Projekte

Terrasse und Terrazzo

Farbenfroher Neustart für ein australisches Wohnhaus von Wowowa

Was in Europa der Altbau ist, ist in Australien die „Federation Architecture“. Das Melbourner Architekturbüro Wowowa hat mit dem „Hermon House“ eines der von vielen dekorativen Details geprägten Wohnhäuser im Stadtteil Hawthorn modernisiert und sich dabei von seinen geschichtlichen Zeugnissen zur farblich ausgelassenen Intervention inspirieren lassen.

von Tanja Pabelick, 11.10.2023

1901 wurden die australischen Kolonien zur Föderation. Wenn heute auf die Ära um den Jahrhundertwechsel verwiesen wird, dann unter dem Namen „Federation Era“. Die Architektur der Zeit von 1890 bis 1915 – Federation Architecture – war durch das Vereinigte Königreich beeinflusst, durch dessen Arts and Crafts-Bewegung, die Edwardianische Architektur oder den Queen Anne-Stil. In dem sechs Kilometer nördlich vom Melbourner Stadtzentrum gelegenen Stadtteil Hawthorn stehen einige der an kleine Schlösschen erinnernden Backsteinbauten, mit den so typischen, weitläufigen Veranden, dekorativen Holzelementen und großen Gärten. Anders als bei den Häusern des Stilpaten England fand und findet in Australien ein Großteil des Lebens im Freien statt. Entsprechend wird das Wohnen mit einem Fokus auf die Outdoor-Bereiche geplant.

Rettung eines Wohndenkmals
Das Melbourner Architekturbüro Wowowa erhielt den Auftrag, ein besonders schönes Exemplar dieser alten Häuser in Hawthorn zu modernisieren und neu einzurichten. Und war erst einmal überrascht: „Das Haus stand nicht unter Denkmalschutz, es hätte leicht abgerissen werden können“, erzählen die Planer*innen. Aber die neuen Bewohner*innen wollten die Geschichte konservieren. „Damit verkörpert dieses Projekt den Gedanken, dass die Bauherren lediglich Hüter sind und die Beiträge der vergangenen Jahrzehnte gewürdigt und gefeiert werden müssen.“ Das Haus wurde bereits einmal renoviert – in den Neunzigerjahren. Für die neuerlichen baulichen Eingriffe stellten Gestalter*innen und Besitzer*innen die Regel auf: Verändert werden darf nur, was bereits verändert wurde, und historische Elemente werden nicht nur behalten, sondern mit viel Respekt erhalten.

Der australische Garten als Wohnraum
Die neuen Bewohner*innen sind eine Familie, die das Team von Wowowa aufgrund ihrer Gastfreundschaft als „philanthropisch“ beschreibt. Um eine Bühne für die gesellige Lebensweise zu schaffen, wurde im Erdgeschoss ein großer, offener Raum gestaltet, der sich in den Garten erweitert. Für eine sichere Statik sorgen Säulen und schirmartige Wandelemente, die die Grenze zwischen Innen- und Außenbereich unter den organisch fließenden Formen zur Zwischenzone machen. Mit ihrem wellenförmigen Profil beziehen sie sich außerdem thematisch auf den seitlich an der Grundstücksgrenze liegenden Pool, der bereits angelegt war und lediglich neu gefliest wurde. Die wandhohen Schiebetüren zur Terrasse lassen sich komplett öffnen, während semitransparente Vorhänge die Sonne abhalten und die Outdoor-Küche aus Edelstahl bei Gartenpartys für kurze Wege sorgt. Wichtigstes Feature ist natürlich ein Grill, denn was wäre ein australischer Garten ohne ein „Aussie Barbie“.

