Projekte

The Great Scandinavian Dream

(Un-)typisch norwegische Hütte von Mork-Ulnes Architects

Eine Hütte oder ein Sommerhaus sind in Skandinavien nicht so exklusiv, wie es vielleicht klingt, sondern recht üblich, und das auch schon seit Langem. Die Mylla Hytta ist zwar eine von vielen, aber gewöhnlich ist sie nicht. Sie erzählt eine exemplarische Geschichte vom Ankommen, Anpassen und Aneignen.

von Clara Blasius, 30.05.2018

Nicht weit von der Stadt und mittendrin in der wunderschönen norwegischen Natur, die nur darauf wartet, aktiv genutzt oder passiv genossen zu werden. Hier, in der waldreichen Region Nordmarka, bloß eine Stunde nördlich von Oslo und doch irgendwie abgelegen, haben Mork-Ulnes Architects einer vierköpfigen Familie eine kleine Hütte gebaut. Die amerikanischen Bauherren sind vor acht Jahren nach Norwegen ausgewandert und haben schnell an der Lebensweise Gefallen gefunden. Dass dieses Projekt die Hüttentypologie gewissermaßen neu definiert, lässt sich durch die offene Herangehensweise der Architekten erklären. Sie betreiben Büros in Oslo und San Francisco, nutzen diesen geweiteten Horizont gekonnt und verbinden amerikanische Mentalität mit skandinavischem Erbe. Die Bauherren haben sich auf die innovativen Ideen ver- und eingelassen.

Während sich klassische norwegische Hütten mehr um die Natur als um sich selbst drehen, gelingt es der Mylla Hytta, beide Aspekte zu vereinen. Sie nimmt sich weit mehr heraus als die funktionalen Häuschen, ist großzügiger gestaltet, erlaubt sich umzudenken, ohne exzentrisch oder eben dysfunktional zu werden. Die Hütte thront auf einer Anhöhe, als wäre sie, so wie sie ist, dort hingeflogen und so gelandet. Die Architektur versucht nicht, mit der Umgebung zu konkurrieren, hält sich aber auch nicht zurück.

Bereits das Dach weicht vom gängigen Satteldach ab. Das Volumen wurde geteilt und so abgewinkelt, dass vier Flügel mit steil abfallenden Dächern um eine Mitte rotieren. Diese an ein Windrad erinnernde Geste hat zwei Konsequenzen. Zum einen ergeben sich von den Zimmern aus verschiedene Aussichten auf die Landschaft, die von großen Fenstern umrandet werden: auf den namensgebenden Mylla-See, auf Berge, Wald und Himmel – hier darf die Natur die Hauptrolle spielen. Durch die großzügigen Öffnungen wird der Innenraum von natürlichem Licht durchflutet. Zum anderen entstehen in den Zwischenräumen wind- und wettergeschützte Terrassen, die morgens wie abends die Sonnenstrahlen einfangen. Die Geometrie des Dachs bringt außerdem den praktischen Vorteil mit sich, dass auch Schnee in die gewünschte Richtung abfällt.

Dieses Zusammenwirken zwischen innen und außen verdeutlicht, dass das Wetter ein Faktor ist, den man hier mit einrechnen muss. Auf der unbehandelten Kiefernholzfassade wird die Witterung mit der Zeit Spuren hinterlassen, das einst helle Holz wird grau werden. Die Konstruktion, ein Holzrahmenbau, orientiert sich dann doch an traditioneller Hüttenarchitektur, und auch der Innenraum ist konsequent in Holz gehalten. Spezialgefertigte, multifunktionale Einbaumöbel, Wand- und Deckenbekleidungen, Fensterrahmen und Türen sind aus mit Lauge und weißem Öl behandeltem Kiefernsperrholz. Mit dem Beton der Böden, Badezimmerwände und Küchenoberflächen stellt es eine besondere, da kontrastreiche Harmonie her.

