Projekte

Wohngefühl als Konzept

Kölner Studio Budde inszeniert europäisches Design für den chinesischen Premiummarkt

Mit einem 500 Quadratmeter großen Showroom für den Händler doz.IOIII Project(s) realisiert Studio Budde sein erstes großes Interiorprojekt in China. Statt klassischer Warenpräsentation setzt das Konzept auf räumliche Erfahrung. Zugleich steht das Projekt exemplarisch für das wachsende Interesse an europäischem Design im chinesischen Premiumsegment.

von Kathrin Spohr, 20.07.2026

Direkt am Suzhou Creek, in einem neu entwickelten Kultur- und Lifestyle-Distrikt im Zentrum Shanghais, ergänzt ein zweigeschossiger Neubau ein historisches Lagerhaus. Das Quartier vereint internationale Akteure wie Vitra, BIG – Bjarke Ingels Group, Nomos Glashütte und die Kulturinstitution Fotografiska mit Restaurants, Galerien und Designunternehmen. Ende März 2026 eröffnete dort der neue Showroom von doz.IOIII Project(s). Der Premiumhändler für europäische Designmarken wie Zanotta, Acerbis, Secolo oder Oluce beauftragte Budde mit der Gestaltung seines neuen Standorts – und gab dem jungen Studio damit die Gelegenheit, seine gestalterische Haltung erstmals auf architektonischer Ebene zu formulieren.

Zwischen Mailand und Shanghai
Der Kontakt zwischen beiden Büros entstand vor rund zwei Jahren. Damals trat doz.IOIII Project(s) an Budde heran, um die handgefertigten Betonhocker Rug’n Roll von Budde in China zu vertreiben. Nach einem ersten Treffen während des Salone del Mobile 2024 entwickelte sich eine Zusammenarbeit.

Hinter doz.IOIII Project(s) stehen drei Gründerinnen, die europäische Marken im hochwertigen Möbelsegment vertreten. Als feststand, dass das Unternehmen in ein neues Gebäude umziehen würde, wollten sie die Gelegenheit nutzen, den Möbelhandel grundsätzlich neu zu denken. Da ihnen Johannes Buddes architektonischer Hintergrund bekannt war, fragten sie das Kölner Studio, ob es sich vorstellen könne, den gesamten Store zu gestalten.

„Für uns war das natürlich eine große Chance, erstmals ein Innenarchitekturprojekt in dieser Größenordnung zu realisieren. Vermutlich hätten wir eine vergleichbare Chance als junges Studio in Deutschland nicht so schnell bekommen“, so Meike Papenfuß, Partnerin bei Budde.

Hohe Flexibilität
Die Ausgangssituation war radikal offen. Zur Verfügung stand lediglich die äußere Gebäudehülle – ohne Zwischenwände oder vorgegebene Raumstruktur. „Wir hatten eine Carte Blanche. Einzige Vorgabe: Es sollte alles so gestaltet werden, dass sich das Layout flexibel verändern lässt.“ Diesen Wunsch nach Anpassungsfähigkeit übersetzte das Studio in ein System aus Schiebewänden, modular veränderbaren Regalen und Vorhängen. So lassen sich sowohl Ausstellungen als auch Markenpräsentationen jederzeit neu konfigurieren.

Statt eines klassischen Shop-in-Shop-Systems entwickelte Budde im Erdgeschoss auf rund 300 Quadratmetern Fläche eine räumliche Choreografie, die sich an den Abläufen eines Tages orientiert. Kund*innen durchlaufen jene Räume, die sie auch zuhause erleben: Ankommen, Essen, Entspannen, Schlafen. Entsprechend der jeweiligen Nutzung verändern sich Farbigkeit und Atmosphäre. Der Essbereich ist in warme Orange- und Brauntöne getaucht, die Lounge in tiefes Rot, der Schlafbereich in kräftiges Blau. Mit jedem Schritt ins Gebäude verdichten sich Farbigkeit und Stimmung – von hellen, offenen Bereichen bis zu dunklen, nahezu monochromen Räumen.

„Anstatt einen neutralen Hintergrund für die Produktpräsentation zu gestalten, wollten wir einen Raum schaffen, der Emotionen weckt und zum Entdecken einlädt“, sagt Johannes Budde. „Jede Zone bietet eine eigene Atmosphäre und ermöglicht es den Besuchern, Möbel nicht nur als Objekte, sondern als Teil einer umfassenden sensorischen Erzählung zu erleben“, ergänzt Meike Papenfuß.

Welche Präsentationen brauchen Möbelmarken heute?
Auch die Anforderungen einer zunehmend digitalen Vermarktung flossen in den Entwurf ein. Budde fragte nicht nur, wie Möbel verkauft werden, sondern auch, wie Marken heute Bilder produzieren. Statt verschiedene Hersteller miteinander zu mischen, erhielt jede Marke klar definierte Bereiche mit eigener Farbigkeit und eindeutiger räumlicher Identität. Die Flächen funktionieren damit zugleich als Ausstellungsräume sowie als Kulissen für Foto- und Social-Media-Produktionen.