Mut zur Farbe
Das avantgardistische, geometrische und durchaus farbenfrohe Interior macht die wichtigste Farbe des baulichen Bestands zum Protagonisten. Der Boden und einige Möbel und Einbauten sind ebenso terrakottafarben wie die Ziegel der Fassade. Der Rest des Mobiliars verhält sich dazu entweder farblich abgestimmt oder als Kontrast. Zentrum des Gemeinschaftsraumes ist der Kamin, der auf einer massiven Terrazzo-Bank ruht und die Funktionsbereiche des Raumes zoniert. Die Küche mit Insel, Sitzlandschaft und Esstisch liegen darum herum und fließen ineinander. „Es geht darum, zur gleichen Zeit allein und beieinander zu sein“, erläutern die Architekt*innen. Die Bewohner*innen und Besucher*innen, Erwachsene und Kinder, können sich individuellen Tätigkeiten widmen – manche kochen, andere spielen oder lesen liest - und alle haben sich dennoch im Blick.

The „Good Room“
Von der Wohnküche als sozialem Epizentrum geht es durch einen bogenförmigen Durchgang mit aufwendigen Kapitellen in den privateren Teil des Erdgeschosses. Dort hat die Familie insgesamt fünf Räume für den individuellen Rückzug: ein Studierzimmer, ein Büro, einen Fitnessraum, ein Esszimmer und den sogenannten „Guten Raum“, dessen Funktion sich vielleicht mit der „Guten Stube“ übersetzen lässt und eine Hommage an britische Traditionen ist. Bis in die Sechzigerjahre hinein verfügten viele Mittelstandshaushalte im Com­mon­wealth über einen sogenannten „Good Room“. Das gute Zimmer wurde mit dem besten Mobiliar ausgestattet, das ganze Jahr über repräsentabel und sauber gehalten und diente als Empfangsraum für Gäste oder Lese- und Loungeareal für die Bewohner*innen.

Aufzug in die Privatgemächer
Das Obergeschoss beherbergt die vier Schlafzimmer des Hauses und die privaten Bäder. Hinauf geht es über die Treppe oder den hinter einem Vorhang verborgenen Aufzug. Als farbliche und ästhetische Inspiration für die Einrichtung dienten Wowowa die historischen Buntglasfenster an der Eingangstür. Ihre Farben – Lila, Blau und Grün – wurden zu den farblichen Universen der Badezimmer. Der frühere Dachboden ist vom Flur der ersten Etage aus erreichbar und führt über eine von einem Netz umschlossene Metalltreppe in ein Spielzimmer. Das Konzept von Wowowa für das Hermon House ist von viel Mut für Farbe und Material bestimmt – ohne den Kontext zu vergessen. Viele Nachbar*innen in den Edwardianisch geprägten Vierteln gehen mit dem architektonischen Erbe so um, dass sie ihre An- und Umbauten der Geschichte unterordnen, indem sie diese nostalgisch nachahmen, was so gut wie nie überzeugend gelingt. Das Hermon House respektiert das Erbe, findet aber eine zeitgenössische Sprache, die der Vergangenheit eine Brücke ins Jetzt baut.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Entwurf

