine ich nicht das Marketing, sondern die Erklärung, warum ein Entwurf gut ist. Denn Aspekte der Nachhaltigkeit sind nicht an Oberfläche und Form erkennbar.

Kannst Du ein Beispiel aus Eurer Checkliste nennen? Der Lebenszyklus eines Produktes muss verlängert werden können, indem man es auch warten kann. Wie bei Ayno für Midgard. Ich kann jedes Teil der Leuchte separat bestellen und ohne Werkzeug austauschen!

Bei Ikea kenn ich mittlerweile auch Ersatzteile bekommen… Das Problem bei Ikea ist ein anderes: Ikea ist so billig, dass man nicht darüber nachdenkt, ob man das Produkt tatsächlich braucht. Manchmal ist die Qualität nämlich gar nicht schlecht – auch hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs ist Ikea oft besser als die Konkurrenz. Das hilft aber alles nichts, wenn man zu viel kauft und dann immer noch genügend Geld für einen Urlaub auf den Malediven übrig hat. Es geht ja am Ende schlicht auch um Verzicht. Also um eine Entscheidung für etwas und gegen etwas anderes. Genau das aber versucht man uns abzunehmen.

Zurück zu Deinem Sabbatical. Als rastloser Geist wirst Du Dich nicht nur mit Büchern vergnügen. Woran arbeitest Du gerade? „Postproduction“ ist ein Arbeitstitel. Dabei wird ein Produkt, das bereits industriell für den Markt gefertigt wird, ein zweites Mal auf sein Veränderungspotenzial geprüft. (Stefan Diez steht auf und hält den Stuhl, auf dem er sitzt, hoch). Zum Beispiel hier der Chassis für Wilkhahn. Er stammt aus einer ersten Serie aus dem Jahr 2013. Hier zum Beispiel (Diez zeigt auf die Sitzfläche) habe ich das Gestell mit Hirschleder bezogen Ich verwende die rohen Gestelle und arbeite mit ausgefalleneren, experimentelleren Oberflächen und teureren, wertvolleren Materialen. Es geht darum, das Beste aus beiden Welten zu verbinden: die der industriellen Fertigung mit dem Innovationspotential und die des Handwerks, wo limitierte Ressourcen mit handwerklichem Geschick verarbeitet werden können. Die Industrie ist nun mal auf eine Standardisierung angewiesen, was viele Materialien und Verfahren ausschließt. Das Handwerk hat wenig innovatives Potential, weil es weitgehend auf generischen Prozessen basiert. Die Kombination beider macht aus meiner Sicht viel Sinn. Vor allem wenn man alternative Vertriebswege mitdenkt. Da tut sich ja gerade sehr viel. ich will mich mit den eigenen Ideen länger beschäftigen. E15 hat den Houdini nach zehn Jahren überarbeitet, Thonet den 404. Aber viele Firmen machen lieber etwas Neues, anstelle sich mit guten alten Ideen zu beschäftigen. Ich sehe für mich eine Möglichkeit, das anders zu machen und dabei doch spannend zu bleiben.

Damit hast Du die von Dir gewünschten vier, fünf Jahre „Bearbeitungszeit“, die Du für ein Produkt gerne hättest. Ja! Die industrielle Produktion gewährleistet nicht nur das günstige Produkt, sondern vor allem auch die Garantie dafür, dass man sich lange mit einem Produkt beschäftigen kann.

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