Wohnen als Gemeinschaftsmanifest
Die Geschichte der Maison Commune in Pantin von Plan Común
Die Maison Commune in Pantin nordöstlich von Paris ist ein radikaler Entwurf für gemeinschaftliches Wohnen. Der Umbau setzt auf Re-Use-Ziegel, Dachgewächshaus und durchlässige Übergänge zwischen privatem und kollektivem Raum – und will damit ein Vorbild sein für nachhaltige Architektur.
Wie kann Architektur soziale Bindungen stärken? Die Maison Commune sucht darauf eine Antwort. In einem kleinteiligen Stadtgefüge zwischen Friedhof, Wohn- und Gewerbebauten denkt der Umbau des Pariser Büros Plan Común ein ehemaliges Arbeiterwohnhaus neu. Um die Nachbarschaft nicht zu verschatten, wurde auf ein erlaubtes viertes Stockwerk verzichtet. Statt zusätzlicher privater Flächen entstand eine Sequenz kollektiver Räume, die sich vom Erdgeschoss bis auf das Dach erstrecken. Dort setzt ein Gewächshaus ein architektonisches Statement und steht als flexibel nutzbarer Gemeinschaftsraum bereit.
Radikale Einfachheit: Konstruktion und Material als Konzept
Die Tragstruktur besteht aus einem einfachen Betonskelett mit vorgefertigten Deckenplatten. Diese Reduktion auf das Wesentliche minimiert Bauaufwand und Energieeinsatz. Der Bestand erwies sich zwar als fragiler als erhofft, doch statt ihn vollständig zu ersetzen, wurde ein Teil erhalten. So blieb der Abdruck des ursprünglichen Hauses spürbar, während die neue Struktur flexible Wohnformen ermöglicht.
Das Betonskelett ist mit wiederverwendeten Ziegeln aus Belgien ausgefacht, deren Patina der unverputzten Fassade eine besondere Textur verleiht. Die Architektur greift Elemente der umgebenden Industriebauten auf, lässt Konstruktion und Materialien sichtbar und integriert den urbanen Kontext in die Gestaltung. Der weiß gestrichene Innenhof setzt einen Kontrast zur rauen Straßenansicht.
Alt und neu, roh und veredelt, transparent und opak – Dualitäten durchziehen das Projekt. Und auch ein gnadenloser Pragmatismus macht sich allerorts bemerkbar, artikuliert etwa durch den kreativen Einsatz vorgefertigter Industrieprodukte: Ein Garagentor mit Segmenttür dient als Eingang, Polycarbonat-Wellplatten umhüllen Treppenhaus und Gewächshaus, Metallspaliere dienen als Absturzsicherungen. Die Industrieprodukte helfen dabei, das knappe Budget einzuhalten, wirken aber niemals billig. Vielmehr folgen sie einer durchdachten, funktionalen Ästhetik.
Fließende Räume: Architektur, die Begegnung schafft
Die Maison Commune dekliniert verschiedene Grade von Öffentlichkeit. Das Erdgeschoss öffnet sich durch das transparente Sektionaltor direkt zur Straße und stellt eine unmittelbare Verbindung zum Stadtraum her. Selbst im geschlossenen Zustand erlauben volltransparente Polycarbonateinsätze in den Torsegmenten bodentiefe Einblicke – die Nachbarschaft bleibt stets präsent.
Das Treppenhaus ist nicht nur Erschließung, sondern ein offener Bewegungs- und Lichtraum. Seine transluzente Außenhülle lässt Licht durch das Gebäude strömen und vernebelt die Grenze zwischen Innen und Außen. Die privaten Wohneinheiten sind in dieses System eingebettet. Statt abgeschlossener Flure führen alle Türen direkt ins Wohnzimmer, bodentiefe Einsätze aus Sicherheitsglas in den Türen verstärken die räumliche Durchlässigkeit. Diese wird auf dem Dach weitergeführt, wo das Gewächshaus mit einem halboffenen Wohnkonzept wartet.
Ein Gewächshaus über der Stadt: Das Dach als neuer Gemeinschaftsraum
Das Gewächshaus auf dem Dach ist das visuelle und funktionale Zentrum des Projekts. Seine Konstruktion besteht aus einem einfachen Holzskelett mit Metallaussteifungen, die Hülle aus transluzentem Polycarbonat sorgt für eine weiche Lichtstreuung. Große Schiebetüren machen es je nach Witterung zu einem offenen oder geschützten Raum. Die Nutzung bleibt flexibel: Es dient als gemeinschaftliche Küche, Wäscheraum oder Treffpunkt für Sommerabende und Feste. Direkt vorgelagert ist eine intensiv begrünte Terrasse mit Wildkräutern und Nutzpflanzen. Grün getünchte Absturzsicherungen setzen farbige Akzente, die an brutalistische Konzepte erinnern, bei denen rohe Bausubstanz mit gezielt gesetzten Farbflächen kombiniert wurde.
Für die Maison Commune ist die Dachlandschaft wie das Salz in der Suppe: Sie ist nicht nur äußerst attraktiv und für die Wohngemeinschaft von hohem funktionellem Wert. Sie ist auch ein architektonisches Zeichen, eine Marke in der Agglomeration. Das Gewächshaus erinnert in seiner Form an das archetypische Bild eines Hauses, das über der Stadt schwebt. Tagsüber leuchtet das grüne Biotop, nachts die transluzente Gewächshaushülle von innen heraus wie eine Laterne. Von der Straße aus sichtbar, wird es zur skulpturalen Geste im Stadtraum, zur kleinen Sehnsucht, die den Wunsch nach mehr gemeinschaftlichen, grünen Rückzugsorten in der dichten Stadtlandschaft verkörpert.
Lina Bo Bardi als Vorbild: Architektur mit Haltung
Ein Vorbild für das Projekt ist die von Lina Bo Bardi geprägte Idee der „Architektur als Propaganda“. Die brasilianische Architektin verstand Architektur nicht nur als funktionale oder ästhetische Disziplin, sondern als soziales und politisches Werkzeug. Propaganda bedeutet in diesem Kontext nicht Manipulation, sondern die bewusste Sichtbarmachung gemeinschaftlicher Werte. Die Nutzung einfacher Mittel für große räumliche und soziale Wirkung war dabei genauso Teil der Philosophie Bo Bardis wie die Schaffung von Orten, die demokratisch, zugänglich und gemeinschaftlich sind.
Zukunft des Wohnens: Warum kollektive Wohnformen relevanter werden
Mit einem Budget von 950.000 Euro netto zeigt das Projekt von Plan Común, dass gemeinschaftliches Wohnen keine Luxusidee ist, sondern eine Frage präziser Raumorganisation. Die Kombination aus Standardbautechniken, recycelten Materialien und kreativen Lösungen macht es zu einem bezahlbaren und nachhaltigen Modell.
Die Frage bleibt: Ist diese Art zu wohnen übertragbar? Während die radikale Offenheit nicht für jede Wohnform praktikabel ist, setzt die Maison Commune eine klare Richtung. Mehr geteilte Flächen, weniger individuelle Quadratmeter – ein Konzept, das angesichts steigender Wohnungspreise und verdichteter Städte an Bedeutung gewinnen könnte.
FOTOGRAFIE Javier Agustin Rojas Javier Agustin Rojas
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