Wowowa

www.wowowa.com.au

Mehr Projekte

Den Haager Kulturtransfer

Viel Osten im Westen von Bloot Architectuur

Viel Osten im Westen von Bloot Architectuur

Klimafreundliche Stadtoase

Reinterpretation des mediterranen Hofhauses bei Barcelona

Reinterpretation des mediterranen Hofhauses bei Barcelona

Architektenlabor

Jean Vervilles Wohnstudio in Quebec

Jean Vervilles Wohnstudio in Quebec

Zwischen Azulejos und Moderne

Umbau eines Stadthauses in Porto von Droste Architekten

Umbau eines Stadthauses in Porto von Droste Architekten

3D Tetris in historischer Hülle

Mini-Studios für Studierende in Lissabon

Mini-Studios für Studierende in Lissabon

Wohnen auf dem Wasser

Yachtserie Seadeck von Matteo Thun für Azimut 

Yachtserie Seadeck von Matteo Thun für Azimut 

Mediterrane Patio-Wohnung

Barrierefreier Umbau in Valencia von GON Architects

Barrierefreier Umbau in Valencia von GON Architects

Ein Haus, zwei Charaktere

Minimalistischer Holzanbau von Tom Robertson Architects in Australien

Minimalistischer Holzanbau von Tom Robertson Architects in Australien

Wandelbarer Lückenfüller

Urbanes Einfamilienhaus in Kirchheim unter Teck von mehr* architekten

Urbanes Einfamilienhaus in Kirchheim unter Teck von mehr* architekten

Umbau mit Bedacht

Renovierung eines denkmalgeschützten Architektenhauses bei Antwerpen

Renovierung eines denkmalgeschützten Architektenhauses bei Antwerpen

Nahtlos eingefügt

DG Arquitecto gestaltet elegante Eichenholzeinbauten in Valencia

DG Arquitecto gestaltet elegante Eichenholzeinbauten in Valencia

Japanisch-ukrainische Fusion

Wohnhaus im Nadelwaldgarten bei Kiew von Shovk

Wohnhaus im Nadelwaldgarten bei Kiew von Shovk

Organische Transformation

Umbau eines Apartments in der Architekturikone Torres Blancas von Studio.Noju

Umbau eines Apartments in der Architekturikone Torres Blancas von Studio.Noju

Ein nacktes Haus

Wohnhaus in Granollers von Harquitectes

Wohnhaus in Granollers von Harquitectes

Alles auf Farbe

Wohnungsumbau in Almaty von Sdelaemremont

Wohnungsumbau in Almaty von Sdelaemremont

Landlust im Plattenbau

Unkonventionelles Fe­ri­en­haus Palais Brut in Müncheberg

Unkonventionelles Fe­ri­en­haus Palais Brut in Müncheberg

Geflieste Übergänge

Ferienhaus bei Passau mit harmonischer Boden- und Wandgestaltung

Ferienhaus bei Passau mit harmonischer Boden- und Wandgestaltung

Form follows nature

Wohnhaus im Einklang mit der Natur von mwworks

Wohnhaus im Einklang mit der Natur von mwworks

Paradis in Ostende

Kuratiertes Kunst- und Designapartment

Kuratiertes Kunst- und Designapartment

Fenster zum Hof

Ferienhaus Casa los Tigres in Mexiko von César Béjar Studio

Ferienhaus Casa los Tigres in Mexiko von César Béjar Studio

Memphis im Realismus

Ein musterekstatisches Apartment von Mistovia in Warschau

Ein musterekstatisches Apartment von Mistovia in Warschau

Planung mit Hindernissen

Wohnhaus von Atelier Local in Portugal

Wohnhaus von Atelier Local in Portugal

Ressourcenschonende Spinnerei

In Kolbermoor wird ein Industrieareal zum neuen Stadtquartier

In Kolbermoor wird ein Industrieareal zum neuen Stadtquartier

Opulenz und Reduktion

Sensibler Umbau der Casa Alesan in Barcelona von Bach Arquitectes

Sensibler Umbau der Casa Alesan in Barcelona von Bach Arquitectes

Goldgerahmte Schatztruhe

Kompakte Raum-in-Raum-Lösung von AMAA im Veneto

Kompakte Raum-in-Raum-Lösung von AMAA im Veneto

Trigonale Interventionen

Altbausanierung in Porto mit modernen Ecken von Paulo Moreira

Altbausanierung in Porto mit modernen Ecken von Paulo Moreira

Projekt mit Perspektive

Ausbau einer Scheune im Burgund von minuit architectes

Ausbau einer Scheune im Burgund von minuit architectes

Ode ans Dekor

Casa 087 in Lissabon von Fala Atelier

Casa 087 in Lissabon von Fala Atelier

Wüsten-Moderne

The Landing House im Joshua Tree Nationalpark

The Landing House im Joshua Tree Nationalpark

Neue Perspektiven

Das Buena Vista House von Jasmit Singh Rangr in Kalifornien

Das Buena Vista House von Jasmit Singh Rangr in Kalifornien