Drei freistehende Blöcke beinhalten die wichtigsten Funktionen, auf einem davon findet sich extra Spielraum für die Kinder. Die hinter diesen Kernen liegenden Schlafplätze sind über je zwei Türen zugänglich. Stehen diese offen, nimmt man sie kaum wahr. Über ihnen sind Oberlichter installiert, um Schallübertragung zu verringern und die Einheit der Decke zu bewahren – diese ist im Inneren zwar ebenso verwinkelt, aber nie unterbrochen.

Das aus Ersatzmatratzen bestehende Sofa ist mit waldgrünem Wollfilz überzogen und gibt dem Ganzen eine menschliche Wärme. In gewisser Weise warm und einladend ist Mylla zu jeder Jahreszeit. Die Bauherren sind oft und gerne hier, mit Kind und Kegel, manchmal auch mit Gästen. Dank des Sofas, zweier Schlafzimmer und eines Schlafraums bieten die kompakten 84 Quadratmeter Platz für bis zu zehn Personen. Im 16 Quadratmeter großen Nebengebäude kommen Ausrüstung sowie eine Sauna unter. An der Seite stapelt sich Feuerholz.

Im Winter kann man Ski fahren, im Sommer radeln oder paddeln, wandern oder angeln. „Friluftsliv für meine Gedanken“, hat schon Henrik Ibsen geschrieben. Aber eben auch für das Gemeinschaftsgefühl, für das gemeinsame Raus- und Runterkommen. „Friluftsliv“, wörtlich übersetzt „Freiluftleben“, ist eben nicht nur Outdoor-Sport, sondern eine Haltung: Das Leben in und mit der Natur – auch das Wohnen – kann individuell gestaltet sein. Mithilfe der Architekten haben sich die amerikanischen Bauherren einen typisch norwegischen und doch ganz persönlichen Traum erfüllt. Sie haben ein Refugium errichtet, einen der regelmäßigen Stadtflucht gemäßen Zufluchtsort – und das so interessant gelöst, dass es Tradition und Typologie bereichert, deren Definition erweitert, ohne sie im Grunde zu hinterfragen, ohne zu provozieren. Auch weil die Familie eben nicht nur den Sommer hier verbringt. Sie sind gekommen, um zu bleiben, und haben sich in ihrer neuen Heimat ein eigenes kleines Reich erschaffen.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

Mork-Ulnes Architects

www.morkulnes.com

Fotograf

Bruce Damonte

www.brucedamonte.com

Mylla Hytta

Jevnaker Kommune, Norwegen 2015–2017 / Neubau aus Holzrahmenbau und Beton / 84 + 16 Quadratmeter

