Projekte

Turiner Tapetenwechsel

Generationsübergreifendes Wohnen von Marcante-Testa

Dass generationsübergreifendes Wohnen ziemlich cool aussehen kann, beweist dieses Projekt in Turin. Im Zentrum der piemontesischen Metropole haben die Architekten Andrea Marcante und Adelaide Testa eine Wohnung aus den Dreißigern umgebaut und ein Experiment gewagt: mit maßgeschneiderten Einbauten, Farben, Kunst und Designmöbeln. Ihre Inspiration? Die Gemälde des italienischen Malers Giorgio de Chirico.

von Claudia Simone Hoff, 19.05.2015

Die Architekten Andrea Marcante und Adelaide Testa sind spezialisiert auf die Restaurierung und die Arbeit im Bestand. So kam ihnen der Auftrag gelegen, eine 250 Quadratmeter große Wohnung in einem Gebäude aus den dreißiger Jahren in der Via Roma, ganz in der Nähe des Ägyptischen Museums, zu sanieren – für eine Familie bestehend aus Vater, Großvater und zwei Kindern. Da im Interior kaum noch Elemente aus der Entstehungszeit des Gebäudes vorhanden waren, suchten die Architekten nach gestalterischen Vorbildern. Und fanden sie in der rationalistischen Architektur Turins und der sogenannten Metaphysischen Malerei.

Frei interpretiert: die Dreißiger
Es ging den Architekten bei der Sanierung allerdings nicht um eine originale Rekonstruktion, viel eher um den Gesamteindruck, der den dreißiger Jahren nahekommen sollte. Mit Proportionen, Materialien und Farben sind sie dabei sehr frei umgegangen – wie man an der Balkenstruktur im Eingangsbereich der Wohnung sehen kann. Sie abstrahiert die Kassettendecken der Laubengänge, wie sie typisch sind für die Via Roma. Oder aber die verzerrte Perspektive der schwarz-weißen Wohnzimmerdecke aus Stuck und Tapete im Esszimmer: Hier standen die Gemälde Giorgio de Chiricos mit ihren menschenleeren Architekturprospekten von Idealstädten Pate. Geometrische Strukturen tauchen in der Wohnung übrigens allenthalben auf: an den Regalen, die als Raumtrenner fungieren, der roten, metallenen Mikroarchitektur im Schlafzimmer des Vaters oder den Einbauschränken in den Badezimmern.

In der Mitte geteilt: der Grundriss
Neben dem übergeordneten gestalterischen Thema, dem Revival of the Thirties, stand für die Architekten die Aufgabe im Vordergrund, genügend Platz und vor allem auch persönlichen Freiraum für die Bewohner zu schaffen. Die Wohnung für das ungewöhnliche Mehrgenerationenprojekt ist zweigeteilt: in einen öffentlichen Bereich mit Wohnküche und angeschlossenem Haushaltsraum, Wohn- und Esszimmer samt großzügiger Terrasse und Duschbad sowie einen privaten Bereich. Der wird erschlossen über einen separaten kleinen Flur, von dem aus man in das Kinderzimmer, einen Masterbedroom mit begehbarem Kleiderschrank und in ein weiteres Schlafzimmer gelangt

Architektenentwurf: die Badezimmer
Im privaten Trakt befinden sich auch zwei nebeneinander liegende Bäder, die wohl aus Platzgründen nicht als En-Suite-Badezimmer angelegt wurden. Neben den Badobjekten – Toilette, Bidet und Dusche – fallen vor allem die maßgefertigten Unterschränke mit Aufsatzwaschbecken ins Auge. Sie wirken in ihren Geometrien sehr architektonisch und machen mit ungewöhnlichen Farbzusammenstellungen auf sich aufmerksam. Während in dem einen Badezimmer Senfgelb, Schwarz und Weiß auf eine grüne Fliesenwand treffen, gesellt sich zur beigefarbenen Fliesenwand von Ceramica Vogue im anderen Badezimmer ein Unterschrank in Hellblau, Schwarz und Rosa – ebenfalls entworfen von Marcante und Testa. Bauschige Vorhänge, Gemälde, Pendelleuchten und Dekorationsobjekte verleihen den Badezimmern einen wohnlichen Touch.

Designer’s Stuff: Möbel & Leuchten
Gespart haben die Auftraggeber jedenfalls nicht – weder beim Umbau noch beim Interiordesign. Schon ein wenig erstaunlich, bedenkt man, dass es sich lediglich um eine Mietwohnung handelt. Hochwertige Möbel von Vitra, Zanotta und Hay treffen auf Tapeten von Cole & Son, Textilien von Kvadrat und Dedar und Leuchten von Flos, &tradition, Artemide und Gubi. Die Designstücke werden geschickt, nahezu lässig kombiniert mit Kunst und ausgesuchten Dekorationsobjekten. So entsteht ein Ensemble, das kunstvoll und dennoch behaglich wirkt. Das Schönste aber sind die Farben, die in kühlen Pastelltönen changieren und aufgefangen werden von schwarzen, grauen und weißen Akzenten.

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Marcante-Testa

Foto: Karel Balas

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