Transformation einer Ikone
Umbau einer mexikanischen Maisonette von Escobedo Soliz
Wenn ambitionierte Projekte in die Jahre kommen, gibt es nicht immer ein Happy End. Größer wird die Wahrscheinlichkeit mit der Hilfe ambitionierter Architekt*innen. In Mexiko-Stadt hat sich eine vierköpfige Familie vom Studio Escobedo Soliz in ihrer modernistischen, 55 Quadratmeter großen Maisonette ein neues Layout planen lassen. Nun leben Eltern und Kinder endlich mit Stauraum, Privatsphäre und jeder Menge Holz.
Es war ein Projekt der Superlative: 1947 gab Mexiko-Stadt ein weitläufiges, modernistisches Wohnensemble in Auftrag und beschritt damit Neuland. Der Komplex war einer der ersten Versuche des sozialen Wohnungsbaus weltweit und ergab sich aus einer akuten Notlage. Die Bauindustrie war damals (wie heute) nicht in der Lage, mit dem rasanten Bevölkerungswachstum mitzuhalten. So sah sich die Stadt in der Verantwortung, Antworten auf die Krise zu finden. Sie beauftragte – als Ergebnis eines Wettbewerbs – den mexikanischen Architekten Mario Pani mit dem Entwurf des Superblocks. Der Absolvent der École des Beaux-Arts in Paris war vertraut mit der Arbeit Le Corbusiers und orientierte sich an den städtebaulichen und architektonischen Ideen der Cité Radieuse, die Le Corbusier zeitgleich in Marseille plante.
Ein neuer Schnitt
Der Betonkomplex steht nun schon seit über sieben Jahrzehnten im angesehenen Bezirk Benito Juárez. Mit seinen Laubengängen, Ladengeschäften, Sportanlagen und Grünflächen bildet er noch immer ein lebendiges Viertel. Den Bewohner*innen der insgesamt 1.080 Einheiten stehen – je nach Lebenssituation – fünf Wohnungstypen mit Größen zwischen 48 und 76 Quadratmetern zur Verfügung, wobei Mario Pani beim Layout strukturelle Wände bewusst vermieden hat. So können die Räume immer wieder individuell geteilt und gestaltet werden. Praktisch getestet hat das zuletzt ein Ehepaar mit zwei Söhnen, das seit 15 Jahren im CUPA (Centro Urbano Presidente Aleman) genannten Komplex wohnt. Der vierköpfigen Familie mangelte es auf ihren 55 Quadratmetern an Stauraum und Privatsphäre. Sie wollte die Wohnung an ihre aktuellen Lebensumstände anpassen und bat das mexikanische Büro Escobedo Soliz um Hilfe.
Steiler Abgang
Die Wohnung verteilt sich auf zwei Ebenen. Wer sie betritt, landet in der oberen, nur 12 Quadratmeter großen Etage – und zwar direkt in der Küche. Über eine Treppe gelangt man nach unten in den Wohnbereich, der – bis zur Intervention der Architekt*innen – als offene Fläche ohne Trennwände genutzt wurde. Die Betten standen frei im Raum, Fahrräder parkten unter der Treppe und der Besitz der Familie wurde teilweise in Kartons gelagert. Das Team von Escobedo Soliz schlug deshalb vor, die vorhandenen Quadratmeter erst zu maximieren und dann neu zu konfigurieren. Die Planer*innen verkürzten die Treppe, indem sie diese steiler gestalteten und schlugen die gewonnene Fläche der Küche zu. Gleichzeitig wurde der Bereich unter der Treppe vergrößert und mit einer Couch zur Sitzecke des Wohnzimmers umfunktioniert.
Mobitektur für die Moderne
Um nun abgeschlossene Räume für die einzelnen Familienmitglieder zu schaffen, hätten die Architekt*innen Wände einziehen können. Stattdessen entschieden sie sich für den Einsatz eines großen Holzmoduls, das trennt und gleichzeitig Stauraum bietet. Sie definierten insgesamt fünf Zonen: ein größeres Elternschlafzimmer, ein kleines Kinderzimmer mit Doppelstockbett, die schlanke Fernseh-Lounge unter der Treppe sowie das Badezimmer und ein Ankleidezimmer. Das Holzelement schließt dabei nicht mit der Decke ab, sondern mit den Betonbalken, die unter der Decke zwischen Fensterfront und Treppe verlaufen. Dort haben die Architekt*innen den Putz der letzten Jahrzehnte entfernt, um die rohe Textur der ursprünglichen Betonschalung freizulegen. Die Grenze des Kinderzimmers läuft exakt entlang eines solchen Balkens, sodass dieser Raum konsequent geschlossen ist. Zwischen Fernsehraum und Schlafzimmer hingegen bleibt eine Lücke, die Licht und Luft zum fensterlosen Bereich an der Treppe lässt.
Licht aus dem Schacht
Die Lichtsituation war eine Herausforderung bei der Planung, da die Wohnung nur an einer von vier Seiten über Fenster verfügt. Damit auch in die hinteren Räume Tageslicht einfallen kann, ersetzte Escobedo Soliz die an den Lüftungsschacht grenzenden Wandflächen durch Glasbausteine. Den Rest erledigt das Farbkonzept: Das dunkle Linoleum der Vergangenheit wurde gegen einen hellen Terrazzoboden eingetauscht und die warmen Nuancen des Holzes treten in einen hellen Dialog mit dem Grau des Betons und einigen weiß getünchten Wänden. Besonders die Küche wirkt im neuen Konzept wie ein gemütlicher Kokon, der sich hinter der Treppe eingenistet hat. Die letzte Zutat für das brutalistische Tropicália-Feeling findet sich vor dem Fenster – und fehlt der originalen Wohnmaschine von Le Corbusier in Marseille: ein immergrüner Ausblick auf die mexikanische Vegetation.
FOTOGRAFIE Ariadna Polo
Ariadna Polo
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