Mehr Projekte

Elektrisierende Kiste

Autarkes Ferienhaus von Leopold Banchini in Australien

Autarkes Ferienhaus von Leopold Banchini in Australien

Dschungeldomizil mit Meerblick

Exotisches Ferienhaus von em-estudio in Mexiko

Exotisches Ferienhaus von em-estudio in Mexiko

Endloser Wolkenspiegel

Wohnhaus mit In­fi­ni­ty­pool in Kolumbien von Cinco Sólidos

Wohnhaus mit In­fi­ni­ty­pool in Kolumbien von Cinco Sólidos

Eiche für die Ewigkeit

David Thulstrup gestaltet Dachgeschosswohnung in Kopenhagen

David Thulstrup gestaltet Dachgeschosswohnung in Kopenhagen

Das narzisstische Haus

Monochromer Innenausbau von Jean Verville in Montreal

Monochromer Innenausbau von Jean Verville in Montreal

Dorf unterm Dach

Penthouse von Gisbert Pöppler in Berlin

Penthouse von Gisbert Pöppler in Berlin

Dialog der Gegensätze

Umbau einer Drei-Zimmer-Wohnung in Brooklyn

Umbau einer Drei-Zimmer-Wohnung in Brooklyn

Blanker Betonrahmen

Studio Okami renoviert eine Maisonette in Antwerpen

Studio Okami renoviert eine Maisonette in Antwerpen

Roter Hang ins Grüne

Gartenanbau in Belgien von Objekt Architecten

Gartenanbau in Belgien von Objekt Architecten

Neues Leben hinter alten Mauern

Umbau einer historischen Scheune von TYPE

Umbau einer historischen Scheune von TYPE

Beton trifft Reet

Farmhaus von NORRØN im dänischen Haderslev

Farmhaus von NORRØN im dänischen Haderslev

Mediterrane Moderne

Zweizimmerwohnung in Barcelona von Szymon Keller

Zweizimmerwohnung in Barcelona von Szymon Keller

Retreat in der Mädchenschule

Umbau von Emma Martí Arquitectura auf Menorca 

Umbau von Emma Martí Arquitectura auf Menorca 

Küche als Ort der Begegnung

Erweiterung eines Wohnhauses aus den Dreißigerjahren

Erweiterung eines Wohnhauses aus den Dreißigerjahren

Schwimmendes Smart Home

Modernes Yachtdesign mit intelligenter KNX-Technik von JUNG

Modernes Yachtdesign mit intelligenter KNX-Technik von JUNG

Wohnstube im Loft

Sanierung einer Maisonettewohnung von DIIIP in Köln

Sanierung einer Maisonettewohnung von DIIIP in Köln

Zwischen Tradition und Avantgarde

Musterwohnung im Stil der Zwan­zi­ger­jah­re in Berlin von Fabian Freytag Studio

Musterwohnung im Stil der Zwan­zi­ger­jah­re in Berlin von Fabian Freytag Studio

Moderne Backsteinburg

Luftiger Ziegelbau in Vietnam von Tropical Space

Luftiger Ziegelbau in Vietnam von Tropical Space

Vom Lager zum Loft

Umnutzung einer Industriehalle von Allaround Lab in Barcelona

Umnutzung einer Industriehalle von Allaround Lab in Barcelona

Beton auf allen Ebenen

Brutalistischer Anbau von McLaren Excell in London

Brutalistischer Anbau von McLaren Excell in London

Blick in die Vergangenheit

Umbau eines Altbaus in Barcelona von Raúl Sánchez

Umbau eines Altbaus in Barcelona von Raúl Sánchez

Im Zentrum ein Garten

Umgebautes Wohnhaus von der Architektin Meirav Galan in Tel Aviv

Umgebautes Wohnhaus von der Architektin Meirav Galan in Tel Aviv

Farbe im Quadrat

Umbau einer Altbauwohnung in Sevilla von Studio NOJU

Umbau einer Altbauwohnung in Sevilla von Studio NOJU

Chalet am See

Das Atelier Leymarie Gourdon baut ein Holzhaus in Frankreich

Das Atelier Leymarie Gourdon baut ein Holzhaus in Frankreich

Skulpturaler Einbau

AACM gestaltet ein Studioapartment in Mailand

AACM gestaltet ein Studioapartment in Mailand

Im rechten Licht

Sieben Beispiele der Verschattung in der Architektur

Sieben Beispiele der Verschattung in der Architektur

Bewohnbare Veranda

Klimatisch angepasstes Haus von Arquitectura-G in Barcelona

Klimatisch angepasstes Haus von Arquitectura-G in Barcelona

Fließende Fassade

Japanisches Einfamilienhaus vom Architekturbüro KACH

Japanisches Einfamilienhaus vom Architekturbüro KACH

Konzerthaus im Garten

Mit Robotertechnik hergestellter Holzbau von Automated Architecture

Mit Robotertechnik hergestellter Holzbau von Automated Architecture

Gelenktes Licht

Londoner Wohnhaus mit Verschattungstricks von McMahon Architecture

Londoner Wohnhaus mit Verschattungstricks von McMahon Architecture