Zwischen den Möbeln finden sich auch Arbeiten des Studios selbst. Dazu gehören die Betonhocker RUG'N ROLL sowie das für den italienischen Hersteller Serafini entworfene Waschbecken Piano. Aus Rosso Lepanto gefertigt und am Ende einer beleuchteten Materialbibliothek positioniert, fungiert das Objekt als räumlicher Schlusspunkt der Inszenierung.

Café und Terrasse
Während das Erdgeschoss auf Raumsequenzen setzt, verfolgt das Obergeschoss ein gegensätzliches Konzept. Rund 100 Quadratmeter Innenfläche sowie eine ebenso große Terrasse stehen ausschließlich Besucher*innen mit Termin offen. Innerhalb einer ruhigen, off-white-farbenen Architekturhülle arrangiert Budde Möbel, Leuchten und Objekte collageartig zu einer bewusst offenen Komposition.

Ikonische Stücke von Zanotta treffen auf Accessoires von Karakter oder Completedworks. Mittelpunkt des Raumes ist eine skulpturale Kaffeebar in Tropfenform, teilweise umschlossen von einer drei mal zwei Meter großen, gebogenen Acrylglasfläche in Gelb. Sie dient gleichermaßen als funktionaler Raumteiler und als visuelles Zentrum.

Das Café wird vorerst nur punktuell betrieben. Gleichzeitig reagiert der Entwurf auf die besondere Kaffeekultur Shanghais, die als Stadt mit der weltweit höchsten Cafédichte gilt: Über ein Schiebefenster in der oberen Etage bereitet der Barista während der Öffnungszeiten des Showrooms per App bestellte Kaffeespezialitäten zu, die anschließend von Kurieren auf Elektrorollern abgeholt und ausgeliefert werden.

Can-do-Mentalität
Das gesamte Projekt wurde nahezu vollständig remote entwickelt. Während Meike Papenfuß und Johannes Budde 2025 mehrere Monate in Mailand lebten, entstand der Entwurf von dort aus. Erst zur Eröffnung reiste das Team nach Shanghai.

Grundlage der Planung waren Grundrisse, digitale Modelle und Animationen des Sonnenverlaufs. Gerade deshalb überraschte die Umsetzung das Kölner Studio: China werde in Europa häufig mit günstiger, schneller Produktion verbunden. Die Erfahrung im Projekt sei jedoch eine andere gewesen. Die chinesischen Kooperationspartner überzeugten durch außergewöhnliche Präzision, hohe handwerkliche Qualität und eine bemerkenswerte Offenheit gegenüber ungewöhnlichen Ideen.

Selbst die großformatig gebogene Acrylglasfläche der Bar wurde ohne Diskussion exakt nach den Entwurfsplänen umgesetzt. Statt Grenzen aufzuzeigen, habe das Projekt vor allem eine ausgeprägte Can-do-Mentalität sichtbar gemacht – eine Haltung, die das Studio als Ausdruck einer starken handwerklichen Kultur versteht.

Europäisches Designpotenzial in China
Dass ein solches Konzept ausgerechnet in Shanghai entsteht, überrascht Budde nicht. Das Studio beobachtet derzeit eine dynamische Entwicklung auf dem chinesischen Designmarkt. Die lokale Szene werde zunehmend selbstbewusst, gleichzeitig bleibe Europa für viele Käufer*innen weiterhin die Referenz für hochwertiges Design.

Vor allem in den Metropolen entstehe eine junge, designaffine „Upper Middle Class“, die gezielt nach authentischen europäischen Marken suche und bereit sei, dafür erhebliche Summen zu investieren. Dabei gehe es ausdrücklich um Originale statt um Kopien. Während ihres Aufenthalts in Shanghai begegneten die Designer Arbeiten von Sabine Marcelis, Gustaf Westman, Daniel Arsham und zahlreichen weiteren europäischen sowie amerikanischen Gestalter*innen in den führenden Einrichtungshäusern der Stadt.

Für Budde zeigt das Projekt, welches Potenzial derzeit im chinesischen Markt liegt. Gleichzeitig, so die Einschätzung des Studios, funktioniere ein Markteintritt nur gemeinsam mit lokalen Partnern, die die kulturellen und wirtschaftlichen Besonderheiten kennen. So soll die Zusammenarbeit mit doz.IOIII Project(s) fortgesetzt werden. Bereits jetzt besteht Nachfrage nach weiteren Interior-Projekten für private Kund*innen des Unternehmens, die neben den Möbeln auch eine vollständige Innenraumplanung nachfragen. Dass dabei „deutsche Architektur“ in China weiterhin als Qualitätsversprechen wahrgenommen wird, dürfte den Kölnern zusätzlich in die Karten spielen.

 
doz.IOIII PROJECT(S)
F114 & F204
No. 195 Guangfu Road
Jing’An District
Shanghai, China

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Links

Entwurf

Budde

budde.co

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