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Atmosphärische Zeiten

Hermann August Weizenegger im Kunstgewerbemuseum in Berlin

Was haben italienische Renaissance-Majolika, Atmosphäre, die dekonstruierte Arbeitsstätte eines Maskenbildners und Techno gemeinsam? Antworten liefert das Berliner Kunstgewerbemuseum in der Ausstellung Atmoism: gestaltete Atmosphären mit Arbeiten von Hermann August Weizenegger.

von Alexander Stumm, 11.09.2020

Der Industriedesigner Weizenegger, a.k.a. HAW, hat 24 Installationen direkt in der Dauerausstellung platziert. Die zwischen Architektur, Design und Skulptur oszillierenden Arbeiten verhandeln spekulative Produktszenarien für eine nahe Zukunft. Mal konkret, mal konzeptuell mit Titeln wie Aufenthalt, Farbe, Bindung oder Sprache treten sie in Dialog mit den historischen Exponaten. Eine gelungene Intervention, die es vermag, dass man die ehrwürdigen Objekte in den Vitrinen mit ganz neuen Augen betrachtet.

Im Eingangsbereich findet sich neben in seine mineralischen Bestandteile aufgedröselten Schminkutensilien das Portrait einer wild visagierten Frau, fotografiert von Dennis Mebrouki. In welche Rollen schlüpfen wir im Umgang mit unseren Mitmenschen, welche Masken ziehen wir uns an? Diese Eingangsstation „Das Abbild“ stellt Fragen der Repräsentation und (medialen) Selbstdarstellung. „Das Private“ besticht durch einen neongelben Vorhang aus Latex (!) und in „Die Illusion“ platziert HAW seinen X-Chair in einer hochlimitierten Edelstahledition (Produktionskosten pro Stück: 35.000 Euro) auf einem Sockel – eine Persiflage auf die Tradition der Autorendesigner, die seit den Achtzigerjahren mit scheinbar autonomen Designunikaten die Grenze zwischen Design und Kunst verschwimmen ließen.

Zwischen Porzellan und Fayencen im Delfter Blau, einem in Holzintarsien gearbeiteten Münz- und Medaillenschrank, fein gearbeiteten Elfenbeinschnitzwerken oder Jugendstilmöbeln begegnet man den bühnenartigen Installationen von HAW, gespickt mit seinen Prototypen, Designexperimenten und seriell gefertigten Produkten. Die Bandbreite von Weizeneggers Schaffen macht seinen Anspruch für ein alle Lebensbereiche umfassendes „Gesamtkunstwerk“ offensichtlich: Sein Gestaltungswille reicht von Fassadenteilen und Wandpaneele über Tische, Sessel, Loungesofas, Leuchten, Teppiche und Mode bis hin zu Vasen und Schmuckdosen.

HAW hat dafür mit Unternehmen und Manufakturen wie Pulpo, Porcelaingres, Poschinger Glasmanufaktur, Object Carpet oder Keramik Rheinsberg zusammengearbeitet und deren Produkte in die Ausstellung integriert. Tatsächlich kann man die Ausstellung als Fusion von Messestand und Museum verstehen. Was auf den ersten Eindruck irritierend wirken mag, funktioniert aber hervorragend. Denn die historischen Exponate waren ja dereinst nichts anderes: Neuheiten, die auf dem auch damals schon internationalen Markt um die Gunst des Konsumenten buhlten.

So steht beispielsweise deutsches Steinzeug aus dem 17. Jahrhundert neben Hightech-Fabrikaten des Feinsteinzeugherstellers Porcelaingres, die im brandenburgischen Vetschau eine der modernsten Produktionsanlagen in Europa betreiben. Neue Technologien arbeiten hochauflösende Abbildungen direkt in die Engobe, also die oberste Beschichtung der Keramik, ein, wodurch komplexe Musterungen oder figurative Darstellungen möglich werden. Auch wenn sich die ästhetischen und technischen Vorbedingungen radikal gewandelt haben mögen: Dem Betrachter werden durch die konsequente Integration in die Dauerausstellung die vielen Kontinuitäten und Bezüge zwischen den Jahrhunderten eindringlich vor Augen geführt.

Immer wieder scheinen auch Bezüge zur rohen Betonarchitektur des 1967 von Rolf Gutbrod entworfenen (aber erst 1985 fertiggestellten) Baus und zum Vorplatz mit seinen von Skatern und BMX-Fahrern gefeierten Rampen und Treppen auf. Eine nicht nur visuelle, sondern auch auditive Erfahrung ist die Installation „Der Körper“. Aus gigantischen muschelförmigen Lautsprechern wummert der Technotrack „The Sound of Atmoism“, den der Berliner DJ Sternum für die Ausstellung kreiert hat. Auf einem Screen ist das Video des Tänzers Arshak Ghalumyan vom Berliner Staatsballett zu sehen, der die Beats in Bewegung übersetzt (Regie: Richard Rossmann). HAW kommt hier von der brutalistischen Architektur des Kunstgewerbemuseums zur harten Berliner Techno-Szene der 1990er Jahre, die sich ebenfalls in rohen Betonbauten wie dem ehemaligen Reichsbahnbunker Friedrichstraße (heute Sammlung Boros) oder dem Berghain versammelte. Die umstehenden Möbelobjekte aus Schaumstoff unterstützen die Clubatmo zusätzlich.

Architektur ist dann keine rein formale, sondern eine leib-sinnliche Erfahrung. HAW bedient sich hier der Theorie Gernot Böhmes, der in den 1990er Jahren bahnbrechende und zugleich höchst populäre Texte zur Atmosphäre verfasst hat. Dominierte in der Architekturtheorie zuvor in der Postmoderne in erster Linie die Semiotik – also die Wissenschaft von den Zeichen und ihren Wirkungen –, brachte Böhme die Relevanz des Körperlichen zurück in den Architekturdiskurs. Entstanden auch unter der zunehmenden Digitalisierung der Entwurfspraxis war dieser Ansatz ein klares Bekenntnis zur gegenständlichen Welt. Und dieses Bekenntnis scheint vor dem Hintergrund unserer Alltagsgegenwart – von entkörperlichten sozialen Netzwerken bis hin zum pandemiebedingten Social Distancing – nur noch dringlicher.


Atmoism – Gestaltete Atmosphären
Arbeiten von Hermann August Weizenegger
Bis 15. August 2021
Kunstgewerbemuseum Berlin
Matthäikirchplatz
10785 Berlin

Der Besuch ist nur mit einem negativen Ergebnis eines Tests auf das Coronavirus, einer FFP2-Gesichtsmaske sowie einem vorab online gebuchten Zeitfenster-Ticket möglich.

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Hermann August Weizenegger

hermannaugustweizenegger.de

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